INTERVIEW Landkreis-Gleichstellungsbeauftragte Katja Weße zieht Bilanz

„Das ist ein stetiger Prozess“

Katja Weße sitzt am Rand des Brunnens vor dem Kreishaus.
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Katja Weße plädiert für mehr Individualität bei den Arbeitszeiten.

Rotenburg – Seit Ende 2019 ist Katja Weße die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises. Jetzt hat sie ihren ersten Bericht zur Umsetzung des Gleichstellungsplans abgegeben. Wir haben sie getroffen und uns mit ihr über ihre Ziele, Wünsche und Ergebnisse aus dem Plan unterhalten.

Frau Weße, sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?

Das kann man so sagen. Man muss aber ergänzen: Ich konnte noch nicht so viel umsetzen und bewirken, wie ich es mir gewünscht habe. Im ersten halben Jahr ging es viel um Vernetzung, ums Kennenlernen. Dann kam die Pandemie.

Wie steht es denn derzeit um die Geschlechtergerechtigkeit in der Landkreisverwaltung?

Der Landkreis ist gut aufgestellt und hat ein gutes Konzept. Er setzt viele Maßnahmen aus dem Gleichstellungsplan gezielt um. Als ein positives Beispiel zu nennen ist, dass wir ein relativ ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen haben. Mitunter müssen wir aber darauf achten, dass es nicht zu einer Unterrepäsentanz der Männer in einigen Bereichen kommt.

Und wie steht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Da ist ein öffentlicher Arbeitgeber wie der Landkreis fantastisch. Wir haben verschiedene Dienstvereinbarungen, zum Beispiel zur Telearbeit, und ein gutes Personalentwicklungskonzept. Außerdem finden Landkreis-Sitzungen während der Arbeitszeit statt und sind damit auch familienfreundlicher.

Konnte die Unterrepräsentanz also verringert werden?

Meines Erachtens ist mittlerweile der Öffentliche Dienst gerade bei Frauen sehr beliebt. Wir haben Elternzeit, Mutterschutz, flexible Arbeitszeiten, es gibt Aufstiegschancen und Fortbildungsmöglichkeiten. Das ist, gerade wenn man sich für eine eigene Familie entscheidet, sehr praktisch.

Was viele gerne vergessen: Gleichstellung geht in beide Richtungen. Gibt es dort den Bedarf für Unterstützung und Hilfestellung oder sind Männer da bislang noch eher zurückhaltend?

Männer sind schon zurückhaltender, doch es gibt Bereiche, in denen noch mehr gefördert werden müsste: der Sozial- und der Erziehungsbereich zum Beispiel. Im Jugendamt arbeiten fast ausschließlich Frauen und nur wenige Männer. Wobei es sich hier um ein gesamtdeutsches Problem handelt und ein Umdenken erfordert. Frauen sind dort in den Teamleitungspositionen aber wieder unterrepräsentiert. Im Bauamt dagegen sind mittlerweile ebenfalls viele Frauen. Sie drängen in die männlichen Gefilde vor, Männer aber nicht in die „typischen“ Frauen-Berufe. Da muss gezielt mehr gemacht werden, das können wir im Landkreis aber nicht allein steuern. Da muss sich das Bild eines Erziehers oder Sozialarbeiters nach außen ändern – mit Anerkennung, mit mehr Gehalt.

Mehr Männer würden sich vermutlich für solche Berufe entscheiden, wenn es finanziell besser aussehen würde?

Absolut. Ich bin selber Mutter von drei Söhnen und habe mir immer eine männliche Bezugsperson für meine Kinder in der Kita und auch in der Grundschule gewünscht. Aber erst in den weiterführenden Schulen ist das Verhältnis unter den Lehrkräften ausgeglichener. Die Erzieher, die ich kennengelernt habe, waren tolle Vorbilder. Sie sind genauso notwendig, ebenso müssen Väter noch mehr in die Sorgearbeit eingebunden werden. Aber da hat sich das Bild inzwischen auch schon ein wenig gewandelt, sie wachsen heute mit einem anderen Selbstverständnis auf.

Können Sie da noch mehr einwirken, um diesen Wandel zu fördern?

Das ist schwierig. Wie gesagt, handelt es sich ja hier um ein gesellschaftliches Problem. Man könnte mehr Aufklärungsarbeit betreiben und die neue Generation ermutigen, ihren Weg zu gehen.

Sie sind auch bei Stellenbesetzungsverfahren dabei, werden Sie ernst genommen?

Ich werde von Anfang an beteiligt. In den Vorstellungsgesprächen bin ich ein vollwertiges Mitglied der Auswahlkommission.

Es ist wichtig, dass eine Gleichstellungsbeauftragte ernst genommen wird, es gibt noch viele Gemeinden, in denen das nicht der Fall ist. Wie ist da Ihre Erfahrung im Austausch mit anderen?

