Patient Hausarzt

Rotenburger Mediziner fordern weniger Bürokratie und mehr Zeit

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Symbolbild

Rotenburg - Von Michael Krüger. Dr. Stefan Henning ist erbost. Mal wieder ist Wahlkampf, mal wieder viele Versprechen, „das übliche Wahlkampfgeschwafel“. Dabei gibt es viel zu ändern, das Gesundheitssystem in der jetzigen Form steht vor dem Kollaps, sagt der Rotenburger Hausarzt.

Mit einem „Brandbrief“ hatte er sich nach der Podiumsdiskussion der Ärztevereinigung Kreis Rotenburg mit den Bundestagskandidaten an die Rotenburger Kreiszeitung gewandt. Warum wird es versäumt, „Patienten und Bevölkerung zu informieren, wachzurütteln und auch zu warnen“, fragte er. Mit seinem Freund und Kollegen Hendrik Busse, dem zweiten Vorsitzenden der Ärztevereinigung, führt Henning eine Hausarztpraxis, die schon dessen Großvater aufgebaut hat. Mit damals sei aber nichts mehr zu vergleichen, sagen die beiden 43-Jährigen im Interview.

Herr Busse, Herr Henning – wo liegt denn eigentlich das Problem?
Stefan Henning: Wir Ärzte sind grundsätzlich sehr frustriert über die allgemeine Situation. Deswegen machen wir auch solche Veranstaltungen wie die Podiumsdiskussion. Hendrik Busse: Wenn wir die Probleme auf wenige Worte herunterbrechen müssten, ist es: Zeit. Mehr Zeit, die wir bräuchten für die unmittelbare Versorgung des Patienten. Die Schlagzahl wurde schon erhöht, als wir angefangen haben, aber wir haben noch den besonderen Blick auf die Praxis davor. Das enge Verhältnis zum Patienten, bei dem über den akuten Anlass hinaus auch mal geklönt wurde und wo man den Patienten als ganze Person erlebt hat, das ist immer weniger geworden. Wir haben das Gefühl, am Fließband zu stehen.

Dr. Stefan Henning (l.) und Hendrik Busse.

Gibt es zu viele Patienten?
Busse: Es sind verschiedene Faktoren, die zu der Situation beitragen. Zum einen werden die Leute älter und haben dadurch mehr Krankheiten, gehen damit also öfter zum Arzt. Gleichzeitig hat der medizinische Fortschritt extrem zugenommen. Sie behandeln viel intensiver. Es gibt viel mehr Untersuchungen – weil man es jetzt kann und der Patient es erwartet. Und die Leute gehen einfach häufiger zum Arzt. Der Versorgungsaufwand hat enorm zugenommen. Dazu kommt die Bürokratie. Befunde müssen gesichtet, bewertet und koordiniert werden. Das sind aber nur die medizinischen Sachen. Hinzu kommt, was uns die Krankenkasse aufdrücken – das hat mit der Patientenversorgung gar nichts zu tun.

Gehen die Menschen zu schnell zum Arzt, weil zum Beispiel klassische Hausmittel nicht mehr bekannt sind?
Busse: Ja, besonders in Deutschland. Ich habe auch mal in Norwegen gearbeitet, da geht man mit vielen Beschwerden noch lange nicht so früh zum Arzt. Wir haben hier ein Gratis-System – wir zahlen Beiträge und können das dann nutzen. Früher sind die Menschen bei seelischen Problemen auch noch zum Pastor gegangen. Heute wird versucht, es zum Hausarzt zu schieben – es kostet ja auch nichts. Busse: Es sind aber nicht alle Patienten so, sondern bestimmte. Der kleinere Teil geht überproportional oft zum Arzt. Das erleben wir hier bei den Hausärzten, aber auch in den Notdiensten oder in der Notfallambulanz im Krankenhaus. Es sind zwischen 10 und 20 Prozent aller Patienten, die ständig kommen. Die sehen wir jede Woche, oftmals ohne medizinische Notwendigkeit. Das ist manchmal Lebensberatung oder sie haben etwas in einer Illustrierten gelesen... Henning: ...oder der 90-Jährige hat eben Rückenschmerzen. Das geht ja nicht weg. Viele sind nicht krank, sondern alt. Und Altsein bringt Beschwerden mit sich. Da ist man auch manchmal hilflos als Arzt.

