Der Rotenburger Militärpfarrer Bernd Kuchmetzki ist im Nordirak im Einsatz

Arbeit in der „Zuflucht“

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Bernd Kuchmetzki war seit Januar als Militärpfarrer im Einsatz.

Erbil/Rotenburg - Auf den ersten Blick sieht die „Zuflucht“ aus wie ein orientalisches Wohnzimmer. Goldbraune Wandvorhänge und Bastmatten schmücken die Seitenwände des Containers im Camp Erbil im Nordirak. Bunte Lampen erfüllen den Raum mit einer wohligen Wärme. Eine Sitzecke und Sessel laden zum Verweilen ein. Der Kühlschrank ist gefüllt, Kaffeemaschine und Wasserkocher stehen bereit. Wer möchte, kann Gitarre oder Keyboard spielen – der Arbeitsplatz von Bernd Kuchmetzki, Militärpfarrer aus Rotenburg. Heute kommt er zurück.

Manchmal kam er sich vor wie ein Barkeeper, sagt Kuchmetzki, wenn er abends gegen 20 Uhr die Tür zur „Zuflucht“ aufschloss. Aber nur, weil er sich intensiv um seine „orientalische Stube“, wie er sie liebevoll nennt, kümmerte. Dazu gehörte eben, „Mädchen für alles“ zu sein, wie er betont. Die Zuflucht müsse schließlich sauber gehalten werden und manchmal angeheizt, der Kühlschrank immer gut gefüllt sein, und natürlich erklingt auch Musik über die Lautsprecher.

Die Zuflucht ist ein Ort zum Abschalten, vom normalen Dienstalltag. Ein gemütlicher Raum, um mit anderen ins Gespräch zu kommen, um sich auszutauschen, um sich kennenzulernen.

Natürlich gibt es auch andere „Zufluchten“ für die Soldaten, so Kuchmetztki – wie die Bank auf dem Camp-Marktplatz oder der Sitzplatz hinter dem Wohncontainer. „Oder ich war für ein Gespräch zwischen Tür und Angel da, im Ausbildungscamp der Peschmerga, wenn ich mit den Ausbildungsteams draußen war“, erzählt er. „Dort gab es mal eine Ausbildungseinheit, die bestand nur aus Christen. Als sie merkten, dass ich Pfarrer bin, kamen sie alle. Sie standen Schlange, um sich segnen zu lassen.“ Für die Soldaten war er Ansprechpartner, Seelsorger und Veranstalter.

Die größte Sorge der Soldaten sei erstmal die Sicherheitslage, die sich in Kurdistan allerdings sehr entspannt zeigte, die aber auch sehr schnell umschlagen und gefährlich werden könne, so der Militärpfarrer. Besonders vor Bombenanschlägen und Selbstmordattentätern haben seine Schützlinge Angst. „Deshalb fahren die deutschen Soldaten nur in gepanzerten Fahrzeugen durch die Gegend. Die Splitterschutzweste und ein ‚Überlebensrucksack‘ müssen immer mitgenommen werden“, sagt Kuchmetzki. Aber im Großen und Ganzen sei es ruhig dort.

Da das Lager in Erbil klein ist, gebe es kaum größere Bewegungsmöglichkeiten. Einfach so in die Stadt rausfahren, gehe nicht. „Also müssen sich die Soldaten irgendwie beschäftigen oder beschäftigt werden. Das gelang mir ganz gut. Als Militärpfarrer habe ich meinen Teil dazu beigetragen“, so Kuchmetzki. Ansonsten seien seine Soldaten „Menschen in Uniform“. „Sie haben alle Sorgen und Nöte, die junge oder auch schon erfahrenere Menschen haben, die für längere Zeit von der Familie, dem Freund oder der Freundin weg sind. Die Trennung ist eine große Belastung für die Soldaten.“ Viele Beziehungen seien deswegen schon kaputt gegangen.

„Das war mein erster Auslandseinsatz als Militärpfarrer“, sagt Kuchmetzki. Weitere sollen aber folgen. „Ich bin ja noch nicht so lange dabei.“ Heute landet er nach zwei Monaten im Einsatz in Bremen. „In der Regel bleiben wir vier Monate, wie auch die Soldaten. Aber von unserem Kirchenamt in Berlin ist der Einsatz hier kürzer bemessen worden. Mein Nachfolger, ein katholischer Kollege, wird gleich Anfang nächster Woche hier eintreffen und weitermachen“, sagt er. Mit ihm sind drei Rotenburger Soldaten im Camp Erbil gewesen, aus Munster seien auch viele da.

Am Abend würden alle Soldaten zusammen in der „Zuflucht“ sitzen und sich austauschen. Es werde gelacht, erzählt und diskutiert. Manchmal werde es still. Im geschützten Raum der „Zuflucht“ sprechen die Soldaten mit dem Militärpfarrer. Der hört zu, wendet sich ihnen zu, vermittelt, verbindet so manche verletzte Seele. Aber es werden auch Ideen ausgetauscht. Ein Projekt fürs Camp wird geplant oder die nächste Aktion in der „orientalischen Stube“.

Die Zuflucht ist auch Veranstaltungsort. Sonntagabends werde Gottesdienst gefeiert. Kuschelig gehe es zu, mit Gitarrenmusik und mit vielen brennenden Kerzen. Besonders eindrücklich werde es, wenn der Pfarrer beim Fürbittengebet alle einlädt, ein Teelicht zu entzünden und es mit einem Wunsch, Gebet, Dank oder Gedanken vor das Kreuz auf dem liebevoll gestalteten Altar zu stellen. Ganz still werde es dann. Gefühlvolle Stille schwebt im Raum. Das Vaterunser beschließe die Zeremonie. „Ein Highlight war eine Faschingsfeier, zu der ich eingeladen hatte, die echt super angenommen wurde.“

Ganz anders geht es zu, wenn samstags über Bundeswehr-TV live die Bundesliga in die „Zuflucht“ kommt. Oder wenn der Militärpfarrer am Donnerstagabend zum Filmabend einlud. Gemütlich bei Chips und Getränken wurde es dann auch schon mal etwas lauter.

Selbst am Tage könne es Besuch geben in der „Zuflucht“. Sie sei ja der schönste Raum im Lager. Wenn Generäle, Politiker und Parlamentarier mit ihren Delegationen ins Camp kommen, ist die Orientstube ein Ankerpunkt im Besuchsprogramm. Militärpfarrer Kuchmetzki zeigte sie immer gerne und gab den Entscheidungsträgern so manchen Fingerzeig mit auf den Weg. Sie sollten wissen, was die Soldaten, die „Menschen in Uniform“ fern der Heimat erleben und von ihnen erhoffen und erwarten.

mro/mk

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