Rotenburgerin Erika Kerker weist auf Probleme an der Goethestraße hin

Protest per Pinsel

Drei Protestbilder hat Erika Kerker fertig:
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Drei Protestbilder hat Erika Kerker fertig: Ihr Lieblingsgebäude an der Goethestraße ist die Alte Apotheke.

Rotenburg – Eine dichte Autoschlange zieht sich durch die enge Straße, zwei Fußgänger huschen zwischen zwei wartenden Pkw hindurch auf die andere Seite. Dort kommt es fast zum Zusammenstoß mit einer Radfahrerin, die kaum Platz hat, um auszuweichen. Die Momentaufnahme zur Mittagszeit zeigt: Der Verkehr in der Goethestraße ist für keinen Teilnehmer zufriedenstellend.

Erika Kerker wird regelmäßig Zeugin von brenzligen Situationen, wenn sie aus dem Schaufenster der Buchhandlung Müller hinaus den Verkehr beobachtet. Die Buchhalterin hofft darauf, dass es bald eine Lösung gibt, und möchte dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Aus Protest greift sie zu Pinsel und Aquarellfarben. Sie malt fotorealistische Bilder von Gebäuden an der Goethestraße. „Ich möchte die Menschen damit zum Nachdenken anregen. Sie sollen sich der Schönheit ihrer Stadt bewusst werden. Besonders hier an der Goethestraße gibt es viele historische Gebäude mit alter Bausubstanz, die bisher aber wenig Aufmerksamkeit bekommen“, erklärt die Künstlerin. Sie kritisiert, dass im Vergleich zur Großen Straße bislang zu wenig für die Attraktivität der Goethestraße getan wurde.

Drei ihrer Lieblingsgebäude hat sie bereits zu Papier gebracht, weitere sollen folgen. „Ich habe mit der Alten Apotheke angefangen. Die hat mich schon immer fasziniert“, betont Kerker, die sich danach der Superintendentur und der Buchhandlung gewidmet hat, in der sie arbeitet. „Als Nächstes möchte ich den Domshof malen, der zusammen mit der Stadtkirche und dem Kirchhof eine kleine Oase in Rotenburg bildet“, erklärt Kerker.

Ihr Ziel sei es, dass die Betrachter ihrer Bilder die Goethestraße erkunden können, ohne sich von der Hektik des Verkehrs anstecken zu lassen.

Vor etwa 30 Jahren ist sie aus ihrer Heimat Memmingen im Allgäu nach Rotenburg gezogen. „Hier bin ich Zuhause. Ich mag die Menschen, die sehr liberal sind und eine große Akzeptanz gegenüber allem haben. Das ist auch ein Verdienst der vielen Menschen, die in den Rotenburger Werken leben und arbeiten“, vermutet Erika Kerker.

Sie nimmt sich viel Zeit für ihre Kunstwerke. Damit jedes Detail stimmt, fotografiert sie zunächst das gewünschte Gebäude aus mehreren Perspektiven. Etwa ein Wochenende benötigt sie für die Vorzeichnungen und die sogenannten Outlines, die Umrisse. „Zwei weitere Wochenenden brauche ich, um ein Bild zu kolorieren“, erklärt Kerker.

Sie greift die Idee von Bürgermeister Andreas Weber (SPD) auf, der im Frühjahr mit dem Versuch gescheitert war, die Goethestraße von Mai bis September testweise für den Durchgangsverkehr zu sperren. Die Ratsgruppe CDU/WIR/FDP hatte den Vorschlag abgelehnt. „Bisher haben alle gegeneinander gearbeitet. Es wird aber Zeit für ein Miteinander“, findet Kerker. Sie habe zwar kein fertiges Konzept in der Schublade, aber eine Idee davon, wie der Verkehr in der Goethestraße ihrer Ansicht nach besser geregelt werden könnte.

Sie hält eine komplette Sperrung für Fahrzeuge für den falschen Weg, und wünscht sich stattdessen, dass die Goethestraße verkehrsberuhigt wird, „mit einem Tempolimit wie auf Spielstraßen. Alle Verkehrsteilnehmer sollten gleichberechtigt sein und sich miteinander arrangieren. Ohne Straße, ohne Radweg und ohne Bürgersteig – stattdessen mit einer breiten Fläche, die von allen Verkehrsteilnehmern genutzt wird.“ Als Vorbild diene ihr ein Marktplatz in ihrer alten Heimat Memmingen: „Als ich von den Plänen dort gehört hatte, war ich zunächst misstrauisch – dort hat sich das aber sehr schnell eingespielt und klappt gut.“

Das dritte Werk der Künstlerin: die Buchhandlung Müller.

Die Goethestraße sollte so gestaltet werden, dass dort langsam gefahren werden muss, schlägt Kerker vor. „Mit Blumen und Ruhezonen beispielsweise. Dann hätten die Menschen auch wieder Zeit für einen Blick in die Schaufenster – die Geschäfte würden davon profitieren.“

Sie fordert ein Umdenken bei der Städteplanung, hin zu einem fahrrad- und fußgängerfreundlichen Verkehr: „Jeder Teilnehmer sollte sich sicher fühlen, niemand sollte glauben, er wäre der Stärkere“, sagt sie. Sie beobachte oft, dass Autofahrer den Radlern zu dicht auffahren und hupen, weil diese ihnen zu langsam sind: „Viele Radfahrer werden dadurch verunsichert. Die Gefahr von Unfällen ist deshalb groß.“

Wenn die Goethestraße verkehrsberuhigt wird, so hofft Kerker, würden wieder mehr Pendler die Glockengießerstraße benutzen, um beispielsweise zum Klinikum zu kommen. „Seit die Ampelschaltung dort verbessert worden ist, hat sich die Situation entspannt und es gibt eigentlich keinen Grund mehr, sich durch die Goethestraße zu quetschen. Es muss noch unbequemer für Autofahrer werden, damit sie ihr Verhalten ändern“, glaubt Erika Kerker.

Innenstädte müssten wieder mehr zu einem Lebensraum werden, in dem sich die Bürger gerne aufhalten. „Und wenn das irgendwo umsetzbar ist, dann in einer Kleinstadt wie Rotenburg. Wir haben schließlich viel bessere Voraussetzungen als Großstädte.“

Ihre ersten drei Motive möchte sie bald als Postkarten drucken lassen. In etwa zwei Wochen sollen Interessierte diese dann in der Buchhandlung Müller kaufen können. „Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass sie auch für die Touristinformation der Stadt interessant sind“, betont die Künstlerin, die außerdem eine Schaufensterausstellung plant.

Erika Kerker zeigt bei Instagram und Facebook unter dem Namen „Paintingrotenburg“ weitere Werke und ist per E-Mail an paintingrotenburg@gmx.de erreichbar.

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