Rotenburger Konzerte volkstümeln mit Vokalquintett „Ensemble Nobiles“

Trinken mit Schumann und Studientipps von Grieg

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Eine gefällige Präsentation macht den Abend mit den Vokalisten von „Ensemble Nobiles” zum humorigen Erlebnis.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Kein Instrumentenständer, lediglich fünf Notenpulte: Schon optisch ließ die Bühne der Realschule vermuten, dass die Rotenburger Konzerte am Donnerstag etwas anders verlaufen sollten. Stimmbänder statt Saiten: Mit dem „Ensemble Nobiles“ hatte Niels Kruse erstmals in seiner Zeit als verantwortlicher musikalischer Leiter des Vereins auf Vokalmusik gesetzt. Und er verriet auch gleich, warum: „Da bin ich in meinen Ansprüchen eigen.“

Die Besetzung sollte nicht die einzige Überraschung des etwas anderen Konzertabends bleiben. In jüngster Vergangenheit hatte schon so mancher Musiker Entertainer-Qualitäten an den Tag gelegt; zum Mitsingen hatte die Besucher der Rotenburger Konzerte wohl aber noch niemand animiert. Große Teile des Publikums kamen der Aufforderung der ehemaligen Leipziger „Thomaner“ zum gemeinsamen Anstimmen von „Im schönsten Wiesengrunde“ gerne nach.

Vor allem im zweiten Teil ging es mehr als einmal volkstümlich zu. Die fünf Sänger, mit 24 bis 26 Jahren den „Thomanern“ längst entwachsen, hatten sich in ihrem Programm „Leipziger Liedertafel“ klassischen Komponisten ihrer Heimatstadt verschrieben. Und die hatten sich gern mal in intimer Runde zum Dichten, Denken und Trinken verabredet. So hatte der Zugereiste Grieg im „Studerliv“ Tipps für Studenten verarbeitet, und nicht nur in Spohrs „Trinklied“ ging es um Rebsaft und seine Folgen.

Und sonst? Viele Feinsliebchen wurden da heraufbeschworen, viele Vögelein zwitscherten. Doch wer dabei an reine Naturbeschreibungen dachte, war schief gewickelt; waren die wortreichen Naturbeobachtungen wie der Dialog der Lotusblume mit dem Mond oder das Abblitzen des alten Käfers bei der Blume doch Metaphern für Zwischenmenschliches – und viele eigentlich gar nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt.

Die zu Gehör gebrachten knapp 30 Lieder entstammten, wie Paul Heller ausführte, zumeist der „Leipziger Liedertafel“, einem geselligen Zusammenschluss von Künstlern und Gelehrten wie Schumann, Mendelsohn Bartoldy oder Max Reger. Waren die Lieder dort schöne Nebensache zu festen und flüssigen Gaumenfreuden, machten die fünf Stipendiaten des Deutschen Musikrats sie zur schönen Hauptsache.

Das bescherte große Momente: zart hingetupft wie der Flügelschlag in Hauptmanns „Himmelslicht“, eine wunderbare Klangfärbung in Griegs melancholischem Herbstabschied oder urkomisch wie bei der fast dadaistischen Lautmalerei in Mendelsohn Bartholdys Zigeunerlied.

Wunderschön, wie die fünf Stimmen – durch eine Dekade gemeinsamer Konzertreisen aufeinander eingestimmt – harmonierten; abgesehen von Paul Hellers sehr solistischem Tenor, der mit seiner expressiven Färbung immer wieder dominierte.

Schade, dass diese Klangintensität sich im zweiten Teil mit den vielen eher volkstümlichen Liedern zuweilen etwas verlor. Das gemeinsam intonierte „Zerbrochene Ringlein“ von Silcher weckte gewiss kollektive Erinnerungen – den musikalischen Genuss des Abends steigerte es aber ebenso wenig wie etwa die „Loreley“. Wesentlich differenzierter kam Regers „Verlorenes Lieb“ daher.

Ein Nebeneffekt war der musikalischen Beschäftigung mit Wein, Weib und Gesang nicht abzusprechen: „Unser Getränkeabsatz ist heute deutlich höher“, verriet Vorsitzender Wilhelm Hahne in der Pause mit einem kleinen Augenzwinkern.

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