Rotenburger Werke wollen die eigene Vergangenheit in Dissertation und Studie aufarbeiten

„Wir sind beschämt“

+
Auch ein möglicherweise dunkles Kapitel der Geschichte der Rotenburger Werke soll aufgeklärt werden: Thorsten Tillner (v.l.), Jutta Wendland-Park, Karsten Wilke und Sylvia Wagner.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Es ist ein dunkles Kapitel der Geschichte der Rotenburger Werke, was sich möglicherweise in den 1950er bis 70er Jahren zugetragen hat. Es steht bisher nur der Verdacht im Raum: Wurden dort Medikamente an Menschen getestet? Was damals tatsächlich vorgefallen ist, lässt die Geschäftsführung nun von einem Wissenschaftsteam aufarbeiten. Dafür sind die Verantwortlichen auch auf der Suche nach Zeitzeugen.

Zum einen forscht Sylvia Wagner, Doktorandin im Fachbereich Geschichte der Pharmazie an der Universität Düsseldorf. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Medikamenteneinsatz in Erziehungseinrichtungen der BRD in den 1950er bis 70er Jahren. Auf die Rotenburger Werke ist sie über einen ehemaligen Bewohner aufmerksam geworden. Dieser war als junger Mensch einige Jahre in den Rotenburger Anstalten für geistig behinderte Menschen, obwohl er gar nicht behindert war, sondern familiäre Probleme hatte. Unter dem Medikamentenmissbrauch und der damals ihm gegenüber ausgeübten auch sexuellen Gewalt leide er bis heute, sagte er in einem früheren Interview gegenüber dem Deutschlandfunk.

Die Einrichtung sei kooperativ und habe ein Interesse an der Aufarbeitung der Geschehnisse, schildert Wagner. Ihre ersten Recherchen hätten schon Hinweise ergeben, dass den Opfern mehrfach verschiedene Pharmazeutika gleichzeitig in häufig viel zu hoher Dosierung verabreicht wurden, so die Doktorandin. Offenbar sind die Werke kein Einzelfall: „Das hat größere Dimensionen“, versichert die 51-Jährige. Von Vorteil für die Forschung in Rotenburg sei, dass es ein großes Archiv mit Aufzeichnungen aus dieser Zeit gebe: „Das ist oft nicht der Fall.“ Häufig seien die Akten vernichtet worden. Es gibt aber noch die Vermutung, dass auch in dieser Einrichtung damals Dinge unter den Tisch gekehrt wurden: „Es könnte doppelte Buchführung gegeben haben.“ Der ehemalige Bewohner habe berichtet, dass er von seinem Betreuer Dokumente bekommen hat, die in seiner Akte später nicht auftauchten.

Bei dieser Arbeit ging die Initiative von der Wissenschaftlerin aus. Doch auch die Rotenburger Werke haben ein dreiköpfiges Forschungsteam beauftragt, die Zeit zwischen 1945 und 1975 aufzuarbeiten. Dieses geht ab November Vorwürfen ehemaliger Bewohner der Einrichtung nach, die von zum Teil massiven Gewalterfahrungen berichten. „Dafür wollen wir Interviews mit den ehemaligen Heimkindern führen und damit unsere Erkenntnisse aus dem Aktenstudium ergänzen“, schildert Historiker Karsten Wilke, der zu dem Team gehört.

Die Suche nach der Wahrheit steht noch am Anfang: Sowohl die Dissertation als auch die Studie sollen 2017 vorliegen. Die historische Aufarbeitung liege der Einrichtung sehr am Herzen, erklärt die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park. „Zu mir sind ehemalige Bewohner gekommen und haben ihre Geschichte erzählt.“ Das waren bewegende Berichte über Gewalt, Demütigung und sexuellen Missbrauch, erklärt sie. Auch das habe die Geschäftsführung bewogen, die Geschehnisse nun aufzuklären. „Was wir tun können, ist, die Aufarbeitung zu unterstützen, nichts verschweigen oder unter den Tisch kehren“, so Wendland-Park. Nur so könnten Gegenwart und Zukunft gut gestaltet werden.

Die Forschung konzentriere sich auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre, weil „da noch besonders viele Fragen offen“ seien. Ab diesem Zeitpunkt sei die Einrichtung deutlich pädagogischer geworden, vieles hätte sich zum Positiven geändert. „Das schließt nicht aus, dass nicht auch später Dinge gibt, die aufgearbeitet werden müssen“, erklärt die leitende Theologin der Werke. Wie sehr ihr diese Angelegenheit am Herzen liegt, macht sie mit eindringlichen Worten deutlich: „Wir bitten alle um Entschuldigung, die Leid und Unrecht erfahren haben. Wir sind beschämt und werden alles tun, um das aufzuarbeiten.“ Wichtig sei, dass man jetzt damit beginne, um die Zeitzeugen noch anhören zu können.

Gemeinsam mit Thorsten Tillner, Finanzvorstand der Werke, kündigte sie an, Bewohnern der ehemaligen Rotenburger Anstalten dabei zu helfen, „ihre berechtigten Ansprüche bei der Stiftung ‚Anerkennung und Hilfe‘ geltend zu machen“.

Bereits seit 2011 sind die Rotenburger Werke auf der Suche nach ehemaligen Bewohnern, Mitarbeitern oder Angehörigen der Rotenburger Anstalten. Sie werden gebeten, sich mit dem Vorstand der Einrichtung in Verbindung zu setzen, falls sie etwas zu den Forschungen beitragen wollen (Kontakt: info@rotenburgerwerke.de oder 04261/ 920482). Es könne auch ein Kontakt zu einer Person des Vertrauens hergestellt werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Zwei tote Touristen bei Seebeben auf griechischer Ägäisinsel

Zwei tote Touristen bei Seebeben auf griechischer Ägäisinsel

Deichbrand Festival: Gute Laune bei Flunkyball-Meisterschaft

Deichbrand Festival: Gute Laune bei Flunkyball-Meisterschaft

William und Kate im Maritimen Museum in Hamburg

William und Kate im Maritimen Museum in Hamburg

Mindestens zwei Tote bei Protesten in Venezuela

Mindestens zwei Tote bei Protesten in Venezuela

Meistgelesene Artikel

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

22. Beeke-Festival begeistert Folklore-Fans in Scheeßel

22. Beeke-Festival begeistert Folklore-Fans in Scheeßel

Relikt des Kalten Krieges in Unterstedt

Relikt des Kalten Krieges in Unterstedt

Kommentare