Rotenburger Sprengmeister erzählt aus seinem Berufsleben

Auf der Suche nach Bomben

Joachim Noparlik erinnert sich an seine ersten Einsätze.
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Nicht explodierte Munition entsorgen: Feuerwerker und Sprengmeister Joachim Noparlik erinnert sich an seine ersten Einsätze.

Rotenburg – An seinen ersten Einsatz als 20-Jähriger, an einem Montag im Jahr 1975, kann sich Joachim Noparlik, noch sehr gut erinnern: Damals wurde er mit zwei Kollegen von Hannover nach Rotenburg geschickt, um Munition aus der damals noch so genannten Lent-Kaserne zu holen. Munition, mit der alliierte Flugzeugbesatzungen den Standort im Zweiten Weltkrieg bombardiert hatten und die nicht explodiert war.

Diese lebensgefährlichen Restbestände aus den letzten Kriegsjahren mussten so schnell wie möglich sicher entsorgt werden, und zwar in Munster in einem Munitionszerlegebetrieb.

Dort, im größten Bundeswehrstandort, wurde Noparlik vor 66 Jahren geboren. In Munster und Soltau besuchte er die Schule, um später Kaufmann zu werden. Es kam jedoch ganz anders: Sein Vater, Feuerwerker und Sprengmeister, inspirierte den Sohn zur Bewerbung um eine Ausbildungsstelle beim Kampfmittelbeseitigungsdienst der Polizeidirektion Hannover. Drei Jahre dauerte die berufliche Ausbildung zum Feuerwerker und Sprengmeister.

Dazu gehörte unter anderem der Besuch von Sprengschulen in Aachen und in den Niederlanden. Nach fast 40-jähriger Dienstzeit beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD), davon viele Jahre in verantwortlicher Position, verbringt Noparlik mit seiner Frau Margarete seinen Ruhestand seit drei Jahren in Rotenburg.

„Für mich war immer entscheidend, Land und Leute von den Altlasten der Kriege zu befreien. Meine Grundprägung als Menschen- und Naturschützer hat mir Möglichkeiten gegeben, eine sinnvolle Alternative zum Beruf zu finden“, erzählt der 66-Jährige. Er ist dem Naturschutz und der Arbeit mit der Jugend für die Umwelt seit vielen Jahren eng verbunden.

Und sein Beruf, die Kampfmittelbeseitigung mit Schwerpunkt in den heutigen Grenzen des Landes Niedersachsen? Noparlik: „Der KBD ist zuständig für die Munitionsräumung des Ersten und des Zweiten Weltkriegs.” Es handele sich um zahlenmäßig nicht zu benennende Zufallsfunde von der Infanteriemunition, über Artilleriemunition bis hin zur 20-Zentner Großbombe, die aus britischen und amerikanischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen wurden.

Dabei sei es wesentlich um die Zerstörung kriegswichtiger Rüstungseinrichtungen und Industrieanlagen gegangen. Die Alliierten wollten ihren Feind an den entscheidenden Lebensadern treffen. Bombenteppiche wurden über Raffinerien, Kraftwerke, Industriezentren, militärische Produktions- und Forschungseinrichtungen und militärische Verbände mit ihren Soldaten und Fahrzeugen gelegt.

Eine exakte Zahl der über Niedersachsen abgeworfenen Bomben, so Noparlik, gebe es nicht. Auf 750 000 Tonnen werde die Abwurfmunition für die Zeit von 1942 bis 1945 geschätzt. Dabei sei, so weit möglich, vermieden worden, ausgewiesenes Kulturerbe zu schädigen. Das treffe unter anderem auch zu für Besitztümer der Welfen wegen deren verwandtschaftlichen Beziehungen zum englischen Königshaus.

Dem Kampfmittelbeseitigungsdienst standen seit 1978 erstmals alliierte Luftbilder zur Verfügung. Von 1939 bis 1946 hatten diese rund 230 000 Luftbilder flächendeckend für den Bereich Niedersachsen aufgenommen. Diese Fotos, aufgenommen aus circa 3 000 Metern Höhe und teilweise von sehr guter Qualität, wurden im englischen Meadham ausgewertet, um die Treffer registrieren zu können.

Dieses Fotomaterial stand der Kampfmittelbeseitigung beziehungsweise der Luftbildauswertung unter der Leitung von Noparlik und seinen 15 Mitarbeitern ab 1978 für deren Arbeit zur Verfügung. Dadurch, so der Rotenburger, sei es möglich gewesen, pro Jahr zwischen 500 und 600 Bomben, Großblindgänger zwischen 50 Kilogramm und 20 Zentnern, aufzuspüren.

Sprengmeister riskieren ihr Leben

Bei einem Dienstbesuch in der Universität Keele in Großbritannien, erinnert sich Noparlik, habe er das dortige „gigantische” Archiv gesehen: den Komplettluftbildbestand, aufgenommen von 1939 bis 1946, der das gesamte Empire zeige. Die Universität machte 2004 international Schlagzeilen mit der Internet-Veröffentlichung von rund fünf Millionen von ihr digitalisierten Luftbildaufnahmen aus den Luftbild-Archiven der Royal Air Force.

Von Sprengstoff, zurückreichend bis zum Ersten Weltkrieg, gehe immer eine Gefahr aus, betont Noparlik. Er sei stets detonationsfähig und aufgrund äußerer Einflüsse unberechenbar. Deshalb dürfe gefundene Munition auf keinen Fall berührt werden. Der Fund müsse so schnell wie möglich der Polizei oder der Ordnungsbehörde gemeldet werden. Diese sorgen für eine Sicherung des Fundortes und leiten weitere Maßnahmen ein.

Immer wieder sind im Radio Meldungen über den Fund von Blindgängern zu hören. Es folgt oft der Aufruf, aus Sicherheitsgründen die Wohnung zu verlassen und die kurzfristige Unterbringung der Bewohner ganzer Straßenzüge in Turnhallen. Maßnahmen wird angeordnet. „Das wird auch künftig notwendig sein, weil es“, erklärt Noparlik, „auch weiterhin Blindgängerfunde geben wird“.

Eine Situation, von der der Landkreis Rotenburg weitgehend ausgenommen ist. Eine wesentliche Rolle spielt beim Auffinden die Bautätigkeit: Die Baggerschaufel stößt plötzlich auf das Metall eines Blindgängers. Die Arbeiten müssen zeitweilig unterbrochen werden. Damit, so Noparlik, rechne er beim Bau der Stromtrasse „SuedLink“.

Und die Männer vor Ort, die immer wieder Leben und Gesundheit riskieren und mit der extremen Belastung leben müssen, zu ihrer Familie womöglich nicht zurückzukommen? „In meiner aktiven Zeit habe ich vor fünf Jahren drei Kollegen durch tödliche Arbeitsunfälle verloren“, sagt Noparlik. Sieben Sprengmeister gibt es derzeit in Niedersachsen. 

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