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Rotenburger Krebs-Selbsthilfegruppe gibt Halt

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Von: Ulla Heyne

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Dienstagabend kurz vor 18 Uhr: In einem Raum der Auferstehungsgemeinde Rotenburg treffen sich Frauen, die eines eint: Sie haben Krebs. Aber dennoch ist die Krankheit für die meisten kein Grund, das Leben nicht mehr zu genießen.
Dienstagabend kurz vor 18 Uhr: In einem Raum der Auferstehungsgemeinde Rotenburg treffen sich Frauen, die eines eint: Sie haben Krebs. Aber dennoch ist die Krankheit für die meisten kein Grund, das Leben nicht mehr zu genießen. © Heyne

Wie geht man mit einer Krebserkrankung um? Vor dieser Frage stehen viele Menschen. Auch die in Rotenburgs einziger Krebs-Selbsthilfegruppe.

Rotenburg – Dienstagabend, kurz vor sechs am Abend. Ein knappes Dutzend Damen besten Alters packen in einem der Räume in der Auferstehungsgemeinde am Berliner Ring in Rotenburg Tupperdosen und Getränke aus. Bananenchips, Paprikastreifen, Kekse, dazu Sprudel und alkoholfreier Sekt – Heidi hatte im März Geburtstag. Die Themen in der lockeren Runde der Damen zwischen 50 und 70:

Maskenpflicht, Corona – einige haben sich seit der Pandemie nicht gesehen –, der nächste geplante Urlaub.

Aber auch weniger Heiteres, als sich ein „Neuzugang“ vorstellt: Sabine – hier nennen sich alle nur beim Vornamen –, hat Krebs. Die Diagnose erhielt die Mitt-Fünfzigerin im Februar, seitdem gehört Chemo alle zwei Wochen zum Alltag, für den Rest ihres Lebens. Bauchspeicheldrüse – „Das hatten wir hier noch nicht“, meint eine der Zuhörerinnen trocken. Sie darf so reden, denn: Hier sitzen alle im selben Boot. Einige der Teilnehmerinnen der Krebs-Selbsthilfegruppe, übrigens der einzigen in Rotenburg und umzu, kennen sich schon seit mehr als zehn Jahren. Ob sie geheilt sind? Das hat Heidi Krampitz, die die Reporterin zu diesem Termin mitgenommen hat, vor kurzem selbst ihren Arzt gefragt. Beantworten konnte er die Frage nicht. „Die Angst bleibt“, meint die agile Frau mit dem Kurzhaarschnitt. Vielleicht auch deshalb sucht sie einmal im Monat die Gemeinschaft von Menschen mit dem gleichen Hintergrund.

Die Leiterin hier ist sie nicht – „ich habe nur den Raum besorgt“, meint die Westervesederin. Bis vor drei Jahren lief die Gruppe unter professioneller Leitung aus dem Umfeld des Diakonie-Krankenhauses; es gab Referate und Vorträge. Seit 2019 verwalten die Frauen sich selbst. Männer: Fehlanzeige – zwei seien mal da gewesen, „das passte ganz gut“, sagt eine der Damen bedauernd, „einer kommt nicht mehr, der andere ist inzwischen gestorben.“ Das Thema Tod, es wird hier nicht ausgeblendet. Hospiz und Patientenverfügung werden genauso selbstverständlich besprochen wie Erwerbsminderungsrente, alternative Heilerfolge oder die neue Kekssorte vom Supermarkt nebenan.

Neben praktischen Tipps („Du hast Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis“) sind es auch die fachkundigen Nachfragen („Hast du einen Port?“) und gemeinsame Themen, die der „Neuen“ zeigen: Hier haben andere ähnliches erlebt. Die fehlende Sensibilität vieler Ärzte beim Mitteilen der Diagnose oder die Übelkeit, die einen nach der Chemotherapie befällt. Als Sabine von ihrer Zeit nach der Diagnose erzählt, nicken viele wissend.

