Zeit mit Begleitung würde zunehmen

Fahrlehrer Markus Meyer befürwortet Pläne für „Fahren mit 16“

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Fahrlehrer Markus Meyer hat gute Erfahrungen mit dem begleitenden Fahren gemacht. Auch Fahrschülerin Svea ist auf dem Weg, den Führerschein mit 17 zu machen. 

Rotenburg - Von Farina Witte. Begleitetes Fahren mit 17 (BF 17) startete 2004 in Niedersachsen mit einem Modellversuch und setzte sich Anfang 2008 mit einer bundeseinheitlichen Regelung durch. Nun kam aus der Landespolitik die Anregung, begleitetes Fahren schon mit 16 Jahren (BF 16) zu erlauben.

Im Interview spricht Fahrlehrer Markus Meyer aus Scheeßel über seine Erfahrungen mit BF 17 und sagt, was er von den Plänen hält. Außerdem spricht er über verschiedene Typen von Autofahrern und ungewöhnliche Paragrafen in der Straßenverkehrsordnung.

Es gibt den Vorschlag aus dem Landtag, dass Jugendliche schon mit 16 den Führerschein machen können. Ist das sinnvoll?

Meyer: Auf jeden Fall. Aus meiner Sicht ist es sehr sinnvoll, und so viel ich weiß gibt es auch nur wenige Kritiker.

Warum?

Meyer: Eine Unfallstatistik besagt eindeutig, dass Fahranfänger, die BF 17 machen, etwa 30 Prozent weniger Unfälle bauen. Die Unfallrate sinkt mit der Anzahl der begleitet gefahrenen Kilometer. Letztendlich ist nicht das Alter entscheidend – zumindest nicht im Altersbereich über den wir hier sprechen –, sondern einfach die Erfahrung, die man sammelt unter den Augen der Eltern oder Begleitpersonen. 

Das steckt auch hinter der Idee BF 16. Es ist nicht so, dass Jugendliche deswegen früher alleine fahren, sie fahren einfach zwei Jahre begleitet. Die Begleitpersonen haben dann noch länger einen Blick auf das Fahrverhalten und können Tipps oder Anregungen geben.

Wie sind ihre Erfahrungen mit dem Führerschein ab 17?

Meyer: Das hat sich hier sehr gut etabliert. In Niedersachsen schon lange, aber auch im gesamten Bundesgebiet. Mittlerweile macht etwa jeder zweite Fahrschüler BF 17. Ob ich jetzt einen Fahrschüler habe, der Ende 16 oder Ende 17 ist, macht von der Reife beim Autofahren keinen Unterschied. Es ist dabei auch nicht erkennbar, dass die Schüler, die mit 17 den Führerschein machen, mehr Fahrstunden brauchen als die 18-Jährigen.

Gehen jüngere Fahrschüler anders an den Unterricht heran?

Meyer: Das kann man so nicht sagen. Die älteren, also die über 18-Jährigen, gehen schon häufig mit etwas mehr Ernsthaftigkeit heran. Die 16-und 17-Jährigen haben oft noch andere Prioritäten und Interessen. Aber von der Durchfallquote ist es gleich. Beim Theorieunterricht ist es oft sogar so, dass Jüngere viel aktiver mitarbeiten.

Welche Fehler machen Fahranfänger nicht mehr, wenn sie früher den Führerschein machen?

Meyer: Jemand der mit 18 den Führerschein macht und direkt alleine im Auto sitzt, der kommt sicherlich das eine oder andere Mal in eine Situation, in der er riskante Fahrmanöver ausführt. Er hat einfach noch nicht die Erfahrung, kann noch nicht einschätzen, wie die Folgen von diesen riskanten Manövern sein können. Das passiert eher nicht, wenn man begleitet fährt. 

Wenn die Begleitperson merkt, jetzt wird es gefährlich, wird sie in irgendeiner Form verbal eingreifen. Das gesamte Thema Selbstüberschätzung ist bei den jungen Leuten ausgeprägt. Das und auch fehlende Erfahrung sind eine gefährliche Mischung, die dafür sorgt, dass junge Leute sehr weit oben in der Unfallstatistik auftauchen. 

Ja, und genau das wird ein wenig reguliert durch die Begleitperson. Sie darf zwar nicht in das Verkehrsgeschehen eingreifen, denn der Führerscheininhaber, egal ob BF 16, BF 17 oder später dann unbegleitet, fährt eigenverantwortlich. 

Die Begleitperson übernimmt somit keine Verantwortung, sollte sie doch aktiv eingreifen, könnte es sogar dazu führen, dass der Versicherungsschutz erlischt. Der eigentliche Gedanke dahinter ist, dass die Begleitperson allein durch ihre Anwesenheit einfach mäßigend auf den Fahranfänger wirken soll.

Erkennen Sie, wenn Sie einen zukünftigen Raser im Unterricht haben?

