Rotenburgerin spendet für Frühgeborene und Sternenkinder

Ein Brautkleid für Nottaufen

Daniela Schollas (r.) gibt ihr Brautkleid Gerlinde Wozniak.
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Ein letztes Mal hält Daniela Schollas (r.) ihr Brautkleid fest, dann übergibt sie es an Gerlinde Wozniak. Daraus entsteht unter anderem ein Nottaufkleid.

Das Diakonieklinikum verfügt jetzt wieder über ein Kleid für Nottaufen. Den Stoff spendete eine Rotenburgerin - und gab dafür ihr eigenes Hochzeitskleid her.

Rotenburg – Ein Brautkleid hat für Frauen oftmals eine besondere, sehr emotionale Bedeutung: Es erinnert sie bestenfalls an einen der schönsten Tage ihres Lebens. Viele Frauen suchen lange nach dem einen perfekten Kleid. Und wenn sie es gefunden haben, geben sie es meist nicht mehr her. Es ist eine schöne Erinnerung, die aber danach im Schrank hängt. So war es auch bei Daniela Schollas. Als sie dann von ihrer Freundin hört, dass der Rotenburger Charity-Nähtreff aus Brautkleidern unter anderem Baby-Pucksäcke und Kleidung für die Neonatologie des Diakonieklinikums näht, steht ihr Entschluss fest: Sie möchte ihr Brautkleid für den guten Zweck hergeben.

Auf der Intensivstation werden kranke Früh- und Neugeborene betreut und behandelt. Und auf der Entbindungsstation gibt es manchmal auch sogenannte Stille Geburten. Babys, die später oft als Sternenkinder bezeichnet werden – die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Schollas ist selbst Intensivkrankenschwester; zwar für Erwachsene, doch sie weiß, was ihre Kollegen leisten und die Eltern der winzigen Patienten durchmachen. Schollas fand, dass die Babys „etwas Respektvolles, Schönes mit auf den Weg bekommen sollen, eine Wertschätzung“. Auch ihr Mann war einverstanden, denn in ihrem Bekanntenkreis habe es schon Berührungspunkte mit dem Thema gegeben.

Der Charity-Nähtreff bekommt öfter Brautkleider über den Verein „Herzensache“, erstmals jedoch eines direkt aus Rotenburg. Aus den Spenden entstehen Decken, Pucksäcke oder Kleidungsstücke für die Babys. Oft sind diese bunt, das sei wichtig. Die Kinder und ihre Eltern sind schon auf der Intensivstation, da braucht es ein paar Farbkleckse. Momentan nähen die Frauen jede für sich, manchmal treffen sich zwei von ihnen zum Zuschneiden. Aktuell sind sie nur ein Stammteam von Dreien. „Uns ist es wichtig, vor Ort zu helfen“, sagt Leiterin Lilli Scherler – die Unterstützung geht in Pandemiezeiten weiter, wenngleich die Frauen ihre Treffen vermissen. Zeitaufwendig ist es mitunter: „Wir wundern uns, wie schnell die Kleidung und anderes weggeht – obwohl es nicht schön ist, dass dort so viele kranke Babys liegen.“

Die Eltern dürfen die Kleidungsstücke mit nach Hause nehmen. „Bei Frühchen sind sie nicht darauf eingestellt“, weiß Schollas. Die meisten Frühgeborenen kommen unerwartet, aus unterschiedlichsten Gründen. Zwar sind sie erstmal im Wärmebett oder Inkubator, die Eltern freuen sich dennoch sehr über die Erstausstattung, weiß Marianne van Rooijen, Leiterin der Neonatologie sowie Kinder- und Jugendstation. Wichtig sei vor allem der Körperkontakt, nicht nur mit der Mutter, auch mit dem Vater. Die Zeiten, in denen sie die Kleinen nur beobachten konnten, seien längst vorbei.

Über die fertigen Kleidungsstücke und Pucksäcke freuen sich Schwester Marianne van Rooijen (v.l.), Daniela Schollas, Lilli Scherler und Gerlinde Wozniak.

