Rotenburger Diakonieklinikum leidet unter hoher Belastung

Hilferuf aus der Notaufnahme

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Der 49-jährige Oliver Fröhlich leitet die Notaufnahme im Rotenburger Diakonieklinikum.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Wartezeit ist zu lang. Immer. Jeder kennt das: Das Wartezimmer voll, und man selbst als einziger vor Ort, der wirklich was hat. Dieser persönliche Blickwinkel trügt zwar ein wenig, aber er liegt gar nicht so weit von der Realität entfernt – weiß man im Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg. Insbesondere die dortige Notaufnahme leidet unter zu vielen Patienten, die gar keine Notfälle sind – und dennoch behandelt werden müssen.

„Wer in Deutschland sagt, er ist ein Notfall, ist auch ein Notfall.“ Oliver Fröhlich geht das Problem pragmatisch an. Nach zwei Jahren als Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfallmedizin weiß der Anästhesist, dass er seine „Kunden“ kaum umerziehen kann. 32000 Patienten zählte die Notaufnahme des Diakos im vergangenen Jahr, jährlich wächst die Zahl um fünf bis zehn Prozent. Und damit auch die Zahl derer, die aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit lieber in die Klinik als zum Haus- oder Facharzt gehen.

Der Hilferuf der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA) hallte vor einem Jahr quer durch die Republik. Bei 20 Millionen Patienten jährlich in deutschen Notaufnahmen müsse das System anders aufgestellt werden. Kosten- und Leistungsdaten von 612070 ambulanten Notfällen aus 55 deutschen Krankenhäusern hatte der Verband analysieren lassen, das Ergebnis: Gut 40 Prozent aller Notfälle müssen stationär versorgt, also im Krankenhaus aufgenommen werden. Weitere 40 Prozent können nach einer ambulanten Behandlung in der Notaufnahme entlassen werden. Und 20 Prozent der Patienten hätten eigentlich auch ambulant in einer Arztpraxis behandelt werden können. In Rotenburg sehen die Zahlen ähnlich aus, sagt Fröhlich: Im internistischen Bereich bleiben 60 Prozent der Notfälle, im chirurgischen 40 Prozent. Dabei müsste auch das Diako, um rentabler zu arbeiten, eigentlich alle Notfallpatienten stationär aufnehmen. Bei einer Auslastung der 800 Betten von 85 Prozent unmöglich.

32 Euro gibt es für die Diagnose, knapp 130 Euro Kosten verursacht aber jeder Patient allein dadurch, dass er in Empfang genommen wird – dank des großen Kostenapparats eines Krankenhauses mit technischen Geräten und Personal. Kommen immer mehr Patienten, die beim Hausarzt besser aufgehoben wären, klafft die Lücke weiter auseinander. Doch Fröhlich weiß um die Brisanz der Geld-Diskussion im Gesundheitswesen. Auch wenn es Fälle gebe, die „alle drei Tage vor der Tür stehen“, gelte es, „wenn zu 98 Prozent nichts ist, die zwei Prozent herauszufischen, wo wir handeln müssen“.

Das Diakonieklinikum stuft Notfallpatienten mittlerweile nach dem „Manchester-Triage-System“ nach Dringlichkeit ein, um Wartezeiten zu minimieren und Fehler dabei zu verringern. Denn der Frust wächst, auf allen Seiten. Es sei laut Fröhlich mitunter sogar so weit gekommen, dass sich Patienten mit Wehwehchen mit dem Krankenwagen haben einliefern lassen, weil sie glaubten, so schneller dranzukommen. Auch Patienten, die keine Facharzttermine bekommen, gehen lieber in die Notaufnahme. Bis vor wenigen Jahren bestand die Station laut Fröhlich noch aus „zwei größeren Besenkammern“, nun gibt es 14 Zimmer, in denen bis zu acht Ärzte und mehr als 20 Schwestern tätig sind.

Dass sich allerdings die Mentalität der Menschen ändere, glaubt er nicht: „In jeder Arztserie wird vermittelt, in die Notaufnahme zu gehen.“ Immer weniger Menschen hätten einen festen Hausarzt als Ansprechpartner, Familienverbände lockerten sich: „Die Leute kommen sehr niederschwellig ins Krankenhaus“, obwohl sie in die Praxen gehörten, sagt Fröhlich.

Dem stimmt die Kassenärztliche Vereinigung umgehend zu. Zwar verzeichnen die niedergelassenen Ärzte ebenso eine stetig steigende Patientenzahl, die Überbelastung der Krankenhäuser sei aber deutlich: „Wir betrachten dies mit großer Sorge, weil in den Krankenhäusern Ärzte und Pflegekräfte für die eigentliche stationäre Versorgung gebraucht werden und nicht für die Behandlung von Bagatellerkrankungen“, so Detlef Haffke, Sprecher des Landesverbandes. Ein Mentalitätswechsel bei den Patienten und Fehler in der Gesetzgebung hätten dazu geführt, dass es heute eine „gewisse Beliebigkeit der Inanspruchnahme“ gebe: Es gehen immer mehr Patienten immer häufiger zum Arzt. Die Behandlung von Bagatellerkrankungen in Strukturen des Krankenhauses stelle eine Verschwendung von Ressourcen dar. Dabei gibt es Alternativen: In Rotenburg beispielsweise gibt es seit 2010 eine auch am Wochenende geöffnete Bereitschaftspraxis der Kassenärzte an der Verdener Straße. Zwischen 1300 und 1700 „hausärztliche Notfälle“ werden dort pro Quartal behandelt. Die Leute müssten über solche Einrichtungen besser aufgeklärt werden – und von den Kassen den Weg zur Behandlung erklärt bekommen, so der Verbandssprecher. Aber auch eine Kostenbeteiligung der Notfallpatienten in Kliniken ist im Gespräch. Modellversuche dafür stünden in Aussicht.

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