Nach Prankel-Rausschmiss: Rotenburger Kinderpsychiatrie ändert Konzept und Führung

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Das neue Leitungsteam der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik: Dr. Ursula Merkes (Oberärztin, v.l.), Dr. Malte Mechels (Chefarzt), Christin Frisch (Leitende Psychologin) und Claudia Borinski (Bereichsleitung Pflege- und Erziehungsdienst).

Rotenburg – An einem Hintereingang zum weitläufigen Gelände der ehemaligen Lungenklinik in Unterstedt hängt noch ein Schild: „Fotografieren verboten“. Aber auch dieses wird bald entfernt. Längst patrouilliert kein Sicherheitsdienst mehr um die Gebäude der Klinik für Kinderpsychiatrie, um allzu neugierige Journalisten fern zu halten.

Die sind in der Einrichtung des Rotenburger Diakonieklinikums stattdessen wieder gern gesehen: Eineinhalb Jahre nach dem großen Knall mit dem Rausschmiss des Chefarztes Dr. Bernhard Prankel ist Ruhe eingekehrt – für das Personal und die jungen Patienten. „Als wäre eine Käseglocke weggenommen worden“, sagte Diako-Unternehmenssprecher Matthias Richter. Die Klinik erfindet sich neu.

Das wird nicht nur am Namen deutlich. „Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik“, lautet die etwas sperrige Bezeichnung für die Einrichtung mittlerweile. Der Name ist länger geworden, auch die Zahl derer, die verantwortlich sind. Über 18 Jahre lang war die Klinik mehr oder weniger ein Ein-Mann-Unternehmen des Chefarztes Prankel. Nun sitzt beim Ortsbesuch gleich ein ganzes Führungsteam zusammen: Dem neuen Chefarzt Dr. Malte Mechels stehen Oberärztin Dr. Ursula Merkes, Christin Frisch als leitende Psychologin und Claudia Borinski (Bereichsleitung Pflege- und Erziehungsdienst) zur Seite. Zur personellen Veränderung kommt eine strukturelle hinzu, die verhindern soll, dass sich ähnliche Missstände wie unter der alten Führung über Jahre entwickeln können. Diako-Geschäftsführer Detlef Brünger nennt diesbezüglich eine Trennung der Bereiche Ärzte/Therapie und Pflege/Erziehung, zudem führe die Klinik die digitale Krankenakte und ein anonymes Beschwerdemanagement ein. „Das sorgt für eine hohe Transparenz für alle am Prozess Beteiligten“, sagt Brünger.

Beratungsfirma hilft Diako mit Aufarbeitung der Probleme

Mit Unterstützung einer Beratungsfirma hat das Diako die Probleme aufgearbeitet. Dass man mit Mechels quasi im eigenen Hause einen neuen Chefarzt gefunden hat, bezeichnet Richter als einen „seltenen Glücksfall im Notfall“. Zunächst kommissarisch eingesetzt, habe sich der heute 43-Jährige gegen eine Vielzahl von Bewerbern durchgesetzt und sei seit April offiziell im Amt. Dabei, das gibt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie unumwunden zu, habe auch er durchaus Bedenken gehabt, die Stelle anzunehmen. „Es hat einige Monate gebraucht, Vertrauen aufzubauen.“ Und auch wenn sich vieles verändert habe, sei natürlich klar: „Die Probleme hallen nach.“

Die gerichtliche und strafrechtliche Aufarbeitung des Falls Bernhard Prankel ist noch längst nicht abgeschlossen. Im Mai 2018 hatte das Rotenburger Diakonieklinikum den damals 59-Jährigen wegen mehrerer Vorwürfe freigestellt. Dr. Bernhard Prankel war 18 Jahre lang Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJP) in Unterstedt. Bei der fristlosen Kündigung, die im Juni 2018 folgte, ging es um den fragwürdigen Umgang mit Mitarbeitern, Vorwürfe falscher Medikamentengabe, mögliche fachliche Versäumnisse, fehlende Kooperation mit niedergelassenen Ärzten und die Missachtung gerichtlicher Anordnungen. Prankel bestreitet sämtliche Punkte. In erster Instanz hat der gefeuerte Chefarzt jedoch vor dem Arbeitsgericht Verden verloren. Im März hatte das Arbeitsgericht in Verden Prankels Kündigungsschutzklage abgewiesen, auch eine finanzielle Abfindung sollte es nach diesem Urteil nicht geben. Dieses beruhte auf dem „Fall Tobias“: Prankel hatte gegen die Weisungen des zuständigen Jugendamts einen gewalttätigen 14-Jährigen aus Celle über die Feiertage zu seiner Familie entlassen, hieß es im Prozess. Allein dieser Vorfall habe die Kündigung gerechtfertigt. Prankel akzeptiert das Urteil jedoch nicht: Im Februar gibt es im Landesarbeitsgericht in Hannover ein Wiedersehen mit den Diako-Anwälten. Und auch die strafrechtliche Frage der Geschichte ist noch unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft Verden bestätigte am Dienstag, dass die Ermittlungen wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der gefährlichen Körperverletzung noch laufen. Laut Sprecher Martin Schanz ist mit dem Abschluss des Ermittlungsverfahrens in diesem Jahr nicht mehr zu rechnen. Es würden noch Zeugen vernommen und Akten gesichtet. Offen bleibt, ob es zu einer Anklage kommt.

Räumlich, personell und strukturell neu aufgestellt

Räumlich, personell und strukturell hat sich die Klinik unabhängig davon mittlerweile neu aufgestellt. Vor allem die interdisziplinäre Zusammenarbeit habe es zuvor so nicht gegeben, heißt es. Da habe früher nur das eine Wort gezählt. „Wir müssen auf Augenhöhe miteinander reden“, sagt Sprecher Richter. Das ziele auch auf eine individuellere und längere Behandlung der jungen Patienten, nicht nur in Notfällen. Mittlerweile habe sich das überarbeitete Konzept auch bei den Kooperationspartnern herumgesprochen. Rund 130 Gäste waren diesbezüglich in der vergangenen Woche zu einem Symposium erschienen, in dem die Klinikleitung die neuen Arbeitsweisen vorgestellt hat.

75 Mitarbeiter hat die Klinik derzeit. Neben Chefarzt Prankel seien nach den Vorfällen im Sommer 2018 drei weitere – ein Assistenzarzt und zwei Psychologen – freiwillig gegangen, so Richter. Der Rest der Belegschaft gehe den neuen Weg mit. „Ich finde es beeindruckend, wie das passiert“, lobt Richter. Chefarzt Mechels unterstreicht die Herausforderung: „Die Kollegen müssen in großem Stil umdenken.“

In der Außenwirkung zeigten sich bereits Resultate. Nach einem vorübergehenden Einbruch der Zahlen seien die rund 50 Betten im stationären Bereich mittlerweile dauerhaft belegt. „Wir wünschen uns eine Erweiterung“, so Mechels. Eine neue Krisenstation und weitere geschützte Bereiche seien wünschenswert, dazu seien viele Einstellungen geplant. „Der Bedarf ist deutlich größer als die Kapazität“, sagt der neue Chefarzt – beim Fototermin jenseits des Verbotsschildes.

Offizielle Einführung

Landessuperintendent Hans-Christian Brandy und Pastor Matthias Richter als Theologischer Direktor des Diakos nehmen am Mittwoch die offizielle Einführung von Dr. Malte Mechels vor. Der Gottesdienst beginnt um 16 Uhr in der Kirche Zum Guten Hirten. Auch Dr. David Lazica als neuer Urologie-Chefarzt wird in sein Amt eingeführt.

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