Kriseninterventionsteams im Einsatz

Rotenburger DRK und THW im Krisengebiet: Zwischen Not und Solidarität

Andrea Grabau (l.) und Heike Kröger-Feldmann vor zerstörten Häusern.
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Viele Gespräche mit Betroffenen führen Andrea Grabau (l.) und Heike Kröger-Feldmann.

Die Aufbau- und Aufräumarbeiten in den von der Flutkatastrophe besonders betroffenen Gebieten werden noch lange dauern. Auch aus dem Landkreis Rotenburg sind Helfer vom DRK und dem THW vor Ort. Sie packen mit an, reden und hören zu.

Rotenburg – Mehr als eine Woche ist die verheerende Flutkatastrophe in Deutschland her, die Bewältigung ist für alle Beteiligten, sowohl Helfer als auch Betroffene, ein großer Kraftakt – körperlich und seelisch. Sturmtief „Bernd“ hat für große Schäden vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gesorgt. Viele Menschen dort stehen vor dem Nichts, die Wassermassen haben ganze Häuser weggerissen. Noch immer werden Menschen vermisst.

Auch Rotenburg nimmt Anteil, organisiert Spenden – und schickt Helfer. Der DRK Kreisverband Bremervörde hat Mitglieder der psychosozialen Notfallversorgung des Kriseninterventionsteams im Einsatz, der Rotenburger Ortsverband des Technischen Hilfswerks (THW) ist ebenfalls mit zwei Helfern für Transportaufgaben mit Lkw-Kipper und Tieflader vor Ort. „Sie bringen Container in den Bereitstellungsraum Nürburgring“, erklärt Kerstin Reichert, Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt versuchen seit dem 14. Juli mehr als 2 500 THW-Helfer aus 150 Ortsverbänden, gemeinsam mit den anderen Rettungskräften der Lage Herr zu werden. Die Aufräum- und Aufbauarbeiten werden Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Hinzu kommen die psychischen Belastungen für die Opfer der Katastrophe, eine langfristige Begleitung schließt Heike Kröger-Feldmann nicht aus. Die Zevenerin ist Teil des DRK-Kriseninterventionsteams und war zwei Tage mit ihrer Bremervörder Kollegin Andrea Grabau vor Ort. Ihr Basislager war am Nürburgring, von dort fahren die Helfer in die Umgebung. Mit 140 Notfallseelsorgern waren sie vor Ort, „und es hätten noch 1 .000 mehr sein können“, sagt Grabau.

Kröger-Feldmann und Grabau waren in Ahrweiler und umzu, einer der betroffendsten Regionen. „Der Gesprächsbedarf dort ist immens“, sagt die Zevenerin. Die Verzweiflung ist in den Augen erkennbar. „Da ist viel Elend“, ergänzt Grabau. Die Menschen haben viel gesehen und erlebt, sie zeigen den Helfern Fotos und Videos. Vor ihren Familien wollen sie stark sein, doch wenn sie mit Grabau und den anderen reden, wird klar, dass sie am Ende ihrer Kräfte sind. „Viele wollen einfach mal eine Umarmung.“

Doch es ist auch anderes spürbar: „Ich war erstaunt, wie viel Solidarität dort untereinander herrscht, sie sind fürsorglich, hilfsbereit, stützen sich gegenseitig“, berichtet Kröger-Feldmann. In Ahrbrück wurde beispielsweise in einer Schule ein Hilfszentrum eingerichtet, wo die Menschen sich Kleiderspenden, Essen und Trinken abholen können. Oder sich einfach mal kurz erholen und etwas Warmes essen. Am meisten werden derzeit jedoch Geldspenden für den Wiederaufbau benötigt. „Sachspenden sind schon unendlich viele angekommen“, so Kröger-Feldmann. Viele Menschen haben aber keine Versicherung gegen diese Schäden – entweder bieten die Versicherungen das gar nicht erst an oder sie sind viel zu teuer.

