Interview

Freunde und Helfer: Polizisten über besondere Herausforderungen ihres Berufs

Zeit für ein Gespräch über ihren Berufsstand nehmen sich Johanna Sander, Joshua Könenkamp und ihr Chef Torsten Oestmann (Mitte).
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Zeit für ein Gespräch über ihren Berufsstand nehmen sich Johanna Sander, Joshua Könenkamp und ihr Chef Torsten Oestmann (Mitte).

Rotenburg – „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Auch wenn dieser Slogan historisch belastet ist, weil ihn einst Heinrich Himmler 1935 geprägt haben soll, ist er durchaus noch gängig. Bis heute geistert er durch deutsche Köpfe, wenn von diesem Berufsstand die Rede ist. Und wie ist es wirklich? Autor Henrik Pröhl rückt in einem Gespräch mit Polizeidirektor Torsten Oestmann (56) und den jungen Polizeikommissaren Johanna Sander (28) und Joshua Könenkamp (27) den Beruf in den Fokus.

Was genau hat Sie bewogen, Polizist werden zu wollen?
Sander: Ich habe mich für die Polizei schon immer interessiert, obwohl es kein Kindheitstraum war. Nach der Schule habe ich beschlossen, mich dort zu bewerben.
Einfach so? Ich habe gehört, dass das Auswahlverfahren sehr anspruchsvoll sein soll.
Sander: Nun ja, man muss körperlich erst einmal fit und in Rechtschreibung sicher sein. Man muss über eine ordentliche Merkfähigkeit verfügen, logisches Denken wird vor allem erwartet.
Das ist nicht jedem gegeben. Frauen bei der Polizei – ich schätze, als Sie, Herr Oestmann, ihre Laufbahn begannen, war das nicht üblich.
Oestmann: Das stimmt, inzwischen haben wir aber einen Frauenanteil von gut einem Drittel.
Nicht schlecht, besser als im politischen Geschäft. Wie war der Berufseinstieg bei Ihnen, Joshua?
Könenkamp: Ich habe zuerst Fachkraft für Lagerlogistik gelernt.
Nicht ganz so spannend, oder?
Könenkamp: Zugegeben, bei der Polizei ist es aufregender. Darauf bin ich aber erst beim Fußballtraining gekommen. Da hat mich mein damaliger Trainer angesprochen.
Sander: Es passiert einfach viel, und die Polizei wird immer gebraucht.
Würden Sie sagen, ein Job für’s Leben?
Beide: Ja!
Oestmann: Und ein Job, den man nicht bereut.
Hört, hört, das sagt ein alter Hase, der schon 38 Jahre Polizeidienst auf dem Buckel hat. Was machen Sie, Johanna, genau?
Sander: Ich arbeite überwiegend in der Tatortgruppe, also dort, wo Einbrüche, Brandanschläge, Todesursachen und Sexual-Delikte aufgenommen werden.
Du lieber Himmel, das volle Programm.
Sander: Dazu kommt natürlich der Einsatz- und Streifendienst mit meinem Kollegen Joshua.
Um Hüter des Gesetzes zu sein, braucht es Autorität. Spielte bei Ihrer beruflichen Entscheidung auch dieser Aspekt eine Rolle?
Sander: Es geht eher um die Verantwortung, die wir tragen. Der Reiz dabei ist, immer flexibel sein zu müssen.
Zu Ihrer Ausrüstung gehört die Dienstwaffe. Haben sie davon schon mal Gebrauch machen müssen?
Sander: Im Dienst bislang nur nach Wildunfällen, um das verletzte Tier zu erlösen. Ansonsten müssen wir natürlich regelmäßig Schießübungen absolvieren.
Aber Sie, Joshua, Sie drücken schon mal ab?
Könenkamp: Ich musste zum Glück noch nicht schießen.
Herr Oestmann, Hand aufs Herz.
Oestmann: Ich habe bisher nie schießen müssen. Unsere eigentliche Waffe ist auch eher das Wort.
Das hört sich gut an.
Sander: Es geht in unserem Beruf auch um die friedliche Lösung von Konflikten. Es geht um Deeskalation und manchmal auch um interkulturelle Kompetenzen.
Sie sprechen die multikulturelle Gesellschaft an. Braucht es da besondere Fähigkeiten?
Sander: Jeder Mensch tickt anders, hat eine andere Mentalität. Das muss man einschätzen können und sich darauf einstellen.
Könenkamp: Zum Beispiel kann das Empfinden von angemessenem räumlichem Abstand sehr unterschiedlich sein. Hier ist, aller Empathie zum Trotz, für uns die Eigensicherung entscheidend.
Oestmann: Empathie ist in unserem Beruf wichtig. Wir sollten freundlich und nett sein, solange es möglich ist, aber erforderlichenfalls auch konsequent handeln. Man darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen.
Sander: Man entwickelt gewissermaßen das polizeiliche Bauchgefühl.
Ein sehr interessanter Begriff. Ihr Job steht im Fokus der Öffentlichkeit. Was auch immer Sie tun, Sie werden dabei genau beobachtet. Ist das belastend?
Sander: Wo wir auftauchen, schauen alle zu, man merkt das jeden Tag. Aber das belastet uns meistens nicht.
Könenkamp: Es ist wieder der Aspekt der Verantwortung, die wir gerne tragen.
Sander: Leider sind Schaulustige sehr schnell in ihrem Urteil.
