INTERVIEW AM WOCHENENDE Kreisarchäologe Stefan Hesse über seine Arbeit

„Die Objekte sind Mittel zum Zweck“

Ein Beil aus dem Jahr 2500 vor Christus hält Kreisarchäologe Stefan Hesse in der Hand.
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Ein Beil aus dem Jahr 2500 vor Christus: Seltene Funde für Kreisarchäologe Stefan Hesse.

Rotenburg – Bei Bauarbeiten am Scheeßeler Rathaus fanden die Arbeiter menschliche Knochen. Dank der Hilfe der Kreisarchäologie klärte sich der Hintergrund – auf dem Areal befand sich früher ein Friedhof – schnell auf. Es sind Fälle wie diese, die den Beruf für Leiter Stefan Hesse so spannend gestalten. Im Interview berichtet er aus seinem beruflichen Alltag, von kuriosen Funden und spricht über die Folgen des Brandes vor drei Jahren.

Herr Hesse, auch wenn der Fund am Rathaus am Ende einfach zu erklären war, ist er nicht alltäglich. War das für Sie eine außergewöhnliche Grabung?

Ja, weil wir es so nicht erwartet haben. Letztendlich ist der Friedhof in seinen Ausdehnungen sogar auf Karten aus der Zeit um 1900 verzeichnet. Bei uns war er aber nicht in der Datenbank. Daher war es ein Zufallsfund. Deswegen ist es schön, dass sich die Leute melden, wenn sie etwas finden. Zum anderen waren die Umstände ungewöhnlich. Dass eine Fundmeldung über die Polizei läuft, ist selten. Aber die Zusammenarbeit funktioniert gut.

Man konnte ja erst nicht wissen, ob jemand vielleicht nachträglich eine Leiche vergraben hat.

Wenn bei Fundamentarbeiten eindeutig menschliche Skelette gefunden werden, muss die Polizei überprüfen, ob jemand beim Bau des Rathauses vergraben wurde oder was dahinter steckt. Und dann ist es gut, wenn die Archäologie das schnell klären kann. Denn die Polizei hatte bereits angefangen, die Skelette nach Hamburg in die Forensik zu schicken. Das hätte sehr viele Leute beschäftigt, viel Geld gekostet und dadurch, dass wir das relativ schnell als archäologischen Fall identifizieren konnten, waren Polizei und Staatsanwaltschaft dankbar, dass sie den Fall schließen konnten.

Werden da noch mehr Knochen liegen?

Ja. Etwa das halbe Rathaus steht auf diesem Friedhof. Unter dem Rathaus und daneben wird noch etwas sein. Aber nicht die große Masse. Er wurde nur vergleichsweise kurze Zeit genutzt, nicht über Jahrhunderte.

Die Gestorbenen sollen nun noch einmal auf dem jetzigen Friedhof bestattet werden. Versuchen Sie in solchen Fällen, deren Identität zu ermitteln?

Sie werden anonym bestattet. Es wäre die Idealsituation, wenn man Namen hätte, aber die Aussichten sind da nicht groß, etwas rauszufinden.

Werden Sie häufig hinzugezogen, wenn auffällige Gegenstände in der Erde gefunden werden?

Wir versuchen, frühzeitig einzugreifen. Es ist besser, wenn der Archäologe kommt, bevor gebaut wird. Dass so etwas wie in Scheeßel gemeldet wird und man neben den Bauarbeitern arbeitet, kommt mal vor, ist aber selten.

In welchen Fällen werden Sie hinzugezogen?

Meistens, wenn auffällige Verfärbungen da sind oder Objekte gefunden werden, die merkwürdig erscheinen. Menschliche Skelettreste sind selten. Das hat damit zu tun, dass wir hier einen kalkarmen Sandboden haben. Skelette vergehen unheimlich schnell. Es bleiben keine Knochen, sondern nur ein Leichenschatten – also eine Verfärbung, die auf Knochen hindeutet. Das sieht man bei Bauarbeiten nicht. Nur bei Ausgrabungen, wenn man den Boden sehr fein putzt. Knochen findet man nur, wenn sie noch nicht sehr alt sind wie in Scheeßel oder wenn es alte Friedhöfe gibt, die über Jahrhunderte belegt wurden. Dann ist der Boden durch die menschlichen Körper mit Kalk gesättigt und der Knochen erhält sich.

Ruft man Sie auch bei Gegenstandsfunden?

