Jugendliche der IGS Rotenburg planen Film

Schüler thematisieren Flucht: „Zerrissene Biografien“

Die Lehrerinnen Peggy Mühle (l.) und Stephanie Rost stehen in der IGS Rotenburg neben ihren Schülerinnen Masha Albers (l.) und Chiara Gomes Pereira.
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Die Lehrerinnen Peggy Mühle (l.) und Stephanie Rost sind stolz auf ihre Schüler, darunter Masha Albers (l.) und Chiara Gomes Pereira, die sich intensiv mit dem Thema Flucht auseinandergesetzt und dabei vieles gelernt haben.

Rotenburg – Ahmad Almekhlef ist 2016 nach Deutschland gekommen. Der Syrer hat gemeinsam mit seiner Familie sein Heimatland verlassen, und auf ihrer Flucht haben sie vieles erlebt, auch viel schlimmes – so war der junge Mann während dieser Zeit unter anderem zwei Mal im Gefängnis. Ein paar Jahre war der Schüler nun an der IGS Rotenburg, bis die Familie vor Kurzem umziehen musste.

Erst vor wenigen Monaten haben seine Mitschüler vieles aus seinem Leben auf der Flucht erfahren – während eines Projekts über dieses Thema.

Angefangen hatte alles zu Beginn des ersten Halbjahrs Ende August, als die Lehrerinnen Stephanie Rost und Peggy Mühle die Schüler des neunten und zehnten Jahrgangs gefragt hatten, ob sie etwas für den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar vorbereiten möchten. Daraufhin haben sich Almekhlef und seine Mitschüler Felix Raschke, Masha Albers und Chiara Gomes Pereira überlegt, sich mit dem Thema Flucht zu beschäftigen – damals und heute.

Eine Bekannte von Rost hatte den Schülern von ihrer eigenen Familiengeschichte erzählt, wie ihre Mutter und Großmutter damals aus Danzig geflüchtet waren – „ohne Hoffnung auf eine Rückkehr“. So beschreiben es die Schüler in ihrer Rede, die sie für den Gedenktag vorbereiten. In diesem Zuge beginnt auch Almekhlef plötzlich, von seiner eigenen Geschichte zu erzählen – wie er hergekommen ist, wie es für ihn gewesen ist. Wie seine Familie etwas aufgegeben hat, für eine Chance.

Es ist das erste Mal, dass er darüber spricht. Überrascht sei sie gewesen und sehr nachdenklich, erinnert sich Albers. „Wir gehen zwei Jahre in eine Klasse und ich wusste das nicht.“ Es sei aber auch interessant gewesen, eine Flucht aus einer so persönlichen Perspektive geschildert zu bekommen. „Und es ist traurig, man kann sich gar nicht vorstellen, dass Leute im selben Alter und jünger solche Sachen erlebt haben“, ergänzt Gomes Pereira. „Wir haben Schüler hier, die im Mittelmeer gekentert sind, das ist ganz real“, ergänzt Schulleiter Sven Thiemer.

Viele Parallelen zwischen damals und heute

Der Nachmittag sei sehr bewegend gewesen, für alle, meint Mühle. „Beide haben das sehr intensiv geschildert, das war sehr emotional – beides sind zerrissene Biografien.“ In diesem Zuge kam auch die Idee auf, sich nicht nur auf das Thema Flucht damals zu beschränken, sondern es mit aktuellem Hintergrund genauer zu beleuchten. „Wir haben viele Schüler mit Migrationshintergrund“, so Mühle – jeder mit seiner eigenen Geschichte.

Krieg, Tod, unbeantwortete Fragen, Verleugnung und Schweigen aus Angst vor Diskriminierung – Punkte, die in Verbindung stehen mit dem Thema Flucht. Sie finden sich in den Biografien zahlreicher Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs. Und: Sie sind auch heute noch ganz aktuell. So berichtete die Bekannte von verlorenen Papieren ihrer Mutter und Großmutter, auch Almekhlef war eben das sehr vertraut. Es gibt viele Parallelen zwischen ihnen, erkennen die Schüler, die sich immer mehr in das Projekt vertiefen. Diese Aspekte gehören auch zu den Geschichten weiterer Mitschüler, die in den vergangenen Jahren zu ihnen gestoßen sind.

Es sei nicht immer ganz einfach, darüber zu sprechen. „Es braucht Momente, sich zu öffnen“, nennt es Thiemer. Viele Flüchtlingskinder bleiben unter sich, manchmal auch schlicht wegen der anfangs noch vorhandenen Sprachbarriere. Manche möchten nicht über ihre Geschichte sprechen. Andere, wie der junge Syrer, möchten das gerne und sind bereit, ganz offen zu berichten, wie sie diese Zeit erlebt haben. Und immer noch erleben – denn die Probleme hören mit dem Ankommen in der neuen Heimat nicht auf. Das erfährt auch Almekhlefs Familie, die umziehen muss – und der gut integrierte Jugendliche, der gerne an der IGS gewesen ist, wieder neu anfangen muss. „Er ist ein ehrgeiziger Schüler, möchte Architekt werden“, weiß Mühle. Aber: „Es war schwer für die Familie, hier passenden Wohnraum zu finden“, so Rost – es sind Alltagsschwierigkeiten wie diese, vor denen viele Migranten stehen. „Da müssen wir offener sein, Schranken ablegen“, sagt Thiemer.

Die Jugendlichen haben die Gespräche sowohl mit Rosts Bekannter als auch ihrem Mitschüler mitgeschnitten, von ihnen dazu Fotos bekommen und wollten einen Film für den Gedenktag machen. Da dieser aufgrund der Pandemie aber nur im kleinsten Rahmen stattfinden konnte und auch Treffen unter den Schülern schwieriger wurden, ist das Projekt noch nicht fertiggestellt. Das soll aber noch folgen, damit der Film auch anderen Schülern an der IGS gezeigt werden kann – und es soll gerne auch ausgeweitet werden, berichten die Lehrerinnen. „Uns ist bewusst geworden, wie vielfältig unsere Schule ist, daran wollen wir anknüpfen, denn viele wollen vielleicht etwas erzählen“, sagt Mühle. Es ist wichtig, sich zu erinnern, was damals war, aber auch, es ins Heute zu projizieren. „Damit wir nicht dieselben Fehler machen – auch, wenn es gerade wieder leider passiert“, sagt Albers. Ihr Projekt ist ein weiterer Schritt dazu.

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