Aus Schollas’ Brautkleid ist zudem etwas Besonderes entstanden: ein Nottaufkleid. Solche Nottaufen sind zum Glück selten, sagt Maike Oltmanns, die neue Leiterin der Geburtshilflichen Station. Auch sie hat in ihrer Anfangszeit eine durchgeführt – in Notsituationen dürfen Schwestern und Hebammen das. „Das war den Eltern sehr wichtig“, erinnert sich die Hebamme an das Baby, das nur eine Stunde nach der Geburt gestorben war. Nottaufen finden in kritischen Situationen statt – es ist aber möglich, dass das Baby überlebt.

Schon seit Längerem gab es im Krankenhaus kein Nottaufkleid mehr. Doch wie wichtig das ist, weiß Scherler. „Die Eltern haben in einem solchen Moment für so etwas keinen Kopf. So ein besonderes Stück spendet Trost und es ist würdevoller, für das Kind als auch die Familie, schöner als eine schlichte grüne Decke. Obwohl es am schönsten wäre, wenn es gar nicht erst benutzt werden müsste.“

Grundsätzlich ist die Zahl der Frühgeborenen im Pandemiejahr 2020 aber zurückgegangen, berichten Oltmanns und ihre Kollegin. Erst seit Mai jetzt steigen die Zahlen wieder. „Die Mütter sind weniger gestresst“, ist Oltmanns Erfahrung. In Bezug auf Risikoschwangerschaften sei es entspannter gewesen, es gab weniger kritische Fälle. Die Arbeit wurde aber nicht weniger, im Gegenteil: es gab mehr Geburten und die Testungen bedeuteten erhöhten Aufwand. „Wir haben viel versucht, aufrecht zu erhalten“, sagt Seelsorgerin Margot-Jutta Krause.

Denn für die Partner der Schwangeren sei es ebenso wichtig, bei der Geburt dabei sein zu können. Gerade in kritischen Momenten sind sie oft nicht vorbereitet, umso wichtiger ist es, den Partner an der Seite zu haben. Und auch dieser braucht das „Bonding“, die körperliche Nähe der ersten Momente nach der Geburt. Ob die Partner dabei sein können und wie die Besuchsmöglichkeiten sind, danach haben viele Schwangere in den zurückliegenden Monaten ihr Krankenhaus ausgewählt – auch, wenn sie längere Fahrzeiten in Kauf nehmen mussten.

Und gerade auch bei Stillen Geburten sollten die, die dazu gehören, dabei sein dürfen. „Es ist einfach notwendig, dass jemand da ist“, so Krause, die die Familien in solchen Situationen mit betreut, ihre Unterstützung anbietet. Manche nehmen sie an, andere wollen das nicht. Das ist in Ordnung. „Es sind immer andere Menschen in anderen Situationen“, sagt Krause. Aber jede bekommt unter anderem zwei Gegenstände, wie etwa genähte Stoffherzen. Eines bleibt beim Kind, das andere bekommen die Eltern.

Viele Zahnräder greifen gerade beim Thema Stille Geburt ineinander: Wie wird das Baby bestattet? Von den Eltern oder vom Krankenhaus, das dafür ein Grabfeld vom Mutterhaus hat? Zweimal pro Jahr finden dort Beerdigungen statt. Denn eine Bestattungspflicht besteht bei Babys erst ab 500 Gramm, die Eltern haben aber ein Bestattungsrecht. Machen die Eltern davon keinen Gebrauch, werden die Babys von der Klinik bestattet. „Dafür setzen wir uns seit Jahren ein“, erklärt Oltmanns. Auch die Frage nach Hilfen ist wichtig, psychologischer Betreuung. Die brauchen auch Pflegekräfte hin und wieder, denn manche Fälle sind nicht leicht zu verarbeiten.

Kontakt zum Charity-Nähtreff

Übrigens: Krankenschwester Daniela Schollas lernt gerade das Nähen. Sie findet das Engagement der Frauen toll und möchte helfen, die Station mit Babykleidung und -decken zu versorgen. Wer sich ebenfalls vorstellen kann, die Näherinnen zu unterstützen, kann sich unter charitynaehtreffrotenburg@gmail.com bei Lilli Scherler melden. Wer etwas spenden möchte, kann sich auch über diese Adresse melden. 

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