Selten, weil das für viele schwer zu identifizieren ist. Eine Keramik ist oft als solche nicht zu erkennen. Wenn wir auf dem Land im Vorfeld einer Baumaßnahme sind, heißt es oft, da ist nichts. Dann zeigen wir die Keramik und für viele sieht sie aus wie ein Stein. Bei richtigen Steinwerkzeugen wird es noch schwieriger. Früher auf dem Kartoffelacker, wo die Leute per Hand gelesen haben, wurden Beile oder Äxte häufiger gemeldet, die erkennt der Laie. Im Landkreis Rotenburg wurde zudem bis weit ins Mittelalter nicht mit Stein gebaut, Gebäudereste sind somit nur als dunkle Spuren im hellen Sand erkennbar – auch das erkennt der Laie kaum. Zufällige Funde sind selten. Auf Grundmauern wie etwa im Rheinland stößt man hier eigentlich nicht.

Was war der kurioseste Fund hier im Landkreis?

Ganz aktuell Speer- oder Pfeilspitze aus schwarzem Material – kein Flint, sondern Obsidian. Den gibt es hier nicht. Wahrscheinlich aus Nordamerika aus dem letzten oder vorletzten Jahrhundert. Sie wurde in Bremervörde entdeckt. Sie ist im Kontakt mit Nordamerika hierher gelangt oder durch zurückgekehrte Auswanderer. Im 19. Jahrhundert sind viele Menschen nach Amerika ausgewandert. Es gab aber auch eine Rückkehrerwelle. Dementsprechend haben wir einen Rückfluss an Material. In Augustendorf auf dem Moorhof sind solche Pfeil- und Speerspitzen in großer Menge hinter Glas. Nachfahren von Auswanderern hatten das als Mosaikbild gestaltet und mitgebracht.

Sowas macht den Job als Archäologen wahrscheinlich so spannend oder?

Genau, es ist immer wieder überraschend. Es gibt immer wieder Neues und Dinge, die man hier nicht erwartet hätte. Letztendlich dreht es sich aber um den Menschen. Die Objekte sind nur Mittel zum Zweck, um etwas über die Menschen auszusagen. So sagt die Obsidian-Spitze viel über die Auswanderungsbewegung im Elbe-Weser-Dreieck und die Situation im 19. Jahrhundert aus.

Wie läuft es ab, wenn Sie eine Ausgrabung beginnen? Was müssen Sie beachten?

Es gibt unterschiedliche Arten. Seit etwa zehn Jahren gilt das Verursacherprinzip bei kommerziellen Baumaßnahmen. Wenn ein Bauherr dabei eine archäologische Ausgrabung verursacht, trägt er die Kosten zu 100 Prozent. Dann graben wir nicht selber, sondern Grabungsfirmen. Wir haben die Fachaufsicht und schauen im Vorfeld, ob das notwendig ist. Im nicht-kommerziellen Sektor, wie beim Einfamilienhaus, übernehmen wir das von vornherein selber. Oder an Orten, wo es Hinweise auf Archäologie gibt, diese aber noch nicht bewiesen ist.

Wie entscheiden Sie, ob Gegenstände weiter untersucht werden?

Erstmal heben wir alles auf. Das ist Kulturgut. Den wissenschaftlichen Wert erkennt man häufig erst hinterher, wenn alles ausgegraben und dokumentiert ist. Dann kann man beurteilen, wie wertvoll es ist. Die Aufarbeitung können wir nur in begrenztem Umfang leisten, das ist zu viel. Die Grabungszeit muss mindestens nochmal für eine adäquate Aufarbeitung gerechnet werden. Da arbeiten wir mit Universitäten zusammen, über Bachelor-, Master und Doktorarbeiten. So können wir möglichst viel aufarbeiten lassen. Es gibt zum Beispiel einen Fund von mehreren Beilen, Klingen und einer Axt aus einer Grabung in Wistedt. Auf etwa 2500 vor Christi Geburt datiert. Da wird es spannend, in der Kombination ist das sehr selten. Dann investiert man entsprechend mehr Zeit. Das große Beil ist vorne noch scharf, es weist keine Gebrauchsspuren auf. Das gehörte einer höher gestellten Person und wurde wahrscheinlich für die Bestattung hergestellt. Das wiederum zeigt die Wertigkeit der Person. Flint findet man hier, aber nicht in der Qualität, um ein solch großes Beil daraus herzustellen. Der Rohling wurde importiert und hier weiter verarbeitet. Wir haben auch viel mit Sondengängern zu tun, die vorwiegend Buntmetall finden. Da rechnet man pro Fund etwa eine Stunde Bearbeitungszeit. Aber das ist dann auch nur eine grobe Einordung.

