ZUKUNFT HEIMAT Rotenburger Gästeführer planen für das kommende Jahr

Kreative Winterpause

Almuth Quehl steht vor dem Rotenburger Heimathaus.
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Das Treffen am Heimathaus ist für Almuth Quehl ein besonderes, denn es ist ein solches Gebäude, das ihr Interesse an Geschichte geweckt hat.

Ein Stadtschreiber streift durch Rotenburg. Gäste sind auf der Suche nach kulinarischen Köstlichkeiten, während sie von der Geschichte des Gebäudes hören: Es sind viele neue Ideen, die die Gästeführer derzeit für 2022 wälzen. Und aus dem Stadtbild sind sie nicht mehr wegzudenken.

Rotenburg – „Es ist schön, dass wir uns hier treffen!“ Almuth Quehl schaut sich im Rotenburger Heimathaus um. „Das ist für mich der Grund, warum ich mich für Geschichte interessiert habe.“ Denn das Hallenhaus erinnert sie an das Haus ihrer Großeltern, das sie als Kind geliebt habe und oft auf dem Dachboden gewesen ist. „Ich habe mir vorgestellt, wie sie da früher gelebt haben. Meine Mutter hat mir viel von der Familiengeschichte erzählt.“ Heute ist sie diejenige, die Geschichte weitergibt. Und zwar als eine der mehr als 30 Aktiven in der AG Gästeführungen im Landkreis Rotenburg.

Auf dem Heimathausgelände befindet sich auch das markante rote Schild, der Treffpunkt für die offenen Führungen. Aktuell sind die Gästeführer über den Winter in einer „kreativen Pause“, wie es Quehl nennt. Auch gezwungenermaßen, macht die Pandemie ihnen doch einen Strich durch die Rechnung. Zwar ist es im Winter immer ruhiger, doch hätten im Rahmen von Betriebsweihnachtsfeiern Führungen stattgefunden. „Da ist die Laternentour sehr beliebt, die man im Winter schon am späten Nachmittag machen kann“, sagt Quehl. „Aber die Pause braucht man, um auf neue Ideen zu kommen.“ Neue Ideen für Touren, neue Ideen, wie Geschichte lebendig erzählt werden kann. Diese wiederum braucht es, um eine solche Arbeit in die Zukunft zu führen. „Mit einer klassischen Stadtführung ist es schwierig, auch junge Leute zu begeistern. Die Art der Gestaltung macht viel aus.“

Seit mehr als 20 Jahren teilen die Gästeführer ihr Wissen. Vor allem Gina Lemme-Haase, die zur ersten Generation gehört und bei der Quehl 2006 ihre Ausbildung gemacht hat, habe „Pionierarbeit geleistet“. Oft sei Quehl anfangs gefragt worden, was sie über Rotenburg schon groß erzählen wolle. Das habe sich verändert: Die Leute werden sich ihrer Heimat bewusster. Sie interessieren sich für das vor Ort. „Und sie wissen, dass es etwas Besonderes ist.“ Nicht zuletzt durch die Pandemie entdecken einige ihre Umgebung völlig neu. Aber auch von auswärts: „Der Nordpfad-Sieg hat dazu beigetragen, dass Rotenburg ins Bewusstsein rückt.“ Der Trend war aber schon vorher da, so Quehl.

Heute sind die Gästeführer aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, prägen ihre Heimat mit. Sie teilen ihr Wissen über die Geschichte einer Stadt, die mehr zu bieten hat, als viele zunächst denken. „Rotenburg hat schöne und interessante Gebäude. Vielen Einheimischen fällt oft gar nicht mehr auf, wie hübsch es an vielen Stellen ist“, meint Quehl und denkt an die Alte Apotheke an der Goethestraße, die Cohn-Scheune, das Gelände der Werke und mehr.

Der Startpunkt für Gästeführungen ist am Rotenburger Heimathaus gut gekennzeichnet.