Generell sind die Menschen dankbar über jede Hilfe von außen. Allein ist es unmöglich, die Schäden zu beseitigen: Sie müssen Keller auspumpen, vom Schlamm befreien, Berge zerstörter Möbel liegen auf den Straßen und warten auf den Abtransport. Kröger-Feldmann vergleicht es mit einem Kriegsgebiet. Straßen sind völlig zerstört, Brücken weg, riesige Löcher und unzählige Autos überall. Vorsicht ist geboten. „Als wir ankamen dachte ich, dass die Aufräumarbeiten schon viel weiter fortgeschritten sind“, so Grabau. Vor allem die Kanalisation wiederherzustellen und für Wasser zu sorgen werde noch lange dauern. Der Schlamm ist zudem kontaminiert mit Benzin und Fäkalien. „Das Ausmaß der Katastrophe spürt man erst vor Ort – die Gerüche, die Geräusche“, sagt Grabau. Viele Häuser sind einsturzgefährdet, die Menschen werden nicht wieder zurückkehren können.

Sturmtief „Bernd“ hinterlässt rund um Ahrweiler viel Zerstörung.

Sie haben unterwegs viele Freiwillige getroffen, die angereist sind. „Eine Gruppe Jugendlicher hat einfach mit angepackt und Schlamm geschaufelt.“ An einem Tag war Grabau mit der Polizei unterwegs, nach Vermissten suchen. „Bis auf einen konnten wir alle finden. Aber vor Ort bekamen wir gleich wieder neue Vermisstenmeldungen.“ Blinder Aktionismus sei allerdings fehl am Platz: Freiwillige Helfer sollten sich unbedingt mit den Organisationen vor Ort in Verbindung setzen, um auch nicht in Gefahr zu geraten.

Doch Kröger-Feldmann gibt auch zu, dass die Koordinierung nicht immer einfach ist, die Krisenlage groß. Teils gibt es da auch mal Fehlinformationen. Im Basislager mussten sie mitunter erst auf den Einsatzbefehl warten. „Aber man möchte einfach los und helfen.“

Aktuell funktionieren die Menschen im Katastrophengebiet einfach, ist ihre Beobachtung. „Sie sind noch sehr in Aktionismus.“ Das hilft über den ersten Schock, doch wenn sie mit dem, was sie derzeit machen können, fertig sind und in ein Nichtstun verfallen, wird ihr Bedarf an psychologischer Betreuung wachsen. Wenn erst einmal alles Erlebte richtig sackt. Doch schon jetzt ist es belastend: „Die Menschen weinen sich aus, sprechen mit uns und das ist wichtig, das erleichtert sie“, sagt Grabau.

THW-Helfer und Bundeswehr transportieren Container.

Und nicht nur die Bewohner, die ihre Häuser teils in aller Hast in der Nacht verlassen mussten, stehen unter hoher Belastung: Auch für die Einsatzkräfte, oft Ehrenamtliche, ist die Situation teils schwer zu ertragen. „Die Eindrücke aus diesen Notfallsituationen sind sehr belastend“, weiß Reichert. Auch sie benötigen bei ihrer Rückkehr Unterstützung. Für Kröger-Feldmann war das Zuhause ein starker Fixpunkt. „Mir geht es gut, aber ich bin erschüttert“, sagt auch Grabau. Doch beide wissen, dass die Krisenintervention noch lange gefordert sein wird.

Die Helfer sowohl von DRK als auch THW sind weiter auf Abruf, eventuell fahren sie an diesem Wochenende wieder runter. „Da anscheinend kritische Dinge wie die Menschenrettung abgeschlossen sind, werden sich die weiteren Einsatzoptionen des THW Rotenburg über schweres Räumgerät oder Bereitstellung von Material beschränken“, sagt Reichert. Generell sei man jederzeit einsatzbereit, ob für Menschenrettung, Notunterbringung oder -versorgung. Der Ortsverband hat für den Ernstfall schweres Räumgerät parat. „Auf Anforderung der für die örtliche Gefahrenabwehr verantwortlichen Feuerwehren, kann das THW auch in Rotenburg zum Einsatz kommen“, so Reichert. Und auch: „Diese Zusammenarbeit zwischen den Hilfsorganisationen sollte stärker auf allen Ebenen geübt werden, um im Einsatz reibungslos zu funktionieren.“

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