Rotenburger Kirchen am Heiligen Abend wieder gut besucht

Voll wie in Bethlehems Stall

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Krippenspiel in der Kirche Zum Guten Hirten.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) stellt einen überraschenden Trend fest: Während der Besuch der sonntäglichen Gottesdienste zurückgeht, sind die Kirchen Heilig Abend bestens besucht. So auch in Rotenburg. Allein dort konnten Christen – evangelisch wie katholisch – zwischen 14 und 23 Uhr unter mehr als 15 Gottesdiensten wählen. Und nahezu alle waren rappelvoll.

In der Rotenburger Kirche Zum Guten Hirten drängelten sich die ersten Besucher schon vor 14 Uhr, um einen Platz zu ergattern. Angesagt war das traditionelle „Krippenspiel“, das Bewohner der Rotenburger Werke aufführten. Die Darsteller waren zwischen 17 und 83 Jahre alt.

Krippenspiele erfreuen sich am Heiligen Abend in nahezu allen Kirchen, nicht nur den evangelischen, größter Beliebtheit: So lud auch die katholische Corpus-Christi-Kirchengemeinde nachmittags zur „Krippenfeier“. Die Baptisten in der Kreuzkirche am Berliner Ring verzeichneten ebenfalls „volles Haus“. Dort sind die Gottesdienste – gemessen an der Zahl der Gemeindeglieder – grundsätzlich sehr gut besucht. Aber am Heiligen Abend wurde das alles noch mal getoppt. Mit Krippenspiel und der gemeindeeigenen Jugendband „Praise Divine“ bot man mit „modernen, neuen Liedern eine echte Alternative zum klassischen Weihnachtsgottesdienst am Heiligen Abend“, wie Gemeindepastor Roland Friedrichsen feststellt.

Vor manchen Kirchen in der Kreisstadt stand man schon lange vor Gottesdienstbeginn an. Aber nicht nur die Nachmittagsveranstaltungen waren voll. Abends war es nicht anders: ob um 18, um 22 oder 23 Uhr – man musste fast immer sehr rechtzeitig kommen, um bequem sitzen zu können. „Voll wie im Stall von Bethlehem“, bemerkte eine Besucherin.

Aber woher kommt der Boom? Superintendentin Susanne Briese: „Aus meiner Sicht suchen viele Menschen zu Heilig Abend Vertrautheit; sie suchen nach Heimat, Erinnerung an Kindertage und das Empfinden, in der Kirche an einem Ort zu sein, der Frieden ausstrahlt:“ Deshalb hat Susanne Briese das auch in ihrem Gottesdienst, spätabends ab 23 Uhr, eingebracht: „Lieder, die man kennt, Texte, die vertraut sind.“

Manche Pastorinnen und Pastoren mussten am Heiligen Abend drei Mal „ran“. Noch mehr gefordert waren oft allerdings die Küsterinnen, die im Eiltempo jeweils die Kirchen wieder herrichten mussten. Ebenso waren die Kirchenmusiker ein wenig im Stress.

Musik spielt zur Weihnachtszeit eine große Rolle: Hervorragende Solostimmen waren da zum Beispiel in der Stadtkirche zuhören, Chöre sangen, Instrumente wurden eingesetzt und nahezu allenthalben begleiteten Orgel oder Klavier den Gesang der Besucher.

Viele ehrenamtliche Helfer brauchte die Freie Evangelische Gemeinde. Sie bot am Heiligen Abend wieder eine gemeinsame Feier mit festlichem Essen an. Eigentlich sollte die auch in diesem Jahr, wie bisher, im Heimathaus stattfinden, aber die hohe Zahl der Anmeldungen machte den Umzug in das „Haus Niedersachsen“ der Rotenburger Werke notwendig. Nahezu 200 Gäste fanden sich dort ein, darunter sehr viele Flüchtlinge, denen ein anwesender Dolmetscher erst einmal erklären musste, wie das mit dem angerichteten Raclette zu handhaben sei.

Übrigens: Volle Kirchen bescheren auch meistens ganz gute Spendenergebnisse. Traditionell waren die Gaben für Hilfsbedürftige in anderen Ländern bestimmt. In Rotenburg waren’s im vergangenen Jahr insgesamt mehr als 10000 Euro allein am Heiligen Abend. So viel dürfte nach ersten Schätzungen 2015 auch gespendet worden sein.

Für manche, die sonst alleine gewesen wären, war der Kirchgang am Heiligen Abend – neben vielem anderen – auch wichtig, um eben nicht einsam zu sein. Für die Kinder wars ganz gewiss auch eine willkommene Abwechslung beim Warten auf die Bescherung.

Im Jahresschnitt nehmen in der Evangelischen Landeskirche etwa drei Prozent der Gemeindemitglieder am sonntäglichen Gottesdienst teil. Am Heiligen Abend sind es mehr als 30 Prozent, Tendenz steigend. Prozentual deutlich höher liegen die Freikirchen. Die Katholische Kirche verzeichnet einen sonntäglichen Gottesdienstbesuch von etwa zehn Prozent ihrer Mitglieder. Auch dort ist der Zulauf am Heiligen Abend deutlich höher. Mehr als 5000 Menschen waren am Donnerstags in Rotenburger Kirchen.

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