Welche Folgen hat diese Entwicklung?
Busse: Im Wesentlichen steht weniger Zeit für den Patienten zur Verfügung – und daraus entstehen viele weitere Folgen. Wenn man gerade am Anfang der diagnostischen Kette zu wenig Zeit hat, den Patienten auf den richtigen Pfad zu schicken, entstehen unheimlich viele Folgekosten und Zeitverlust an anderer Stelle. Ein Beispiel: Es kommt jemand in die Praxis und klagt über Schmerzen im Brustkorb links. Wenn Sie den nicht vernünftig befragen und nur nach dem Behandlungsalgorithmus gehen – tatütata, ab ins Krankenhaus, könnte nämlich ein Herzinfarkt sein. Der Patient hat aber eigentlich nur stressbedingt Verspannungen, was man nicht erfragt hat. Bisschen Ibuprofen, Wärmflasche drauf und der Tipp „Mach dir nicht so viele Sorgen“ hätten gereicht. Die Bagatelle kann so selbst in den Folgejahren eine ganze Kette an Untersuchungen und Kosten auslösen. Am Anfang braucht man ein größeres Zeitfenster. Henning: Systemisch gesehen wird die persönlich patientenorientierte Betrachtung bald nicht mehr möglich sein. Alle niedergelassenen Ärzte ächzen, die Konzernmedizin kommt ins Spiel. Wenn wir schwarzmalen wollen, gibt es in 20 oder 30 Jahren keine niedergelassenen Ärzte mehr, die ihre Patienten persönlich kennen, sondern nur noch große Fabriken an großen Kliniken, die einem Konzern gehören. Das ist der Horror, den wir alle haben, dass man nur noch eine Nummer ist. Wir sind auf dem Weg dahin.

Lässt sich diese Problemlage beziffern?
Busse: Wir haben das mal ermitteln lassen von der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei mir macht die Bürokratie im weitesten Sinne schon mehr als 50 Prozent aus, bei meinem Kollegen etwas weniger, da er die Hausbesuche übernimmt.

Das Wartezimmer ist voll, ist doch super für den Arzt. Warum stellen Sie nicht mehr Personal ein?
Busse: Das hat mit dem Honorarsystem zu tun. Einen Großteil unseres Honorars bestreiten wir über gesetzlich Versicherte. Diese werden über Pauschalen bezahlt – eine Flatrate. Wir bekommen einen bestimmten Betrag pro Patient für ein Quartal. Dafür müssen wir dann die Versorgung machen. Das spielt sich im Rahmen zwischen 30 und 60 Euro ab. Jeder kann sich ausrechnen, dass man sich da über jeden Patienten freut, der einmal im Quartal mit einem Schnupfen kommt.

Und wenn ich vier Mal in der Woche komme?
Busse: Dann freuen wir uns über Ihr Vertrauen, aber es gibt es gleiche Geld. Henning: Ein dritter Arzt bei uns in der Praxis will ja auch mit verdienen. Um den zu finanzieren, bräuchten wir Hunderte neue Patienten. Busse: Dabei ist die Quote im hausärztlichen Bereich praktisch nirgendwo erreicht. Allein im Großbezirk Rotenburg sind noch vier Hausarztsitze offen. Man findet schlichtweg niemanden.

Klagen Ärzte nicht immer auf hohem Niveau?
Busse: Ja, klar. Das hören wir oft. Es wird aber nicht differenziert: Wie verteilt es sich auf die unterschiedlichen Fachgruppen? Da reicht die Spannweite vom popeligen Hausarzt, der gerade so über die Runden kommt, bis zum Radiologen, der mehrfacher Millionär ist. Und es wird nicht differenziert zwischen Umsatz, Gewinn und dem, was netto übrig bleibt. Wir können vom Absolutbetrag es so handhaben, dass unsere Frauen nicht Vollzeit arbeiten müssen. Das reicht für meine Ansprüche. Henning: Mir ist inzwischen Lebenszeit, wo ich nicht arbeite und die Gedanken fliegen lassen kann, und auch Zeit mehr für Patienten so viel wichtiger, dass ich die Gelddebatte nicht führe. Busse: Die allgemeine Tendenz macht uns aber Sorgen: Die Arbeit wird mehr, und wir müssen mehr Personal einstellen, weil wir es anders nicht mehr schaffen. Diese Kostenstruktur wird nicht mehr durch die Honorarentwicklung aufgefangen.

Was muss besser werden, damit der Hausarztberuf wieder attraktiver wird?
Busse: Die Bürokratie muss abgebaut werden, das ist ganz dringend. Und die Art der Honorierung. Ketzerisch gesagt: Das Schlimmste, was dem Hausarzt passieren kann, ist ein neuer 85-jähriger Patient mit hohem Behandlungsaufwand. Das ist paradox. Denn eigentlich bin ich ja dafür Arzt geworden, um Menschen zu helfen. Ich will keinen wirtschaftlichen Druck bekommen, weil ich mit dem Patienten arbeite. Uns würde schon die Honorierung der Gespräche helfen.