Freuen sich Archäologen besonders über alte Funde?

Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Ich würde mich über einen Fund aus dem Mittelalter oder der Neuzeit genauso freuen.

Wie ist es mit Archäologie heute? Ist das Graben in der Vergangenheit noch für viele interessant?

Das ist überall sehr präsent. Wenn ich sage, ich bin Archäologe, höre ich häufig den Satz „Das fand ich schon immer spannend“. Es gibt viele Leute, die sich dafür interessieren. Das sieht man auch bei Fernsehsendern, die zur Primetime Archäologiesendungen zeigen wie Terra X. Viele sind pauschal interessiert, besonders aber, wenn es eine Verbindung zur regionalen Geschichte gibt. Da setzen wir an, zum Beispiel mit dem Bachmann-Museum, wo es viele Aktionen für Schulklassen gibt in normalen Zeiten. Das Steinzeitlager ist ein klassisches Beispiel dafür, wo Kinder praktisch etwas machen können. Das wird gut angenommen. Auch im Bereich der Lehrerfortbildung sind wir aktiv.

Vor drei Jahren hat es in der Kreisarchäologie gebrannt. Gab es da viele Verluste?

Das kann ich so genau noch gar nicht sagen. Der Brand hat auf jeden Fall ein Defizit offenbart. Denn wir können nicht zu 100 Prozent sagen, was alles zu dem Zeitpunkt in der Werkstatt war. Dort lagerten Funde, die restauriert werden sollten. Die Büros oben waren nur durch den Rauch betroffen. Die Funde in der Werkstatt aber sind durch die Hitzeeinwirkung teilweise eingeschmolzen in den Plastikboxen, in denen sie lagen. Durch den Rauch waren diese schwarz und wir wussten nicht, was drin ist.

Also sind Plastikkisten nicht die beste Art, Objekte zu verstauen?

Eigentlich schon. Denn auf der anderen Seite sind sie jetzt sehr gut konserviert. Nach dem Brand haben wir ein Konzept erarbeitet mit dem Landesamt für Denkmalpflege. Auch für die Restauratoren ist das eine ungewöhnliche Situation. Also haben wir im ersten Schritt die Objekte durchleuchtet und geröntgt, um herauszufinden, welche darin sind. Da konnte man schon vieles sehen. Da war teilweise modernes Gerät aus der Werkstatt eingeschmolzen, das konnten wir direkt entsorgen. Im nächsten Schritt sind die Objekte jetzt bei externen Restauratoren und werden gereinigt. Durch den Rauch sind sie kontaminiert. An den Funden sieht man, dass das Brandgeschehen sehr unterschiedlich war. Es gibt welche, die liegen noch in ihren Pappschachteln, mit einem Papierzettel, nicht mal angesengt. In manchen Bereichen muss sehr große Hitze gewesen sein, in anderen so gut wie nichts. Im nächsten Schritt werden dann die einzelnen Objekte freigelegt.

Waren schon alle bestimmt?

Sie waren noch nicht alle bearbeitet. Da kommt jetzt die Digitalisierung ins Spiel. Im Prinzip muss man wie ein Logistiker arbeiten, damit man genau weiß, welcher Fund wo liegt. Und darauf arbeiten wir jetzt hin. Bei neueren Funden arbeiten wir bereits mit einem Barcode-System. Das ist eine Lehre, die wir daraus gezogen haben.

Da wartet also noch sehr viel Arbeit auf Sie?

Richtig, es sind um die 200 Funde. Wir hatten Glück, dass die Einsatzkräfte schnell hier waren und das Feuer nicht auf andere Gebäudeteile übergegangen ist. Ich mag mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn es auf das Obergeschoss umgeschlagen wäre – dort liegen alle Grabungsunterlagen. Der Vorteil durch das Plastik ist jetzt, dass die Zeit nicht drängt. Bei organischen Funden muss man schneller reagieren. Jetzt sind wir aber sehr sensibel, überlegen, was wir tun können – zum Beispiel durch Digitalisierung. Dann ist bei einem Unglück das Original im schlimmsten Fall weg, aber ich habe noch die Information. Aber das ist ein großer Berg, ein Langzeitprojekt.

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