Der Rotenburger Mediziner Dr. Johannes Höcker erlebt zwei Monate Neuseeland auf eigene Faust

„Viele träumen von einer Auszeit“

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Johannes Höcker bei einem der „Great walks“ in der atemberaubenden Landschaft Neuseelands.

Rotenburg - Von Guido Menker. Einfach mal raus. Wer wünscht sich das nicht? Dr. Johannes Höcker hat eine passende Gelegenheit genutzt, um sich einmal am anderen Ende der Welt umzuschauen. Zwei Monate lang ist der Mediziner durch Neuseeland gereist – kurz vor Weihnachten kam er zurück.

Herr Höcker, Sie sind 30, Sie sind Arzt, und Sie sind verheiratet. Warum haben Sie sich allein für zwei Monate auf die Reise nach Neuseeland gemacht?

Johannes Höcker: Die Gelegenheit war günstig. In meiner Laufbahn als zukünftiger Allgemeinmediziner wechselt man regelhaft nach einigen Jahren Krankenhaus in die Praxis, und zwischen diesen beiden Jobs konnte ich gut eine Pause einbauen. Die Arbeitsbelastung im Krankenhaus-Betrieb ist für alle Berufsgruppen spürbar angestiegen, zusätzlich zu meiner 100-Prozent-Stelle habe ich etwa jedes zweite Wochenende und viele Nächte im Krankenhaus verbracht, sodass ich die Reisezeit als eine Art „unbezahlten Freizeitausgleich“ angesehen habe. Die Südhalbkugel habe ich ausgewählt, weil ich Sonne wollte, und Neuseeland den Ruf hat, ein tolles Reiseland mit netten Menschen, toller Natur und ohne giftige Tiere zu sein.

Mitgenommen haben Sie offenbar Abenteuerlust und den Wunsch, etwas zu machen, was man in dieser Form später vielleicht nicht mehr macht. Was haben Sie in den zwei Monaten unternommen?

Höcker: Ich habe eine „klassische“ Variante der Neuseeland-Reise gewählt und bin in einem „Sleepervan“, also einem Auto, in dem man auch bequem schlafen kann, quer durch das Land gefahren, um dann zu Fuß die Natur zu erkunden. Ich habe mehrere der „Great Walks“ absolviert, also mehrtägige, wunderschöne und einsame Wanderrouten mit Zelt und Rucksack. Meinen Lebensstil habe ich in der Zeit stark vereinfacht. „Wo will ich hin?“, „Was schaue ich an?“ und „Was esse ich heute?“ waren die wenigen Fragen, um die ich mir tatsächlich täglich Gedanken machen musste. Alles andere war optional.

Neuseeland – das liegt am anderen Ende der Welt. Wie hat es Ihnen dort gefallen?

Höcker: Neuseeland ist ein tolles und unkompliziertes Reiseland mit atemberaubend schöner Natur! Allerdings hat Neuseeland auch seine Schattenseiten. Die Menschen dort sind nach meinem Gefühl nicht umweltbewusster als anderswo. In einigen Landstrichen sind Wohlstand und Bildung weit weg. Und Eintrittspreise für Sehenswürdigkeiten liegen generell sehr hoch, die Tourismus-Industrie weiß genau, dass viele Besucher auf der Reise ihres Lebens sind und nach der weiten Anreise dann auch eher bereit sind, diese Preise zu bezahlen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, wieder nach Deutschland zu kommen?

Höcker: Der Kontrast zum unbeschwerten neuseeländischen „Spirit“ ist schon sehr groß. Trotzdem bin ich gerne wieder zurück gekommen, denn es liegen hier in Deutschland ein paar spannende Aufgaben vor mir. Die Auszeit hat mir aber sowohl körperlich als auch geistig sehr gut getan.

Was genau haben Sie für sich und für Ihr weiteres Leben aus Neuseeland mitgebracht?

Höcker: Zum einen habe ich durch den deutlich aktiveren Lebensstil einige fast vergessene Muskeln wieder entdeckt und statt dessen ein paar überzählige Kilos dort gelassen, allein dafür hat sich die Reise gelohnt. Die „Tiefenentspannung“ der Neuseeländer ist uns dauergestressten Deutschen fast völlig abhanden gekommen. Viele Probleme des deutschen Alltags sind mit Abstand betrachtet gar keine, erst Recht mit einem Abstand von 18000 Kilometern. Das neuseeländische Lebensmotto „no worries, mate“ („Mach dir keine Sorgen, Freund“, Anm. d. Red.) wird mir hoffentlich noch eine Weile im Ohr bleiben.

