Rollenwechsel nach Kommunalwahl

Rotenburgs scheidender Bürgermeister Weber will ein Ratsmandat

Andreas Weber
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Andreas Weber kandidiert noch einmal – nicht als Bürgermeister der Stadt Rotenburg, wohl aber für ein Ratsmandat.

Nun also doch: Andreas Weber will in der Rotenburger Politik bleiben. Nicht als Bürgermeister, aber als SPD-Ratsherr.

Rotenburg – Andreas Weber hat noch nicht genug. Sieben Jahre Bürgermeister in Rotenburg ist der heute 64-Jährige, und auch wenn er nicht mehr für eine weitere Amtszeit kandidiert: Der SPD-Politiker möchte in seiner Heimatstadt weiter mitwirken. Bei der Kommunalwahl am Sonntag steht er auf Platz neun der Liste seiner Partei. Weber will ein Ratsmandat.

Die Querelen sind weitgehend vergessen. Andreas Weber möchte nach vorne blicken, sagt er. Der 64-Jährige spürt eine „Aufbruchstimmung“ in der Stadt, betont er beim Pressegespräch in seinem Bürgermeisterbüro. Das räumt er zwar Ende Oktober, aber aus der Politik der Kreisstadt will er sich nicht verabschieden. „Ich will mich ehrenamtlich in die Pflicht nehmen lassen.“ Dabei weiß er durchaus, dass sein Name auf der Kandidatenliste für viele eine Überraschung war. Es ist ein bemerkenswerter und in der Region bislang einmaliger Vorgang, dass der scheidende Hauptverwaltungsbeamte in seiner Kommune ein Mandat ergattern möchte.

Dass er nicht mehr Bürgermeister sein will, sei „auch ein Stück dem Alter geschuldet“, sagt er. Er sei als Verwaltungschef in den vergangenen Jahren „intensiv gefordert“ gewesen, niemand könne ihm vorwerfen, nicht mit vollem Einsatz dabei gewesen zu sein. Lust an der Politik habe er immer gehabt, „am Gestalten und an der Fachlichkeit“, es habe aber eben auch die Phasen gegeben, in denen „man die Nase voll hat“. 2016 sei der neue Rat „relativ schlecht gestartet“, erstmals sei die AfD vertreten gewesen, es gab ein politisches Patt, dann sogar „eine konservative Mehrheit“. Zwar sei es ein großer Erfolg gewesen, auch mit dieser viele Meilensteine auf den Weg gebracht zu haben, aber: „Es geht viel Energie verloren, wenn man Projekte auf den Weg bringt, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen abgelehnt werden“. Als Beispiel nennt er den erst kürzlich von der CDU-geführten Mehrheit abgelehnten Friedwald am Hartmannshof. Für den SPD-Bürgermeister war das ein rein parteipolitisches Manöver im Wahlkampf.

Tilman Purrucker hat als CDU-Fraktionschef eine neue Sachlichkeit in die Ratsarbeit gebracht, lobt Andreas Weber.

Seit zwei Jahren sei die Zusammenarbeit im Rat grundsätzlich besser geworden. Vor allem: ruhiger. Aus Webers Sicht ist das insbesondere dem neuen CDU-Fraktionschef Tilman Purrucker zu verdanken, der ausgleichender wirke. Im Sinne einer konstruktiven Zusammenarbeit für die Kreisstadt möchte auch Weber selbst nun weiter dabei sein. „Ich möchte am Scheitelpunkt der Stadt weiter mitwirken“, sagt er mit Blick auf die Perspektiven, die unter anderem das Ziel der Aufnahme ins Städtebauförderungsprogramm eröffnet. Er habe einfach „Freude am Entwickeln“ – auch in dann anderer Funktion.

