ZUKUNFT HEIMAT Es geht um Identifikation

Rotenburgs Stadtplaner Bumann sucht Geist des Ortes

Clemens Bumann leitet das Planungsamt in Rotenburg. Mit dem Lohmarkt verbindet er einen Traum.
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Clemens Bumann leitet das Planungsamt in Rotenburg. Mit dem Lohmarkt verbindet er einen Traum.

Rotenburg – Clemens Bumann ist angekommen in der Kreisstadt. Der Rotenburger Stadtplaner ist ein guter Gesprächspartner, wenn es um das Thema „Heimat“ und damit auch um deren Zukunft geht. Er gestaltet Zukunft, er gibt ihr ein Gesicht.

Geboren und aufgewachsen ist er in Freiburg im Breisgau. Nach seinem Studium in Kehl und Berlin ist er 2008 nach München zu seiner heutigen Ehefrau gezogen und hat sechs Jahre das Bauamt der Stadt Ebersberg geführt. Seine Heimat – liegt sie im Süden, oder ist sie im Norden? „Vor acht Jahren bin ich nach Rotenburg gekommen. Heimat ist für mich dort, wo ich mich wohl fühle, etwas bewegen kann und ich eine Perspektive für meine Familie mit drei Kindern sehe.“ Das entscheidende Kriterium für die Definition der eigenen Heimat seien individuelle Überlegungen. „Meist sind es, wie ich es bei meiner Familie wahrnehme, menschliche Bindungen“, sagt Bumann. Für ihn überwiege die Gestaltungsfreiheit in seinem beruflichen Umfeld bei dieser Entscheidung. Dabei habe er es wiederum mit Menschen zu tun, deren Vorstellungen und Mentalitäten auf ihn einwirkten.

Warum aber sprechen wir eigentlich mit ihm, dem Stadtplaner, über diese Fragen? Ganz einfach: Er sitzt an einer sehr entscheidenden Stelle in der Kreisstadt, an der es um das Gesicht dessen geht, was viele Menschen als Heimat empfinden. So viel ist klar: Heimat ist nicht zuletzt ein Ausdruck von Identifikation. Stadtplanung kann mit dem Blick nach vorne also identitätsstiftend wirken.

„Richtig, Identifikation ist eine wesentliche Voraussetzung, den Wohnort als Heimat zu begreifen“, erklärt Bumann. Ein Stadtplaner sollte daher den „genius loci“, den Geist eines Ortes, aufspüren und erkennen. Es gehe darum, die Merkmale, Vorgaben und die Geschichte eines Ortes zu erfassen, um identitätsstiftend wirken zu können. „Diese Parameter sind weit gefasst. Es geht um Siedlungsformen, um Wirtschaftsstrukturen, die Art der daraus resultierenden Mobilität, aber auch um kulturelle Eigenarten bis hin zum Freizeitverhalten“, sagt der Experte. Eine dem Menschen entsprechende Stadtplanung müsse diese Faktoren aufnehmen, damit der beplante und gebaute Raum möglichst vielen gerecht wird. Im Ergebnis führe diese Entsprechung zu einer identitätsstiftenden Wirkung.

Die Kernstadt sei eine flächenintensive Stadt, sternförmig mit leistungsgerechten Bundesstraßen erschlossen. Geschichtlich und kulturell sei sie auf kein Zentrum ausgerichtet. Die Ortschaften führten kulturell ein Eigenleben, seien aber wirtschaftlich auf die Kernstadt ausgerichtet. „Ein zentraler Treffpunkt, um gemeinsam Zeit zu verbringen, würde positiv auf das Zusammenleben und das Gemeinschaftsgefühl einer Stadtgesellschaft wirken. Ein kollektiver Ort schafft Identität und eine städtebauliche Aufwertung für das Umfeld. Dieser Ort könnte mit einer Multifunktionshalle in zentraler Lage geschaffen werden“, findet Bumann. Er denkt dabei an den Lohmarkt als Standort. Vor einiger Zeit verriet er, dass dieser „kollektive Ort“ dort für ihn ein Traum sei.

