KOMMUNALWAHL Eine entscheidende Wahl

Rotenburger IGS-Schüler kämpfen weiter um Oberstufe

Ruben Simon und Paula Heise auf dem Pausenhof der IGS.
+
Die Meinungen zur IGS-Oberstufe gehen auseinander. Ruben Simon, Paula Heise und ihre Mitschüler glauben, dass sie eine positive Entscheidung wäre.

Wer am Sonntag in Rotenburg seine Stimme abgibt, entscheidet unter anderem über die Neuverteilung der Sitze im Stadtrat. Das könnte auch Einfluss auf die Zukunft der Integrierten Gesamtschule (IGS) haben. Das wissen die Schüler und erheben kurz vor der Wahl ihre Stimme: Sie starten mit Umfrage, Elternbrief, Plakaten, Flyern und einem eigenen Stand einen weiteren Versuch für die Einrichtung einer Oberstufe.

Rotenburg – Das Nein zur Oberstufe an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rotenburg, es beschäftigt vor allem die Schüler weiterhin. Akzeptieren wollen sie die Entscheidung noch nicht. Kurz vor den Wahlen geben sie noch einmal Vollgas, und so stellen sich am Samstag die Zehntklässler Ruben Simon, Paula Heise und weitere Mitschüler mit einem eigenen Stand in die Fußgängerzone, verteilen Flyer, suchen das Gespräch. Außerdem haben sie die Erlaubnis bekommen, 20 Plakate in der Stadt aufzuhängen. „Es ist uns wichtig, noch einen Versuch zu starten“, sagt Simon, der auch im Schulvorstand ist. Aufgeben, das wird im Gespräch auf dem Pausenhof deutlich, steht nicht auf ihrem Plan. „Wenn wir das noch schaffen, könnten wir unser Abi hier machen.“

Dieser Wunschtraum wird wahrscheinlich einer bleiben. Denn vor allem für die jetzigen Zehntklässler drängt die Zeit. Eine schnelle Entscheidung zu ihren Gunsten ist fraglich, kämpfen sie und ihre Unterstützer doch bereits seit mehreren Jahren vergeblich dafür. „Aber es ist auch für die Jahrgänge, die kommen“, meint Heise. Kurz vor den Sommerferien haben Simon und seine Mitschüler eine Art „Oberstufenrat“ gegründet, wie er es umschreibt. „Wir haben überlegt, was wir machen können.“ In den Ferien haben sie dann eine Umfrage an alle Parteien, die für den Rotenburger Stadtrat antreten, geschickt – mit der Bitte um eine pädagogische Begründung, wenn sie mit Nein für die Oberstufe stimmen würden. „Manche haben keine geschrieben – weil es auch fast keine gibt“, merkt Simon an.

Zugleich geht es ihnen aber nicht nur um die Oberstufe, sondern auch um die Verbesserung der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen. Was können und wollen die Parteien in Rotenburg konkret machen? Es sind mal sehr kurze, dann wieder ausführliche Antworten: mehr Aufenthaltsmöglichkeiten in der Stadt und am Weichelsee, das Angebot des Jugendzentrums weiter stärken, ein Jugendbudget, über das sie verfügen können und vieles mehr. Die Palette ist breit. Doch dabei, da sind sich viele einig, sind die Jugendlichen gefragt, aktiv mitzugestalten, sie müssen sich ebenfalls mehr einbringen.

Die Antworten zur Oberstufe zeigen indes im Kern: Die Parteien sind gespalten. CDU, FDP und WIR halten an ihrem Nein fest – vornehmlich wolle man aufgrund derzeit zu geringer Schülerzahlen eine Schwächung der bestehenden Oberstufen verhindern. Die bestehende Kursvielfalt würde zudem eingeschränkt, und an einer IGS-Oberstufe sei nur ein minimales Angebot möglich.

Hoffnung auf neuen Stadtrat

SPD, Grüne, dazu kleinere Parteien wie Volt, die Linke und die WfB, sprechen sich für eine Einrichtung aus. „Damit die IGS sich weiterentwickeln und den Schülern einen Weg zum Abitur anbieten kann“, heißt es unter anderem, und dass eine IGS nur mit einer Oberstufe komplett ist.

Je nach neuer Zusammensetzung des Stadtrats könnte sich also das Rad zugunsten der Schüler drehen – das wissen sie und werben für ihre Sache. „Das hat uns schon viel Geduld, Zeit und Nerven gekostet“, sagt Simon. „Aber genau jetzt wird es spannend.“ Viele von ihnen können bei der Kommunalwahl mitentscheiden – die Antworten der Parteien sind dabei eine Orientierungshilfe.

„Ein wenig hängt daran unsere Hoffnung“, sagt Simon denn auch – auf den „großen Durchbruch“. Mit ihrem Stand wollen sie noch einmal auf ihre Situation und die Zukunft der IGS aufmerksam machen. Die schätzen beide als ungewiss ein: „Das Problem ist, dass die Schülerzahlen sinken, immer mehr Lehrkräfte entscheiden sich durch die fehlende Oberstufe gegen uns“, sagt Simon.

Noch sind die Schülerzahlen für eine Oberstufe da, sagt Simon. Doch auch die jüngeren Jahrgänge werden über kurz oder lang schrumpfen, sind beide sicher: „Eltern schicken ihre Kinder direkt dorthin, wo sie auch ihren Abschluss machen können“, ergänzt Heise. Einen Wechsel, den sie auf sich selber zukommen sehen – und auf den sie gerne verhindern würden. „Das Konzept der IGS ist uns wichtig, wir arbeiten sehr frei, haben eine offene Art miteinander.“ Sich im kommenden Schuljahr völlig neu in bestehende Klassen integrieren – das möchte keiner von ihnen.

