ZUKUNFT HEIMAT Werke planen Haus der Geschichte in der Alten Kapelle

Brünjes‘ Traum wird wahr

Ein Kreuz in der Fassade erinnert an die Alte Kapelle: Irena Hills (v.l.), Klaus Brünjes und Rüdiger Wollschläger wollen ein Haus der Geschichte dort einrichten.
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Ein Kreuz in der Fassade erinnert an die Alte Kapelle: Irena Hills (v.l.), Klaus Brünjes und Rüdiger Wollschläger wollen ein Haus der Geschichte dort einrichten.

Für den ehemaligen Bewohner Klaus Brünjes erfüllt sich ein Traum: Die Rotenburger Werke richten in der Alten Kapelle das Haus der Geschichte ein. 20500 Euro hat Brünjes selbst dazu beigesteuert. Der 63-Jährige möchte dort später Führungen anbieten.

Rotenburg – Wenn Klaus Brünjes in den vergangenen Jahren einen Wunschzettel geschrieben hätte, hätte darauf ganz oben in fetter Schrift die Einrichtung eines Hauses der Geschichte auf dem Gelände der Rotenburger Werke gestanden. Der langjährige Traum des ehemaligen Bewohners und heutigen Mitarbeiters wird endlich wahr: Die Alte Kapelle an der Soltauer Straße, die 1887 gebaut wurde und damit nach dem Stammhaus von 1880 eines der ältesten Gebäude des Ensembles ist, soll künftig an die bewegte Geschichte der Einrichtung für Menschen mit Behinderung erinnern.

Für die 17 Bewohner des Hauses entsteht derzeit in Sichtweite ein moderner Neubau, der Ende 2022 fertiggestellt werden soll. Danach, Anfang 2023, packen sie ihre Koffer und machen Platz für das Haus der Geschichte – und für Brünjes. Der Rotenburger soll darin ein Büro beziehen, und mit ihm sein riesiges Archiv. Mehr als 100 000 Fotos hat er seit Ende der 1970er-Jahre in 300 Kisten gesammelt und akribisch beschriftet. „Ich habe Material von den beiden ehemaligen Mitarbeitern Arnold Dreyer und Harry Degen übernommen, die sehr viel aufbewahrt haben. Dreyer hatte sogar ein kleines Museum eingerichtet, das leider nicht erhalten geblieben ist“, so Brünjes, der in seinem privaten Wohnhaus außerdem Rollstühle, Kleidung und Geräte aus früheren Zeiten aufbewahrt.

Der Umbau der ehemaligen Kapelle wird aufwendig und teuer. Bereits mehrfach wurde das Gebäude umgebaut, an die ursprüngliche Nutzung erinnern ein Kreuz auf dem Dach und zwei Kreuze im Mauerwerk. „Am liebsten würden wir den ursprünglichen Saal wieder freilegen und ein lebendiges Haus der Geschichte mit musealem Charakter einrichten“, so Werke-Sprecher Rüdiger Wollschläger. Silke Sackmann, Leitung Stiftungsarbeit, beantragt dafür Fördermittel. Bis zur Eröffnung vergehen noch mindestens drei Jahre, aber Brünjes drückt aufs Tempo.

Er unterstützt die Umsetzung seines Traums auch finanziell. Insgesamt 20 500 Euro hat er auf ein Konto der Rotenburger Werke eingezahlt. „Das ist das Geld, was ich von der Stiftung Anerkennung und Hilfe und als Corona-Hilfe erhalten habe“, erklärt Brünjes.

Ich bin selbst seit 58 Jahren ein Teil der Geschichte und möchte dort Führungen anbieten. Wenn ich irgendwann sterbe, stirbt mein Wissen mit mir.