Viele wollen sich einfach nur austauschen.
Viele wollen sich einfach nur austauschen. © - Heyne

Auch darum geht es hier: Zu wissen, dass andere Ähnliches durchgemacht haben, gibt psychischen Halt. Oft haben sich Freunde abgewandt, Bekannte grüßen im Supermarkt nicht mehr – auch wenn viele hier wissen, dass dies der Unsicherheit im Umgang mit den Erkrankten entspringt: „Das tut weh, verletzt“, meint Birgit. Andere berichten davon, dass das Gegenüber in Tränen ausgebrochen sei: „Die musste ich auch noch trösten“. Mitleid, das will hier niemand. Eine andere erzählt, wie sie ihrem Mann zunächst verboten hatte, in der Nachbarschaft von ihrer Krankheit zu erzählen, es irgendwann aber doch erlaubte: „Das musste einfach raus.“

Lange hat Sabine gesucht, um eine Gruppe wie diese zu finden, „hier gibt es ja kaum was“; die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Caritas-Verbands Stade „ZISS“, die auch diese Gruppe mit Rat und Tat begleitet, gab den entscheidenden Tipp. Eigentlich heißt Sabine ganz anders; als die Zeitungsfrau am Anfang der Runde die Frage gestellt hat, ob die Teilnehmerinnen mit ihren richtigen Namen genannt werden wollen, war das Echo geteilt. Während einige auch in der Öffentlichkeit offen mit ihrer Krankheit umgehen und dies als befreiend empfinden, schätzen andere den Schutz der Gruppe, denn, das ist oberste Regel hier: „Alles, was hier besprochen wird, bleibt im Raum.“

Dass sie an diesem Abend für die Zeitung eine Ausnahme machen, liegt auch an ihrem Anliegen, nämlich die Existenz der Gruppe bekannter zu machen, um für Menschen in ähnlichen Situationen eine Anlaufstelle zu sein. Seit keine Verbindung mehr zum Diako besteht, sei es mühsam mit Informationsfluss und Bekanntheitsgrad der Treffen; auch der Druck von Flyern zum Auslegen bei Onkologen ist in diesen zwei Stunden ein Thema. Und es wird viel gelacht – nicht erst, als eine der kreisenden Tupperdosen beim Schieben über den Tisch hinausschießt. Und Pläne werden geschmiedet: für das gemeinsame anstehende Spargelessen, für ein Entspannungs-Wochenende mit Experten, das man wie in der Zeit vor der Pandemie mal wieder zusammen besuchen will, gern auch wieder für Referate.

Was im Raum gesprochen wird, bleibt im Raum.
Was im Raum gesprochen wird, bleibt im Raum. © - Heyne

Zwischendurch kommen Erinnerungen hoch: An das Entdecken der Beulen an der Achsel, an die letzte OP. Aber auch an den letzten Mittelaltermarkt – jetzt kreist das Handy des „Trossweibs aus dem 14. Jahrhundert“ mit Fotos vom Hobby – oder die gemeinsamen Fahrradtouren mit Einkehrschwung beim Chinesen. Dies alles hat hier seinen Platz, seine Zeit.

Genau wie Sabines Frage: „Warum ausgerechnet ich?“ – eine Frage, die sich die meisten hier wohl schon mal gestellt haben; aber „eigentlich eine doofe Frage“, wie Heidi findet. Nach zwei Stunden ist man auf dem neusten Stand, was wer so vorhat. Denn Pläne haben alle hier, auch wenn es vielleicht nur noch zwei, drei Jahre sind, wie Sabine vermutet. „Ich nehme das positiv an“, meint sie fast trotzig mit Berliner Schnauze, um dann den Satz zu wiederholen, der heute am meisten gefallen ist: „Es hilft ja nichts!“

Kontakt

Den Kontakt zur Gruppe gibt es bei der ZISS – Zentrale Informationsstelle Selbsthilfe Selbsthilfekontaktstelle: 04261/8518239 oder ziss-rotenburg@t-online.de

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