Aber es gibt auch die Gebäude, die teils längst verschwunden sind, an die sie erinnern. Zum Beispiel die Burg, Namensgeberin der Stadt, „die wirklich schön gewesen sein muss“. Oder eine Kirche an der Burgstraße, die bis zum Dreißigjährigen Krieg dort stand, wo heute der Fastfood-Laden ist. „Das wäre eine Renaissance-Kirche gewesen, die gibt es sonst fast nirgendwo hier, da zu der Zeit nur selten Kirchen gebaut wurden“, sagt Quehl bedauernd. Es sei ohnehin immer traurig, wenn ein Haus abgerissen wird. „Da beneide ich Kolleginnen in Städten wie Lüneburg. Andererseits müssen wir hier viel kreativer sein.“ Doch Gebäude, die verschwinden, machen die Arbeit der Gästeführer nicht einfacher. „Man kann manches nicht mehr zeigen, aber erzählen allemal – und das ist spannend!“

Den Titel Gästeführer kann sich grundsätzlich jeder verpassen. Etwas, das Quehl und ihre Kollegen gerne ändern würden. Denn dadurch fehlt auch die Anerkennung für einen Job, in den sie viel Zeit und Mühe investieren. Anfragen gibt es immer wieder, „aber bei uns in der AG kann man nur Mitglied werden, wenn man eine Ausbildung hat“, betont Quehl. Das soll den Qualitätsstandard sichern. „In anderen Ländern ist es sogar ein Studium.“ Der Bundesverband habe sich daher auf die Fahnen geschrieben, den Wert anzuheben.

„Man muss sich fortbilden, aber das macht auch Spaß. Und von den Anfängen hier in Rotenburg bis heute hat sich schon deutlich was verbessert und verändert“, sagt Quehl. So sei die Zusammenarbeit mit der Tourist-Info ein wertvoller Baustein. Aber die Anerkennung zeigt sich auch darin, dass im Willkommenspaket für Neubürger Tickets für Touren enthalten sind. „Das wird gerne angenommen“, so Quehl. Gerade bei Neubürgern beantworten die Gästeführer beim Rundgang auch manch andere Frage: Gibt es hier einen Chor? Wo kann ich was einkaufen? Und wo kann ich Kaffee trinken gehen?

Ein Stadtschreiber taucht auf

Die Gästeführer haben ein breites Wissen, dennoch hat jeder seinen Schwerpunkt. Die Kirchwalsederin Quehl beispielsweise ist in Rotenburg und in Visselhövede aktiv. „Auch ein Ort mit einer sehr interessanten Geschichte, ganz anders als Rotenburg. Dass zwei Städte, die so dicht beieinanderliegen, so unterschiedliche Entwicklungen genommen haben, ist spannend. In Visselhövede gab es zum Beispiel viel mehr Fabriken.“

Für 2022 ist nun wieder geplant, eine Ausbildung anzubieten, diesmal in Zeven. Der vergangene Ausbildungsjahrgang führte direkt in die Pandemie hinein – und die Prüflinge konnten danach erst nicht loslegen. Dennoch sind sie dabei geblieben, so Quehl erfreut. Auch sonst gibt es große Pläne für das kommende Jahr, von denen sie hoffen, sie auch umsetzen zu können.

Anfang Mai soll es wieder losgehen mit den offenen Führungen plus diversen Themenführungen. Ein Flyer oder ein kleines Heft dazu soll noch erscheinen. Außerdem taucht in Rotenburg ein neuer Charakter auf: Michael Schnelle, einer der neuen Gästeführer in der Runde, wird dann zum „Stadtschreiber“. Auch eine Hebamme und eine Pastorenfrau sind unterwegs. „Das hat immer etwas mit Theaterspielen zu tun und das macht es spannender“, erklärt Quehl. Auch Wanderungen und in der dunklen Jahreszeit Laternentouren sind wieder angedacht. „Und wir planen schon lange eine kulinarische Stadtführung, die liegt schon in der Schublade.“ Der Aufwand ist groß und die Pandemie hat den Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dafür wollen sie die Gastronomie vor Ort einbeziehen und wechselnd Lokale ansteuern, über deren Geschichte oder den Ort, an dem sie stehen, es etwas zu berichten gibt. Denn: „Es ist wichtig, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen.“

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