Sie haben von unterwegs aus auch einen Blog geschrieben. Warum war es Ihnen wichtig, sich Ihren Verwandten und Freunden mitzuteilen?

Höcker: Mein Langzeit-Gedächtnis ist furchtbar schlecht! Ich habe also nicht zuletzt für mich selbst ein Online-Tagebuch geschrieben, um mich später besser erinnern zu können. Und für meine Frau, damit sie weiß wo ich stecke und was ich erlebe. Das war ich ihr schuldig, denn es war toll, dass sie mir für die Reise ihren Segen gegeben hat. Dass Freunde, Bekannte und Kollegen mitlesen konnten, war eher ein Nebeneffekt. Ich hatte daher auch nicht mit so viel Resonanz gerechnet.

Wie waren denn die Reaktionen auf Ihren Reiseplan und später auf die Berichte?

Höcker: Von Kollegen und Mitarbeitern habe ich viele gute Wünsche mit auf den Weg bekommen, denn viele träumen von einer ähnlichen Auszeit. Für den Blog habe ich tolles Feedback bekommen, er hat sich auch weiter verbreitet, als ich gedacht hätte. Ich habe Rückmeldungen bekommen, dass einige Blog-Leser aus meinen Geschichten Energie für den eigenen Arbeitstag geschöpft haben. Das hat mich natürlich gefreut.

So lange allein unterwegs und überwiegend mit sich selbst zu sein, kann viel bewirken. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Höcker: Ich gehöre zu den Menschen, die gut mit sich alleine sein können. Ich habe viel nachdenken und lesen können. Und die viele Bewegung an frischer Luft war eine herrliche Alternative zur Kopf-Arbeit im Krankenhaus.

Sie haben in der Zeit dort auch ein Erdbeben erlebt. Wie war das für Sie?

Höcker: Es war nur ein leichtes Erdbeben, daher fand ich es tatsächlich toll, die Kraft der Erde zu spüren. Mit etwas Abstand staune ich aber, wie naiv ich dabei war, wenn man bedenkt, wie viel Leid und Zerstörung Erdbeben anrichten können.

Warum würden Sie anderen Menschen empfehlen, ebenfalls einmal eine solche Auszeit einzuplanen?

Höcker: Die Perspektive wird gerade gerückt, man schöpft neue Energie für das weitere Schaffen, und es tut Körper und Geist gut.

Sie haben drei Jahre im Diakonieklinikum gearbeitet, im letzten Jahr Ihrer Diako-Zeit in der Palliativstation. Hat gerade dieser Fachbereich dazu beigetragen, eine solche Reise zu unternehmen?

Höcker: Ja, auch. Ich habe mit meinem Team viele schwer kranke und sterbende Patienten betreut. So mancher davon hat seine Lebensträume auf später verschoben und wurde durch einen Schicksalsschlag um die Erfüllung dieser Ziele gebracht. Das sollte mir nicht passieren.

Künftig werden Sie nicht mehr in Rotenburg als Arzt tätig sein. Wie geht es für Sie weiter?

Höcker: Ich bleibe in der Region und bin ab dem neuen Jahr im Heidekreis in einer Hausarztpraxis angestellt. Die Palliativmedizin wird mich voraussichtlich weiter begleiten, aber es tut für den Augenblick gut, von diesem Fachgebiet noch einmal etwas Abstand zu gewinnen.

Sie stammen nicht aus Rotenburg, könnten Sie sich trotzdem vorstellen, dauerhaft hier zu bleiben?

Höcker: Ich wusste nicht viel von Rotenburg, als ich vor drei Jahren hierher gezogen bin, habe aber schnell gemerkt, das Rotenburg eine hohe Lebensqualität bietet. Wir haben uns schnell zu Hause gefühlt. Es ist alles da, was junge Familien brauchen. Beeindruckt hat mich, dass die Menschen hier geprägt von den Rotenburger Werken tagtäglich zeigen, wie normal man auch andernorts mit Behinderungen umgehen könnte, wenn man sich darauf einlassen würde. Ich weiß nicht, wo ich in ein paar Jahren sein werde, aber Rotenburg bleibt eine Option!

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