Meyer: Ja, schon. Man merkt es im Unterricht, zum Beispiel daran, wie sie sich im Unterricht beteiligen, ob sie eine große Klappe haben. Wobei man das aber auch nicht ganz pauschalisieren darf. Es gibt auch Leute, die sich theoretisch zwar profilieren wollen, aber später dann doch ganz vernünftig fahren. In der praktischen Ausbildung wird es dann aber meist deutlicher erkennbar.

Brechen Sie den Unterricht manchmal ab, weil Sie denken: Dem will ich nicht zum Führerschein verhelfen?

Meyer: Nein, das habe ich bis jetzt noch nicht gemacht. Es gab schon grenzwertige Situationen, wo ich Fahrschüler mal zurechtstutzen musste. Auch ist es schon vorgekommen, dass ich eine Fahrstunde abgebrochen habe. Das ist dann oft Uneinsichtigkeit. Aber im Nachhinein konnten wir die Situation dann noch mal in Ruhe besprechen, und das führte mit etwas mehr Abstand dann auch zur Einsicht beim Fahrschüler.

Haben Sie manchmal Angst?

Meyer: Also Angst eigentlich nie, weil ich ja die volle Kontrolle über das Fahrzeug habe. Ich habe alle Pedalen auf meiner Seite und kann in das Lenkrad greifen, wenn es zu gefährlichen Situationen kommt. Nur wenn ein Fahrschüler stark bremst und mit dem Fuß auf der Bremse bleibt, kann ich als Fahrlehrer nichts machen, denn dann kann ich die Pedale nicht lösen. 

Wir schulen aber natürlich auch gemäß den Fähigkeiten der Schüler. Wenn sie noch nicht soweit sind, sich in Rotenburg mit dem Auto zu bewegen, dann fahren wir erstmal außerhalb, wo wenig Verkehr ist. Da vermitteln wir dann zunächst die Basics – Lenkung, Schaltung, Anfahren, Anhalten. Das machen wir nicht direkt im Stadtverkehr.

Sind Sie privat ein guter Beifahrer?

Meyer: Nein. Privat fahre ich meistens selbst. Meine Frau setzt sich dann auf die Beifahrerseite, obwohl sie sehr gut fährt. Aber ohne meine Doppelbedienung kann ich schlecht daneben sitzen, da werde ich ein bisschen nervös. Das ist wahrscheinlich eine typische Berufskrankheit. 

Ich weiß auch nicht, wie das bei meinen eigenen Kindern sein wird, wenn die den Führerschein mit 17 oder 16 machen und ich daneben sitze.

Kennen Sie alle Verkehrsregeln?

Meyer: Ja. Zumindest alle in Deutschland gültigen Regeln.

Welche Fehler machen fast alle Autofahrer?

Meyer: Was sich durchzieht wie ein roter Faden ist die Geschwindigkeitsüberschreitung. Und worauf wir in der Fahrschule immer achten, ist natürlich der Schulterblick. Den gewöhnen sich leider sehr, sehr viele Autofahrer ab. Das Nichtbeachten von rechts vor links ist noch so ein Thema, das häufig nicht ausreichend beachtet wird. 

Und eine Sache, die fast alle falsch machen: Die meisten Menschen haben ihr Handy heute griffbereit im Auto. Dadurch ist man extrem abgelenkt vom Straßenverkehr. Unfallforscher sagen, dass etwa 50 Prozent aller Unfälle im Zusammenhang mit Handynutzung stehen.

Welche Typen von Autofahrern gibt es?

Meyer: Da gibt es ganz viele. Den sportlichen Fahrer zum Beispiel. Diese Fahrer würden sich zumindest selbst so bezeichnen, weil es für sie einen positiven Hintergrund hat. Aber eigentlich hat sportliches Fahrverhalten auf öffentlichen Straßen nichts zu suchen. Wenn man sportlich fahren möchte, kann man das auf einer Rennstrecke machen. 

Dann gibt es natürlich den Oberlehrer, der jeden belehren will und mit hupen und wilden Gesten anfängt, die anderen Verkehrsteilnehmer erziehen zu wollen. Es gibt den ängstlichen Fahrer, der sich nicht traut, unbekannte Strecken zu fahren. Diese Fahrer halten sich nur da auf, wo sie sich sicher fühlen und auskennen. Wobei die gefühlte Sicherheit auch trügerisch sein kann. 

Und es gibt natürlich auch den sicheren Autofahrer, der Erfahrung hat und sich meist auch an die Verkehrsregeln hält. Aber es gibt auch den Typen, der gar nicht mehr bewusst Auto fährt, sondern quasi nur noch von seinen Automatismen gesteuert ist. 

Bei dem kommt es dann auch schneller dazu, dass er sich ablenken lässt – Ablenkung Nummer eins ist da dann das Handy. Und es gibt natürlich noch viele andere Typen, die ich hier nicht alle benennen kann.

Welche Vorschrift in der Straßenverkehrsordnung ist am unsinnigsten?

