Einsatzkräfte üben in einem Abrisshaus am Kalandshof

Rotenburger Feuerwehr probt für den Ernstfall: Blind durchs Gebäude

Atemschutzgeräteträgerin mit Axt und Brechwerkzeug.
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Als die Einsatzkräfte auf dem Gelände des Kalandshofs ankommen, sind sie bereits in voller Montur: Atemschutzgeräte, Schutzkleidung, „Halligan“ und Axt. Beim Stichwort Zimmerbrand wissen sie nicht, was sie erwartet.

Ein Haus auf dem Kalandshof soll abgerissen werden und bietet damit die perfekte Kulisse für eine Übung der Rotenburger Feuerwehr. Ihr wird ein Zimmerbrand gemeldet, zwei Personen werden vermisst. Für die Einsatzkräfte kehrt damit nach langer Pandemiepause ein Stück Routine zurück.

Rotenburg – Der Vorgarten ist dicht bewachsen, Gras und Unkraut in allen Schattierungen von verdorrt-beige bis leuchtend grün. Hier wurde lange nicht mehr gemäht. Dahinter ein gelbliches Haus, das seine besten Tage hinter sich hat. Löcher im Dach, kaputte Fenster, Risse in den Wänden. Ein Bauzaun versperrt den Zugang, denn das Haus am Kalandshof steht kurz vor dem Abriss – und ist damit perfekt für eine Einsatzübung der Rotenburger Feuerwehr geeignet.

Das Training ist wichtig, um für den Ernstfall bereit zu sein. Doch war das lange nicht möglich – Übungsdienste konnten pandemiebedingt nicht stattfinden. Dabei gibt ihnen das auch die Möglichkeit, neue Taktiken oder Geräte auszuprobieren. Das ist jetzt wieder erlaubt, aber nur in kleineren Gruppen. An diesem Abend heißt es „Zimmerbrand“. Sofort machen sich die Einsatzkräfte auf den Weg und erfahren vor Ort, dass zwei Personen im Haus noch vermisst werden.

Letzte Anweisungen, dann geht es für den ersten Trupp in das Haus: Zwei Personen werden vermisst.

Brandmeister vom Dienst Heiko Miesner und Übungsleiter Sebastian Alex geben Anweisungen. Die Atemschutzgeräteträger haben sich auf der Fahrt vorbereitet und die 20 Kilo schweren, mit Luft gefüllten Flaschen auf den Rücken geschnallt. Sie gehen als Erstes ins Haus und suchen nach den Vermissten. Zwar ist dort kein Feuer, doch es ist schwül-warm, sie tragen ihre dicke Einsatzkleidung und Helme. Man wird ihnen am Ende, wenn sie alles ablegen können, ansehen, dass das anstrengend ist.

Das Haus ist nicht verraucht, um den Einsatzkräften aber das Gefühl zu vermitteln, bekommen sie Masken auf.

Eine Nebelmaschine sollte das Haus verrauchen, die hat jedoch den Dienst quittiert. Um den Einsatzkräften dennoch das Gefühl zu vermitteln, nichts zu sehen, setzt Alex ihnen Masken auf. „Menschenrettung, Tempo!“, treibt Peter Stöver indes die Kameraden zur Eile an. Der erste Trupp tastet sich die Eingangstufen hoch und verschwindet im Haus. Er soll oben suchen. Der zweite Trupp erkundet die unteren Räume. Ein Vorteil für sie: Diese sind völlig leer. Im realen Einsatz würden dort Möbel stehen, über die sie klettern oder zur Seite schieben müssten. Per Funk stehen sie ständig in Kontakt mit den Einsatzkräften draußen.

Langsam an der Wand entlang robben sich Natascha Carstensen (r.) und ihre Kameradin vor zum Ausgang.

Da poltert es von oben lautstark und mehrfach. Die Einsatzkräfte brechen eine verschlossene Tür auf. Dafür haben sie eine Axt und das „Halligan“, ein Brechwerkzeug, dabei. Auch Natascha Carstensen und ihre Kameradin, die sich gerade durch einen Raum im unteren Stockwerk robben, immer dicht am Boden an der Wand, wo im Ernstfall die größte Chance bestehen würde, noch etwas zu sehen, stehen plötzlich vor einer Tür. Mit vereinten Kräften beginnen auch sie, die Tür aufzubrechen. Was durch verhinderte Sicht und die dicken Handschuhe gar nicht so leicht ist.

Mit ordentlich Schwung versucht Natascha Carstensen, die Tür aufzubrechen.

Unterdessen hat der Trupp oben die erste vermisste Person gefunden. Um es realistischer zu gestalten, ist es statt eines Dummys ein Mitglied der Jugendfeuerwehr. Da kommt die nächste Alarmmeldung: Eine Person ist kopflos in das Haus gerannt, um ihre Familie zu retten. Sie wird zurückgebracht, und auch die zweite Person finden sie. „Das war schnell“, lobt Pressesprecher Philipp Lins, der sie beobachtet.

Für maximal 30 Minuten reicht die Luft in einer Flasche, dann müssen die Atemschutzgeräteträger zum Ausgang zurück. Für den Notfall haben sie eine Leine, an der sie sich zurücktasten können. Gut 80 Druckluftflaschen haben die Rotenburger, da sie diese bei jedem Einsatz mit Feuer benötigen, um keinen Rauch einzuatmen.

Ein Kamerad lässt sich mit der Drehleiter aufs Dach befördern, um den „fog nail“ anzubringen.

Als alle draußen sind, kommt Teil zwei der Übung: Sie testen neue „fog nails“: Carstensen und ihre Kameradin machen dazu ein Loch in eine Tür und schieben das dünne Ende des „Nagels“ durch, der auf der anderen Seite mit einem Schlauch verbunden ist. Mit fünf Bar Druck schießt das Wasser durch und verteilt sich als Sprühnebel im gesamten Raum. Gleichzeitig fährt die Drehleiter aus, ein Kamerad testet den „fog nail“ von oben. In einer Fontäne ergießt sich das Wasser kurz darauf über das Dach, tropft an den Wänden herunter. Aber nur kurz – Wasser soll nicht verschwendet werden, erklärt Lins. Egal ob beim echten Einsatz oder bei einer Übung. „So wenig Wasser wie nötig, um Wasserschäden zu verhindern“, erklärt er – darüber zumindest brauchen sie sich beim Abrisshaus keine Gedanken zu machen.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts: Da die Nebelmaschine kaputt ist, verschleiern Masken die Sicht.

Nach gut einer Stunde räumen die Einsatzkräfte zusammen, wickeln die Schläche auf, bauen die Geräte ab. Es geht zurück ins Feuerwehrhaus, zur Einsatzbesprechung. Sie sind kaputt, aber zufrieden: Die Routine, die während beider Lockdowns fehlte, kehrt langsam wieder zurück.

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