Die Wohnform des Einfamilienhauses mit umgebendem Garten als gesellschaftliches Leitbild rage in Rotenburg heraus. Die meisten Bewohner suchten Ruhe und Entspannung auf dem eigenen Grundstück und identifizierten sich damit. Aber: „Die Erwartungen an gepflegte Straßenräume und attraktive Grünbestände sind hoch.“

Weiterhin sei die Erwartungshaltung an die soziale Infrastruktur wie Kindergärten und Schulen oder Mehrzweckhäuser und Feuerwehren in den Ortschaften, aber auch Sicherung der Arbeitsplätze und Planung neuer Gewerbegebiete hoch. „Folgerichtig lag ein Schwerpunkt meiner Aufgabe in den vergangenen Jahren in der Entwicklung neuer Wohn- und Gewerbegebieten sowie den Ausbau und die Unterhaltung der Gemeinbedarfseinrichtungen.“

Es wird deutlich: Heimat und Zukunft sind miteinander zu kombinieren. „Die Stadtplanung prägt und bestimmt einen jeweils abgegrenzten Bereich einer Stadt, nämlich dort, wo eine konkrete Planung ansetzt, über Jahrzehnte“, weiß der Fachmann. Nur selten, wie im Falle von Stadtentwicklungskonzepten, habe man die Möglichkeit, über die gesamte Stadt nachzudenken. Am Ende setze die Planung aber auch hier an einzelnen definierten Orten an, Maßnahmen umzusetzen, um das Gesamtkonstrukt Stadt positiv zu entwickeln.

„Die Erkenntnis, dass ich als Planer über Jahrzehnte den öffentlichen Raum für eine hier lebende Gesellschaft mitbestimme, ist mir bewusst und macht mich respektvoll vor der Aufgabe.“ Aktuell werde die bisherige gesellschaftliche Lebensweise in manchen Teilen infrage gestellt. „Politisch wird von Energiewende, Verkehrswende und neuen Bau- und Siedlungsformen gesprochen.“ Der demografische Wandel stelle die Stadtplanung vor weitere Herausforderungen. Wenn diese Vorstellungen auch in die Stadtplanung einfließen sollen, müsse der Städtebau urbaner, die Nutzungen durchmischter und die Siedlungen insgesamt komprimierter werden. Bumann: „Ich versuche, diese neuen Entwicklungen mit dem genius loci Rotenburgs zu vereinen, um so den individuellen Charakter zu bewahren.“

Bumann kommt aus dem Süden, ist jetzt im hohen Norden zu Hause. Welche Unterschiede sind für ihn als Stadtplaner festzustellen, mit denen er in seiner Arbeit konfrontiert wird? „Ja, ich bin aus Bayern zugezogen, kenne mich aber aufgrund meiner Herkunft im gesamten Süddeutschen Raum aus. Im Süden unserer Republik wird Heimat kleinräumiger definiert. Das macht sich bereits an der Formulierung in ihrer Frage bemerkbar. Sie sprechen von Norden und Süden und betrachten diese Landesteile einheitlicher.“

Im Süden präge die Topografie vielerorts das kulturelle und wirtschaftliche Leben. Kleinräumige Herrschaftsbereiche seien entstanden und prägten bis heute die Stadtentwicklung. „So unterscheiden sich benachbarte Täler in ihren Dialekten, Glaubensrichtungen und Strukturen und bauten oftmals darauf einen Wettstreit aus. „Der Konkurrenzkampf macht diese Regionen aktuell leistungsfähig, und viele definieren sich über diese kleinräumigen Strukturen.“ Der Norden sei weiträumiger, und für Außenstehende sei es einfacher, in diesen Strukturen anzukommen. Bumann: „Das hat es für mich leicht gemacht, hier positiv tätig zu sein, und dafür bin ich vielen Mitmenschen dankbar.“

Bumann selbst hat im Laufe seines Lebens schon mehrfach den Ort für sein Zuhause gewechselt. Für ihn stehe fest: „Die Möglichkeit, sich frei zu entfalten und sich einbringen zu können, macht Menschen sichtbar und führt dazu, dass jeder sich mit seiner Region, in der er lebt, identifizieren kann. Dieser Ansatz ist losgelöst von prägenden Bauten und Stadtbildern oder von materiellen Werten und Wohlstand.“ Es sei nicht verboten, auch so etwas wie Stolz für seine Heimat zu empfinden. Letztendlich sei die Herkunft eine essenzielle Prägung, die jeder Mensch ein Leben lang in sich trage. Diese Erfahrungen könnten jedoch positiv für ein neues Zuhause sein, das sich als Heimat begreifen lasse. Diese Erfahrung macht er schon seit acht Jahren in Rotenburg – dort, wo er mit seiner Familie nun wohnt und sich für die städtischen Belange einsetzt.

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