Meyer: Generell ist es schon so, dass die Straßenverkehrsordnung von schlauen Köpfen gemacht wurde und da ziemlich viel Sinn hinter steht. In der Straßenverkehrsordnung wurde jedes Thema einmal behandelt, das mit dem Straßenverkehr zu tun hat, insbesondere mit dem Verhalten der Verkehrsteilnehmer. 

Sie ist so konzipiert, dass kein Unfall passieren kann und der Verkehr fließt, wenn sich jeder daran hält. Von daher ist es schon so, dass hinter jedem Paragrafen etwas Vernünftiges steckt. 

Natürlich gibt es Paragrafen, die wirken ein bisschen eingestaubt. Zum Beispiel: „Es darf nicht im Gleichschritt über Brücken marschiert werden.“ Da steckt tatsächlich dann aber doch ein ernster Hintergrund hinter, denn der Gleichschritt kann Resonanzschwingungen der Brücke zur Folge haben, die zur Resonanzkatastrophe führen können.

Wie häufig kommen ältere Menschen zu Ihnen, um sich nachschulen zu lassen?

Meyer: In meinen Augen zu selten. Wir haben das zwar regelmäßig, aber wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis einfach mal umsehe, würde ich das doch dem ein oder anderem empfehlen. Allein schon, um Sicherheit zu bekommen und mit jemandem zu reden, der die Verkehrsregeln kennt. 

Sehr viel wird vergessen, und es ändert sich immer wieder etwas in den verschiedenen Gesetzesgrundlagen. Im Alter lassen motorische Fähigkeiten häufig nach, auch wenn das teilweise durch Erfahrung ausgeglichen wird. 

Wir haben in regelmäßigen Abständen ältere Menschen, die Auffrischungsfahrstunden machen wollen. Man spricht sich dann ab, und arbeitet gezielt an den Problemen. Diese Fahrstunden sind für mich eine sehr willkommene Abwechslung.

Gibt es da eine Altersgrenze?

Meyer: Grundsätzlich nicht. Meistens sind es ältere Menschen so ab 65 plus, die zur Auffrischung in die Fahrschule kommen. In der Unfallstatistik ist ja genau da wieder ein Ausschlag zu erkennen. 

Wobei man das natürlich auch wieder nicht pauschalisieren sollte. Es gibt Menschen, die fahren mit 60 schon extrem unsicher. Andere fahren mit 65, 70 noch sehr sicher. Das ist auch eine Charakterfrage und eine Sache der Erfahrung. Wenn jemand sein Leben lang in Hamburg gefahren ist und körperlich fit ist, hat er auch mit 75 kein Problem in Hamburg zu fahren. Da ist dann auch kein Sicherheitsrisiko erkennbar. 

Jemand, der hingegen sein Leben lang auf dem Land gefahren ist und auf einmal in die Situation gerät, wo er jemanden ins Krankenhaus in die Großstadt bringen muss, da wird es gefährlich.

Halten Sie Nachprüfungen für Senioren für sinnvoll?

Meyer: Da gibt es geteilte Meinungen. Man muss das ganze Thema immer von zwei Seiten betrachten. Zum einen geht es um die Verkehrssicherheit und zum anderen um den Aspekt der persönlichen Mobilität. Und gerade die Leute auf dem Land sind auf ihren Führerschein angewiesen. 

Für die Verkehrssicherheit wäre es zwar sinnvoll so etwas zu machen, aber es spielen eben auch andere wichtige Aspekte eine Rolle. Eine direkte Nachprüfung halte ich daher nicht für sinnvoll. Was es ja schon gibt, ist, dass eine Fahrerlaubnis nur 15 Jahre gültig ist. Dann muss zumindest der Sehtest erneuert werden. 

Und wenn es damit nicht mehr passt, macht man sich vielleicht eher Gedanken, ob man noch zum Autofahren geeignet ist. Jeder Verkehrsteilnehmer, das wissen auch die wenigsten, ist dazu verpflichtet, sich selbst anzuzeigen, wenn er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen.

Gibt es ein Auto, was sich besonders gut für die Fahrschule eignet?

Meyer: Der typische Fahrschulwagen ist wohl der Golf. Den sieht man hier zumindest am häufigsten. Auch SUV werden häufig gefahren. Ob man jetzt einen SUV, Van oder einen Golf fährt, macht gar keinen großen Unterschied. Übersichtlich ist ein Kleinbus auch, denn da kann man gut erkennen, wo das Fahrzeug zu Ende ist.

Zum Schluss: Haben Sie Punkte in Flensburg?

Meyer: Nein, ich habe keinen Punkt. Das dürfen wir gar nicht als Fahrlehrer, beziehungsweise wir dürfen schon einen Punkt haben, aber wir würden dann von der prüfenden Instanz verwarnt werden. Das wurde gerade erst wieder verschärft. Wir haben auch eine Vorbildfunktion, und wenn ich als Fahrlehrer privat rasen würde, würden mich die Schüler wahrscheinlich nicht ernst nehmen.

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