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Rotenburger Gruppe „Rollentausch“ spielt Steinbecks „Früchte des Zorns“

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Von: Ulla Heyne

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Tanz auf der Bühne beim Theater Rollentausch
Seit langer Zeit wieder mit Livemusik setzen die zwölf „Rollentausch“-Schauspieler die historische Flüchtlingsgeschichte um. © Heyne

Für die Schauspieler ist klar: Der Stoff passt in diese Zeit: Die Theatergruppe Rollentausch probt Steinbecks „Früchte des Zorns“.

Rotenburg – Freitagabend in der IGS-Aula in der Gerberstraße: Das mitgebrachte Büfett steht jenseits des Scheinwerferlichts unangetastet im Dunkel. Auf der Bühne schmausen die Protagonisten von leeren Stahltellern, aus einem großen Topf schenkt Bettina Renken mit einer großen Kelle Luft nach. Zumindest gedanklich sind die zwölf Schauspieler nicht im Hier und Jetzt, sondern im Amerika der 1930er-Jahre.

Es ist die Zeit der großen Depression, nach Weltwirtschaftskrise und Dürre haben die Kleinbauern ihre Farmen an die Banken verloren. Nun sitzen sie auf einem Lkw aus Obstkisten, aus denen im Verlauf des Stücks mit wenigen Handbewegungen Esstisch, Mauer oder Zug wird. Als Wanderarbeiter auf dem Weg nach Kalifornien erfahren sie Ablehnung, Ausbeutung, Rassismus. Und damit ist auch schon die thematische Brücke von John Steinbecks „Früchten des Zorns“ zum Hier und Jetzt gespannt.

Die Menschheit hat nichts dazu gelernt – das Stück enthält auch Botschaften wie den Appell nach Menschlichkeit und Solidarität.

Regisseurin Gaby Reetz

Eine Leseprobe des aus den eigenen Reihen vorgeschlagenen, mit dem Pulitzerpreis gekrönten Werks von John Steinbeck überzeugte die Hobbyschauspieler: An die 90 Jahre alt, „passe das Stück erschreckend gut in unsere heutige Zeit“. Klima-, Flüchtlings- und Wirtschaftskrise: „Die Parallelen zur heutigen Situation könnten nicht größer sein“, findet Friedhelm Horn. Bei der „Löwengrube“ war er noch als Statist dabei, dieses Mal gibt er sein „Sprechdebüt“. „Was sich damals in Amerika abgespielt hat, passiert heute global“, meint der pensionierte Geschichts- und Politiklehrer. „Die Menschheit hat nichts dazu gelernt – das Stück enthält auch Botschaften wie den Appell nach Menschlichkeit und Solidarität“, betont Gaby Reetz, die einmal mehr als Regisseurin die Fäden zieht. Mit ihrem Spiel nicht nur zu unterhalten, sondern auch Botschaften zu senden, das ist allen hier wichtig – Sendungsbewusstsein erwünscht. „Bereits mit der Tragikomödie „Löwengrube“ hatte man sich keinen leichten Stoff ausgesucht; die Komödie, die folgen sollte, wurde verschoben. Auch inhaltlich treten die Schauspieler, (der Jüngste 18, die Ältesten im Rentenalter), immer wieder in den Diskurs; Diskussionen wie heute die von Horn und Jürgen Cassier über die Endlichkeit von Wirtschaftswachstum sind nicht ungewöhnlich bei den Proben.

Die Umsetzung des Stoffes birgt einiges an Herausforderungen, nicht nur wegen der ursprünglich 32 Rollen. Sondern auch inhaltlich, wie Akteurin Bettina Renken erklärt: „Diese tragische Entwicklung – wir können uns da ja gar nicht so hineinversetzen – für die Verzweiflung meiner Protagonistin hat man ja keine Blaupause aus dem richtigen Leben!“ Für andere wie Petra Vermehren gibt es daneben auch ganz praktische Hürden: In sieben Rollen und dementsprechend viele Kostüme zu schlüpfen, erfordert Tempo und gutes Timing.