Klaus Brünjes

Er freue sich darüber, dass das Haus der Geschichte in der ehemaligen Kapelle eine „ideale Heimat“ finde. „Sie eignet sich aufgrund ihrer Geschichte sehr gut, die Größe ist ausreichend und die Nähe zur Innenstadt ist ein weiteres wichtiges Kriterium für mich.“ Ihm sei es wichtig, dass das Haus der Geschichte bald eröffnet wird. „Ich bin selbst seit 58 Jahren ein Teil der Geschichte und möchte dort Führungen anbieten. Wenn ich irgendwann sterbe, stirbt mein Wissen mit mir“, sagt der 63-Jährige, der schon eine genaue Vision von „seinem“ Haus der Geschichte hat: „Es wird kein reines, verstaubtes Museum, sondern verbindet die Geschichte mit der heutigen Zeit und ordnet dabei die Entwicklung vom Asyl für Anfallskranke und Idioten über die Rotenburger Anstalten zu den Werken ein. Lange Zeit galten wir als Patienten, erst seit Mitte der 1980er sind wir Bewohner.“

Er selbst erinnert sich noch gut an die „dunklen Zeiten“, die er selbst erlebt hat. Damals war das Gelände nach außen hin verriegelt. „Erst seit 1972 durften wir raus, bis dahin war es eine in sich geschlossene Welt, eine Stadt inmitten der Stadt. Ich weiß noch, wie wir Kinder auf der Wiese gespielt haben und durch einen Spalt im grünen Tor einen Blick nach draußen geworfen haben. Ab und zu ist ein Auto über das Kopfsteinpflaster gefahren. Mehr habe ich von Rotenburg damals nicht gesehen.“

Als die ehemaligen Patienten zum ersten Mal die Anstalten verlassen durften, sei das nicht überall gut angekommen, wie Brünjes am eigenen Leib erfahren musste. Nachdem er im Freibad gewesen war, ging ein Anruf bei der Anstaltsleitung ein: Es sei nicht zumutbar für die anderen Gäste, dass Brünjes, der im Alter von zwei Jahren an Kinderlähmung erkrankt ist, dort „krabbelt wie ein Krüppel“.

In 20 oder 30 Jahren werden wir wieder einen anderen Blick darauf haben.

Klaus Brünjes

Es gehe ihm nicht darum, etwas zu „verteufeln“. Er möchte stattdessen daran erinnern, wie es damals war und erklären, warum es heute anders ist. „In 20 oder 30 Jahren werden wir wieder einen anderen Blick darauf haben“, glaubt Brünjes. Man dürfe nicht vergessen, dass es Menschen mit Behinderung damals auch in der eigenen Familie oft nicht leicht gehabt hätten: „Die Rotenburger Anstalten wären nicht so schnell gewachsen, wenn die Welt draußen in Ordnung gewesen wäre“, betont Brünjes.

Warum hat es solange gedauert, bis die Rotenburger Werke ein Haus der Geschichte einrichten? Für Sprecher Rüdiger Wollschläger ist die Zeit erst jetzt reif dafür. „Wir haben bereits Ende der 1980er-Jahre als eine der ersten Einrichtungen überhaupt damit begonnen, die NS-Zeit aufzuarbeiten. Ergebnis ist unter anderem das Buch ,Hinter dem Grünen Tor’, das 2018 erschienen ist.“ Die dunklen Ereignisse in der Geschichte seien eine „riesige Erblast. Die Aufarbeitung ist mühsam und kein dankbarer Job.

Eines der wenigen Fotos der ehemaligen Kapelle.

Elena Hills, Koordinatorin für das Innovationsquartier, arbeitet bei der Entwicklung des Hauses der Geschichte eng mit Klaus Brünjes zusammen. „Es gehört zwar zum Innovationsquartier, bildet aber ein eigenes Projekt“, so Hills.

Es soll etwas ganz Besonderes werden, betont Wollschläger „Erinnerungskultur bedeutet für uns mehr als das Anbringen einer bronzenen Gedenktafel. Wir wollen Geschichte vergegenwärtigen.“ Es soll ein Ort sein, der zur Auseinandersetzung einlädt. Schwerpunkte sollen der Umgang mit Behinderung in Geschichte, Gegenwart und Zukunft sein. Exemplarisch soll dabei die Geschichte der Diakonie dargestellt werden.

An Heiligabend denkt Klaus Brünjes oft zurück: „Es gibt auch schöne Erinnerungen. Damals war alles etwas glanzvoller als heute, weil die Bedeutung des Weihnachtsfests eine andere war. Wir hatten einen riesigen Weihnachtsbaum.“ Sein schönstes Weihnachtsgeschenk hat er aber in diesem Jahr bekommen: Sein Traum vom Haus der Geschichte wird wahr.

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