Weber hat sich vom Rat als Wahlleiter entpflichten lassen, die Aufgabe übernimmt Hauptamtsleiter Uwe Radtke. So kann Weber als Wahlkämpfer auftreten. „Ich muss dabei aber etwas diplomatischer auftreten als andere“, sagt er zur Doppelrolle. Schafft er es in den neuen Rat, sieht er kein Problem für den Rollenwechsel. „Ich bin kein Aufpasser, sondern habe Erfahrungswissen und kann gut helfen.“ Er wolle die Verwaltung unterstützen, so wie er als neuer Bürgermeister von der reichhaltigen Erfahrung von Hedda Braunsburger oder Hartmut Schaarschmidt profitiert habe. Weber: „Es soll aber auf keinen Fall passieren, dass man dort als Besserwisser sitzt.“

Nachfolger? Kein Name, bitte

Wen er sich als Nachfolger wünscht, lässt der Wahlkämpfer indes offen. Weder den von SPD und Grünen nominierten Torsten Oestmann noch CDU-Bewerber Frank Holle nennt er. Aber er sagt: „Wir brauchen jemanden für die Zukunft, der sich mit Rotenburg identifiziert.“ Das Thema Sicherheit werde in den kommenden Jahren stark in den Fokus rücken. Dafür sei „eine ganze enge Zusammenarbeit mit der Polizei notwendig“, so der ehemalige Bremer Polizeichef Weber. Dass er damit ganz genau den aktuellen Rotenburger Polizeichef Oestmann beschreibt, kommentiert er auf Nachfrage nicht: „Als amtierender Bürgermeister bin ich für alle da und halte mich deswegen zurück.“ Die Stadt hinterlasse er jedenfalls „finanziell und planerisch gut aufgestellt“.

Er habe sich auch in seinem Wahlkampf 2014 nie schlecht über seinen Konkurrenten und damaligen Amtsinhaber Detlef Eichinger geäußert. Das soll so bleiben. Parteien und Wahlkampf hin und her: „Es geht darum, nach vorne zu entwickeln.“ Das will Weber nach seiner Wahl in den Rat tun – selbst wenn er es dann mit einigen Personen der politischen Vergangenheit tun muss.

Im Live-Ticker zur Kommunalwahl in Niedersachsen berichtet kreiszeitung.de am Sonntag, 12. September 2021, über die aktuellen Entwicklungen, die Ergebnisse, die gewählten Bürgermeister und Landräte.

Der Kommentar von Michael Krüger

Geschickter Schachzug der Partei sorgt für seltsame Verhältnisse

Dass ein scheidender Hauptverwaltungsbeamter weiter im Rat seiner Kommune politisch mitwirken möchte, ist eine Rotenburger Besonderheit. Andreas Webers Kandidatur für den Rat nach dem selbst gewählten Abgang aus dem Amt ist zunächst einmal ein geschickter Schachzug der SPD, seiner Partei. Weber wird, das steht wohl außer Frage, am Sonntag eines der besten Einzelwahlergebnisse erzielen, viele Stimmen für die Genossen sammeln, sodass diese dann auch insgesamt von diesem Zugpferd profitieren. Dass die SPD, die in den vergangenen Jahren ganz und gar nicht einheitlich aufgetreten ist im Rat, mit Weber und einer insgesamt durchaus beachtenswerten Kandidatenliste durch viele neue Gesichter wieder den Anspruch erhebt, stärkste Ratsfraktion zu werden, ist keine Träumerei.

Nur: Tut sich Weber zwei Jahre nach dem Hickhack um seinen politischen Rückzug im Zuge der IGS-Oberstufendebatte damit selbst einen Gefallen? Nicht selten schien ihm die politische Auseinandersetzung im Rat zuwider, der Ton zu rau, insbesondere dann, wenn es gegen die Beschlussempfehlungen der Verwaltung ging. Damit muss sich der heute 64-Jährige künftig anders arrangieren. Spannend dürfte es auch sein, wie sich das Verhältnis zu seinem Nachfolger entwickelt. Gewinnt der SPD-Kandidat Torsten Oestmann, darf Weber nicht in die Rolle des altersweisen Ratgebers verfallen. Gewinnt Frank Holle (CDU), wird der nicht verstummen, Entscheidungen seines Vorgängers öffentlich zu sezieren. So oder so: Eine gewisse politische Seltsamkeit wird entstehen.

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