Oestmann: Das erleben wir vor allem im Internet. Auf Facebook bricht schnell mal ein Shitstorm los, weil sich die Leute ungenügend informieren und vorschnell hochschaukeln. Damit können wir aber umgehen.
Könenkamp: Bei unseren Einsätzen können wir seit einiger Zeit Bodycams tragen, die genau aufzeichnen, was passiert. Da sind die Leute schon zurückhaltender, auch mit Beleidigungen gegen uns. Es ist gut, dass man zu zweit ist, da kann man sich in heiklen Situationen gegenseitig stärken und auch mal abwechseln.
Sander: Wir sind ein Team, da gibt jeder auf den anderen Acht. Könenkamp: Und nach jedem Konflikt wird nötigenfalls die entsprechende Strafanzeige gefertigt.
Das haben sie schön formuliert, wie ein echter Beamter.
Oestmann: (Lacht) „Gefertigt“ ist tatsächlich Beamtendeutsch – so haben es die Kollegen gelernt.
Mal ehrlich, als Polizisten müssen sie sich eine Menge anhören. Wo lassen sie das nach Feierabend?
Sander: Sobald die Uniform abgelegt ist, ist es vorbei.
So einfach geht das?
Sander: Es ist fast wie ein bewusstes Ritual. Wenn man die Uniform ausgezogen hat, ist der Dienst vorbei. Das Erlebte bleibt dann in der Umkleide. Diese Uniform ist wie ein Schutzpanzer.
Oestmann: Man lässt natürlich nicht alles bei der Arbeit. Es gibt Geschichten, die sich eingebrannt haben. Da geht es um menschliches Leid. Unfälle mit Kindern zum Beispiel sind solche Ereignisse, die man nicht so schnell vergisst.
Wie gehen sie als Kommissare damit um?
Oestmann: Es gibt eine regionale Beratungsstelle mit speziell geschulten Kollegen, die Betroffene unterstützen und beraten. Das hilft.
Apropos Kommissar: Schauen Sie eigentlich Krimis im Fernsehen?
Könenkamp: Nein, das ist nicht mein Genre.
Sander: Früher ja, mittlerweile kann ich nur noch Krimis gucken, die ganz weit von der Realität weg sind und vor allem unterhalten. Den Tatort aus Münster zum Beispiel.
Geht das Fernsehen zu salopp mit der Wahrheit um?
Oestmann: Was da gezeigt wird, hat sehr oft nichts mit der Wirklichkeit zu tun, aber ich schaue Krimis trotzdem ganz gern.
Als Gesetzeshüter sind Sie manchmal verdonnert, Meinungen und staatliche Entscheidungen mitzutragen, die Ihnen persönlich widersprechen, wenn Sie beispielsweise eine Demonstration beschützen müssen, deren Inhalte Sie nicht teilen.
Sander: Das macht keinen Spaß, aber wir müssen auch die Meinung Andersdenkender schützen. Das gehört dazu.
Befehl ist Befehl?
Oestmann: Bei uns geht es nicht so absolut nach Befehl und Gehorsam, wie man vielleicht denkt. Wir arbeiten eher im Team und normalerweise mit Aufträgen. Diese geben einen Rahmen vor, der dann eigenverantwortlich im Team abgearbeitet wird.
Die Pandemie beschert Ihnen mitunter besonders unangenehme Einsätze, wenn Sie in die Privatsphäre fremder Menschen eindringen müssen, weil man sich dort, allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz, widerrechtlich ohne Maske und Abstand hemmungslos in den Armen liegt.
Sander: Das kommt schon mal vor. Aber wir machen da keinen Unterschied. Meistens sind die Gründe für Verstöße sehr banal.
Könenkamp: Es sind ganz allgemein Anrufe von Nachbarn, denen wir so oder so nachgehen müssen. Das macht nicht immer Freude.
Sander: Da geht es mal um Ruhestörung oder Streitigkeiten. Manchmal wüschen wir uns, die Leute könnten unabhängig von Corona ihre Konflikte selber lösen. Es gibt so viele wichtigere Einsätze.
Ich bin am Ende, gibt es noch etwas, was Sie sagen wollen?
Sander: Einfach mal genau hinsehen und nicht vorschnell urteilen. Vertrauen, dass es einen Grund für die Art und Weise unseres Handelns gibt.
Hier schließt sich der Kreis. Herr Oestmann, vielleicht noch mal kurz zum Slogan „Freund und Helfer“.
Oestmann: Mir ist der Ursprung zunächst auch nicht richtig bewusst gewesen, erst nachdem die Polizei ihre Geschichte in der NS-Zeit aufgearbeitet hat. Der Spruch ist dort missbraucht worden, daher nutzen wir ihn selbst nicht so gerne. Ich bin mir aber sicher, dass er in der Bevölkerung oft in positiver Absicht gesagt wird. Umfragen zeigen immer wieder, dass wir als Polizei bei den Menschen nach wie vor sehr hohes Vertrauen genießen – das motiviert uns. Und dieses Vertrauen spüren wir auch hier im Landkreis.
Darf ich jetzt, nachdem wir uns so gut verstehen, darauf hoffen, dass Sie bei mir ein Auge zudrücken, wenn ich mal was falsch mache?
Könenkamp: Ist nicht, Herr Pröhl.
Mit 3,5 Kilogramm Gewicht gehört der Gürtel mit teleskopierbarem Einsatzstock, Reizstoffsprühgerät, Schusswaffe im Holster und Handschellen (hinten) zur Grundausstattung eines Polizisten.

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