Gespräche mit ihren Mitschülern haben ergeben: Einige gehen zu den Berufsbildenden Schulen (BBS), andere verzichten auf ihr Abitur oder nehmen den weiten Fahrtweg zur Zevener IGS in Kauf. Wieder andere gehen auf die Eichenschule in Scheeßel. „Sie wären hiergeblieben, wenn sie die Möglichkeit hätten“, erläutert Simon.

Schüler suchen das direkte Gespräch

Die Schülervertreter haben daher auch noch mal einen Brief erstellt und Marje Grafe in ihrer Funktion als Elternratsvorsitzende gebeten, diesen an alle Eltern zu verteilen – nicht uneigennützig, steht sie bekanntermaßen hinter den Plänen. „Ich finde es super, dass unsere Schüler auf diesen Missstand hinweisen wollen. Jugendliche die sich einsetzen, die etwas erreichen wollen, die für sich und andere kämpfen. Das ist gelebte Demokratie“, erklärt die Stadtratskandidatin der Grünen.

Dazu waren die Schüler am vergangenen Samstag bereits in der Innenstadt, haben mit den Parteien noch einmal das direkte Gespräch gesucht. „Mit den einen lief es weniger gut, andere waren sehr offen“, zeigt sich Heise diplomatisch. Das Thema Kooperation unter den drei Schulen IGS, BBS und Ratsgymnasium ist dabei erneut aufgekommen, und dass diese nicht möglich wäre derzeit. „Wir sind da ein bisschen die Außenseiter“, nennt Simon seine persönliche Einschätzung. „Man müsste auf einem gleichen Level arbeiten, und das ist hier schwierig.“

Die Schule hat zwar Kenntnis von ihren Aktionen, hält sich aber gänzlich raus, erklärt Leiter Sven Thiemer. Man wolle abwarten, wie sich die politische Situation entwickelt. Er lobt aber das „tolle Engagement der Schüler, die Politik mitgestalten wollen“. Deren nächstes Ziel ist die Einberufung einer Sonderratssitzung. Das ist aber nicht möglich, sondern ein entsprechender Antrag müsste seinen normalen Gang gehen – und das wird vor der Neukonstitution des Stadtrats nichts mehr, sagt Bürgermeister Andreas Weber (SPD). „Aber wir möchten die Oberstufe, wir möchten den anderen Schülern dieses Angebot bieten können“, so Simon. Ein schlichtes Schlussplädoyer der Schüler: Aufgeben kommt nicht infrage.

Im Live-Ticker zur Kommunalwahl in Niedersachsen berichtet kreiszeitung.de am Sonntag, 12. September 2021, über die aktuellen Entwicklungen, die Ergebnisse, die gewählten Bürgermeister und Landräte.

Der Kommentar von Ann-Christin Beims

Die Karten werden neu gemischt

„Warum sollten wir Sie wählen?“ Schlicht, einfach, auf den Punkt. Und eine der vier Fragen, die die Schülervertretung der IGS in einer Umfrage an alle Parteien für den Stadtrat gestellt hat. Und die Antworten sind bemerkenswert – manchmal bemerkenswert knapp, liebe CDU und SPD. Die Schüler fragen direkt, als Antwort kommt lediglich der Verweis auf das „100-Tage-Programm“. Prima, da wird bestimmt jeder sofort nachlesen. Andere haben sich da weit mehr Mühe gemacht, auf die Schüler einzugehen. Es ist schon so ein Kreuz mit dem Kreuz. Wo setzt man es? Wen wählt man? Durch den Dschungel der Parteien und ihrer Programme zu steigen, ist ohnehin nicht einfach. Doch den IGS-Schülern, die erstmals an die Wahlurnen treten, könnte die Entscheidung nach dem Engagement ihrer Mitschüler ein bisschen leichter fallen – zumindest denen, die den Wunsch nach einer eigenen Oberstufe hegen. Mehrfach abgelehnt, könnte sich unter Umständen das Blatt wenden, schon am Sonntag werden die Karten neu gemischt. Das wissen die Schüler genau. Und man mag für oder gegen die Einrichtung einer weiteren Oberstufe sein, aber den Jugendlichen gebietet Respekt dafür, dass sie sich einsetzen, aktiv werden. Bitte mehr davon! Gerade in einer Zeit, in der es oft pauschal heißt: „Die tun doch nichts“. Wenn Jugendliche eine Veränderung möchten, müssen sie aber eben etwas dafür tun. Nicht nur still abwarten. Und still sind die IGSler gerade nicht. 

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die übelsten Fehltritte von Armin Laschet

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die deutschen Bundeskanzler und die Bundeskanzlerin seit 1949

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Wahrscheinlichste neue Ministerinnen und Minister

Meistgelesene Artikel

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Der Dreikampf
Lars Klingbeil holt das Direktmandat - die 20 wirkt wie ein „Schlag“

Lars Klingbeil holt das Direktmandat - die 20 wirkt wie ein „Schlag“

Lars Klingbeil holt das Direktmandat - die 20 wirkt wie ein „Schlag“
Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl

Bürgermeisterwahl in Sottrum: Es geht in die Stichwahl
Wahlkampf live im Stream: Lars Klingbeil trifft auf Carsten Büttinghaus

Wahlkampf live im Stream: Lars Klingbeil trifft auf Carsten Büttinghaus

Wahlkampf live im Stream: Lars Klingbeil trifft auf Carsten Büttinghaus

Kommentare