Sollte der Patient auch selbst zahlen?
Busse: Wenn Sie limitieren wollen, dass dieser kleine Teil der Patienten wegen jedem Quatsch zum Arzt läuft und ihn eine halbe Stunde in Beschlag nimmt, müsste man eine sanfte Eigenbeteiligung einführen. Da gibt es verschiedene Modelle, die zum Beispiel in Bayern und Schleswig-Holstein erprobt werden.

Sie sprechen in Ihrem Brandbrief von „Gefahren der Digitalisierung“. Geben wir zu viele Daten preis?
Henning: Absolut. Die sensiblen Gesundheitsdaten landen beim System der elektronischen Patientenakte bald alle in einer Cloud. Die soll natürlich geschützt und ganz sicher sein. Aber was ist, wenn jemand stirbt oder sein Passwort verlegt hat? Dann muss es ein Hintertürchen geben, an die Daten heranzukommen. Das gibt es auch. Und dieses Hintertürchen wird missbraucht werden. Patientendaten gehören nicht in eine Cloud, sie sind dort nicht sicher. Versicherungen zum Beispiel haben großes Interesse daran, an diese Daten zu kommen. Und sie werden rankommen. Busse: Oder große Arbeitgeber. Henning: Wir fangen in der Praxis jetzt schon an, bestimmte Daten gar nicht mehr in der Akte zu codieren. Dass der Patient Raucher ist zum Beispiel, dass er Alkohol trinkt. Irgendwann werden die Daten zentral in einer Cloud landen, und irgendwer wird rankommen. Wir laufen da sehenden Auges in eine skandalöse Katastrophe.

Wie kann ich mir sicher sein, dass mich mein Arzt wirklich behandeln und nicht nur die Medikamente seiner Sponsoren verkaufen will? Sie sprechen von einer „medizinischen Konzerndiktatur“...
Henning: Die durchblicken wir zum Teil schon selber gar nicht mehr. Es gibt Praxis-Software mit Werbe-Einblendungen. Man gibt eine Diagnose ein, und es ploppt eine Medikamenten-Empfehlung auf. Wie bei Amazon. Wir werden schon als bestechlich angesehen, wenn wir einen Kugelschreiber von einer Pharma-Firma annehmen. Dürfen wir nicht mehr. Wir versuchen händeringend, unsere Patienten nach den medizinischen Leitlinien gut zu versorgen. Aber wir wissen ja nicht einmal, wie diese zustande kommen. Wer hat auf diese Einfluss ausgeübt? Es gibt immer neue Medikamente, die den Markt überschwemmen, wo Milliarden mit gemacht werden. Aber die Studien für die Zulassung wurden von den Pharma-Firmen durchgeführt. Wir versuchen, unabhängig zu sein, haben uns auch lange dagegen gewehrt, unser Praxis-System ans Internet anzuschließen. Aber das geht gar nicht mehr. Busse: Aber dass ein Arzt einem Patienten ein Medikament aufschreibt, weil er dafür Zuwendungen vom Pharmakonzern bekommt, das kommt bestimmt so gut wie gar nicht mehr vor. Das ergibt nur Sinn, wenn Sie sehr hochpreisige Medikamente verschreiben – und das gibt ihr Budget gar nicht mehr her.

Noch ein Tipp für unsere Leser: Was macht einen guten Hausarzt aus?
Henning: Wir haben am Anfang versucht, die Patienten glücklich zu machen. Wir sind dabei fast vor die Hunde gegangen, kräftemäßig und nervlich. Man muss eine rigorose Praxisstruktur fahren, um überleben zu können in diesem System. Das führt bei den Patienten zu Unzufriedenheit. Die merken es. Auch Kollegen berichten das. Das heißt aber nicht, dass er ein schlechter Hausarzt ist. Ein guter Hausarzt kümmert sich und muss natürlich fachliches Wissen haben. Wichtig ist, dass die Patienten ihre Informationen und unabhängig ihre Medikamente verschrieben bekommen. Busse: Der ideale Hausarzt nimmt sich die Zeit, die angemessen ist, lässt den Patienten seine Sorgen vortragen und ist sich auch nicht zu schade, Hilfe zum Beispiel vom Facharzt zu holen. Henning: Ein guter Arzt ist nicht der, der alles weiß, sondern einer, der weiß, wo seine Grenzen sind.

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