Stephan Anders treibt um, die Flüchtlinge im rechten Licht darzustellen, „ihre Naivität in der Annahme, sie kommen in Kalifornien ins Gelobte Land, nicht unter den Tisch fallen zu lassen, ohne sie zu denunzieren.“ Cassier, „alter Hase“ des 1998 gegründeten schauspielerischen Zweigs der Kulturinitiative Rotenburg (Kir), hat sich gefragt, ob die Darstellung eines Flüchtlingstrecks nicht vermessen ist, „ob wir uns überhaupt in ihre Situation hineinversetzen können. Die Armseligkeit und Ausweglosigkeit; dürfen wir das überhaupt spielen?“ Gespräche mit syrischen Flüchtlingen nahmen die Zweifel: „Sie haben mich dazu ermutigt!“

Die Obstkisten sind ein zentrales Element des minimalistischen Bühnenbildes Theater Rollentausch
Die Obstkisten sind ein zentrales Element des minimalistischen Bühnenbildes. © Heyne

Runterziehen lassen sich die Akteure, die sich seit Sommer wöchentlich und in den letzten Wochen zusätzlich zu diversen Wochenend-Intensivproben treffen, von der düsteren Thematik indes nicht: „Wenn man etwas Gutes draus macht, ist es doch in Ordnung“, findet Raphael Roschkowski, mit knapp 19 der Jüngste. Regisseurin Reetz hat festgestellt: „Das schweißt ungemein zusammen“, und Renken ergänzt: „Mit dem Kleid legt man auch die Rolle ab.“ Einer, der das so nicht kann, ist Hannes Gehring, der sich hier zum ersten Mal um Licht und Ton kümmert. Ihn stimmen die dargestellten Szenen zuweilen schwermütig, „aber ich sehe das ja auch von außen“. Der Kulturschaffende aus Selsingen lässt es virtuell regnen, lässt akustisch einen Fluss vor der Bühne entlangfließen oder entwurzelt mit seinen eingespielten Sound-Schnipseln schon mal einen Baum im Gewitter. „Das Stück bietet Ansätze für das Publikum, über die eigenen Situation nachzudenken“, findet er.

Wenig später ist die Pause zu Ende, das reale Büfett geplündert; trotz fortgeschrittener Stunde sind noch einige Szenen zu bewältigen. Die Protagonisten tanzen ausgelassen zu „I come from Alabama“ auf der Bühne, begleitet von Stephan Anders, der mit Stimmbändern und Gitarre seit langem wieder Livemusik im Theater erlebbar macht. Der erfahrene „Kathariss“-Theaterrecke war von einer der Akteurinnen angeworben worden; „Ich kenne die Regisseurin Gaby Reetz aus gemeinsamen Schultheaterzeiten und wusste, das kann nur gut werden.“ Der zweite „Neuling“ Horn schätzt vor allem die gute Truppe „mit einer faszinierenden Gruppendynamik“.

Die Befürchtung, Zuschauer abzuschrecken mit einem Titel, der nach „oller Kamelle“ klingt, hat die Gruppe nicht: „Im Gegenteil, wer diesen eindringlichen Roman einmal gelesen hat, ist begeistert“, hat Reetz festgestellt; sie kann sich auch Schulvorstellungen mit den BBS oder der IGS vorstellen.

Karten und Termine

Premiere feiert Rollentausch mit „Früchte des Zorns“ am Freitag, 10. März, 19.30 Uhr, in der Aula der IGS Rotenburg (Gerberstraße 16). Tickets sind zum Preis von 13 Euro (ermäßigt 9) im Vorverkauf in der Tourist-Information im Rathaus und bei Famila in Rotenburg erhältlich sowie ab dem 14. Februar online über www.kir-row.de/veranstaltungen. An der Abendkasse kosten sie 16, ermäßigt 12 Euro. Weitere Vorstellungen: Samstag, 11., Sonntag, 12., Freitag, 17. und Samstag, 18. März.

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