Es gibt viele Gemeinden und Kommunen, die eine Gleichstellungsbeauftragte stellen, weil sie das müssen, aber sie wird immer noch ehrenamtlich beschäftigt. Ein Gleichstellungsplan und ein Bericht zur Umsetzung dieses Plans müssen erstellt werden, das passiert leider nicht immer. Das ist schlimm. Es folgen keine Konsequenzen, wenn man das nicht macht. Wir Gleichstellungsbeauftragten arbeiten daran, sprechen das immer wieder an. Aber wenn ein Bürgermeister und Gemeinderat sagt, das brauchen wir nicht, ändert sich nichts. Teilweise sind es auch weibliche Führungskräfte, die sich quer stellen: Ist es der Neid, weil sie sich selber durchgekämpft haben? Ich weiß nicht, woran das liegt.

Es bleiben also viele Baustellen. Wird der Punkt kommen, an dem wir nicht mehr davon sprechen müssen, weil es einfach selbstverständlich geworden ist?

Ich weiß nicht, ob das so kommen wird. Wir müssen als Gesellschaft endlich lernen, jeden individuell zu betrachten. Nicht in Geschlechtern oder sonstigem zu denken. Das ist ein sehr schwieriger Prozess, der mit viel Aufklärungsarbeit verbunden ist. Es gibt immer noch weibliche Führungskräfte, die als erstes nach der Kinderbetreuung gefragt werden. Das hat nichts mit deren Qualifikation zu tun. Ich glaube aber, wir haben in den vergangenen 100 Jahren schon einiges erreicht. Die Frauen streben überall nach vorne, und die Männerwelt hat erkannt, dass sie die Frauen braucht.

Vor allem im vergangenen Corona-geprägten Jahr. Aber die Pandemie bedeutete für viele Frauen einen Schritt zurück, in alte Rollenmuster.

Auf jeden Fall. Das hängt wieder mit einem alten Problem zusammen: dem Gehalt. Solange die Frauen immer noch schlechter bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen und dann auch noch vorwiegend in Berufen arbeiten, die schlechter bezahlt werden, wie im Erziehungsbereich oder als Pflegekraft, teilweise in Teilzeit, weil die Kinderbetreuung so schlecht ist, ist der Partner der Hauptverdiener einer Familie. Und eine Familie braucht Sicherheit. Also bleibt die Frau Zuhause.

Haben Sie Sorge, dass das langfristig so bleiben könnte?

Solange noch eine Unsicherheit herrscht, wie es mit Corona weitergeht, zwingt das viele Familien, in Sicherheitsbahnen zu denken. Hat da der Mann den Job mit dem besseren Gehalt, kümmert sich die Frau um die Kinder und arbeitet vielleicht nur nebenbei. Das ist aus Sicht der einzelnen Familie verständlich, aber gesamtgesellschaftlich betrachtet ein Rückschritt.

Sie haben vor zwei Jahren gesagt, dass Sie gerne einen Frauenrat einrichten würden. Frauen müssen politisch selbst aktiver werden. Wirft man zum Beispiel einen Blick auf den neuen Kreistag, sind da gerade einmal 14 Frauen. In vielen anderen Gremien sind auch nur wenige Frauen dabei. Hätten Sie sich da mehr gewünscht?

Auf jeden Fall. Aber da kommt es auch auf die Listenverteilung an. Sind Frauen weiter hinten gelistet, wird es für sie schwieriger. Eine paritätischere Platzverteilung wäre hier wünschenswert. Aber dafür bedarf es auch der Frauen. Viele trauen sich die politische Arbeit nicht zu. Da braucht es ebenfalls mehr Aufklärungsarbeit, denn Frauen sind in den Kindergärten und Grundschulen in den Räten, lassen sich als Elternsprecher wählen und setzen sich für ihre Belange ein. Das ist doch schon zum Teil ein politisches Engagement, das muss ihnen begreiflich gemacht werden.

In den Wahlprogrammen ging es viel um Chancengleichheit. Wird sich wirklich etwas ändern?

Wenn man endlich da Gleichheit schafft, wo man sie schaffen kann, nämlich bei fairen Löhnen, würde das schon viel bewirken.

Was ist Ihr persönliches Fazit aus Ihrem Gleichstellungsbericht?

Wir haben in vielen Bereichen Unterrepräsentanz in Bezug auf die alten Pläne abbauen können. Das ist ein stetiger Prozess, der durch unterschiedliche Begebenheiten beeinflusst wird. Wir müssen ebenfalls weiter an dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf arbeiten. Der öffentliche Dienst muss als Arbeitgeber attraktiv bleiben und sich stetig verbessern. Das geht meines Erachtens nur, in dem wir noch flexibler, noch individueller werden. Zum Beispiel, um eine Kinderbetreuung oder die Pflege Angehöriger besser ermöglichen zu können. Dazu brauchen wir ein Vorankommen in der Digitalisierung. Wir sind ein großer Flächenlandkreis, mit zwei Kreishäusern, die eine Stunde Fahrt voneinander entfernt sind. Wir könnten flexibler sein und umweltschonender, wenn wir zu Hause individuellere Arbeitsmöglichkeiten schaffen.

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