120 Prozent Auslastung

Grippewelle im Diakonieklinikum: 80 Euro für eine Extraschicht

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Dr. Judith Gal und Olaf Abraham wissen um die Engpässe vor allem in der Notaufnahme des Diakonieklinikums.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Das Schlimmste ist überstanden, und in der Kapelle kann wieder gebetet werden – doch die Grippewelle hat auch das Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum weiter fest im Griff. Die Zahl der Patienten ist seit Wochen immens hoch, viele Mitarbeiter sind selbst erkrankt. Das erforderte mitunter kreative Lösungen: In der vergangenen Woche wurde die Kapelle für zwei Tage zur Notfallstation umgebaut. Mittlerweile entspannt sich die Situation wieder. Die Belastung bleibt für alle Beteiligten allerdings hoch.

„Wir drohten, handlungsunfähig zu werden“, verdeutlicht Dr. Judith Gal, stellvertretende ärztliche Leiterin des Zentrums für Notfallmedizin, die prekäre Situation. Die auf rund 800 Patienten ausgelegte Klinik war zeitweise zu 120 Prozent ausgelastet – Zimmer mussten also mit mehr Patienten als vorgesehen belegt werden. Diako-Pflegedirektor Olaf Abraham macht vor allem den Verlauf der diesjährigen Grippewelle dafür verantwortlich. Der sei schon seit Mitte Januar „dramatisch“ insbesondere deshalb, weil der vom Robert-Koch-Institut empfohlene Dreifach-Impfstoff nicht richtig gegriffen habe. Hinzu kommen laut Gal vermehrt Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems durch die anhaltend niedrigen Temperaturen: „Anzahl und Ausprägung sind stark gestiegen.“

Als am Mittwoch vergangener Woche die Kapazitäten der Notaufnahme erschöpft waren, wurde kurzerhand die angrenzende Kapelle im Erdgeschoss zu einem „Satellitenbereich“ umfunktioniert. Mit Sichtschutzwänden vom Besucherbereich getrennt, wurde so übergangsweise ein Raum für bis zu 20 Patienten täglich geschaffen – allerdings nur, um dort die Wartezeit bis zur Verlegung auf ein reguläres Patientenzimmer zu überbrücken und für „leichte Therapiemaßnahmen“, wie es hieß. Die Akutversorgung habe wie gewohnt in der regulären Station stattgefunden. Und, so betont Gal: „Die Patientenversorgung hat nie gelitten.“ Am Freitag wurde die Kapelle wieder geräumt.

Zur hohen Zahl der Patienten kamen Erkrankungen beim Personal. Der Mundschutz ist in den vergangenen Wochen zum ständigen Begleiter auf vielen Stationen geworden, dennoch war die Ausfallquote laut Abraham hoch. Und mit dem Druck, der dann auf den verbliebenen Mitarbeitern laste, steige auch dort der Krankenstand. Gal: „Die Mitarbeiter arbeiten über ihre Grenzen hinaus.“ Auch Abraham konstatiert den rund 600 Mitarbeitern im Pflegebereich des Diakos eine „unglaublich hohe Belastung“. Um dem zu begegnen, habe die Klinikleitung auf verschiedenen Ebenen reagiert. Zum einen seien nicht akute, geplante Operationen verschoben worden. Und zum anderen habe man versucht, mehr Personal zu bekommen: Mitarbeiter aus den Stabsstellen hätten im Pflegebereich ausgeholfen, Krankenpflegeschüler haben Theoriestunden verschoben, über Zeitarbeitsfirmen wurde nach Aushilfen gesucht und die eigenen Pflegekräfte wurden mit 80 Euro belohnt, wenn sie zusätzliche Schichten über ihre eigentliche Dienstzeit hinaus übernahmen. „Das waren Ausnahmezustände“, sagt Pflegedirektor Abraham, der in den kommenden Tagen eine entspanntere Situation erwartet.

Ärger über kleinere Wehwehchen in der Notaufnahme

Dass die Notaufnahme aber auch ganz grundsätzlich von Patienten vermehrt als erste Anlaufstelle auch bei kleineren Wehwehchen, die eigentlich beim Hausarzt behandelt werden müssten, genutzt wird, sorgt für weitere Kapazitätsengpässe. Und auch für Frust bei Mitarbeitern und Patienten. Wer nach der Ersteinschätzung nach dem seit einigen Jahren durchgeführten „Manchester-Triage-System“ nicht als dringlich eingestuft wird, muss mitunter Stunden auf eine Behandlung warten. Das in Verbindung mit „weniger Achtung vor dem Arztkittel“ und einer „Frustrations- und Toleranzgrenze in der Gesellschaft, die sich verschoben hat“, wie es Abraham bezeichnet, führe zu vermehrten Problemen. Zwar sei man, was Auseinandersetzungen oder Handgreiflichkeiten betreffe, noch weit entfernt von Zuständen wie in Frankfurt oder Hamburg, aber auch das Rotenburger Diako hat reagiert: Es wurden sechs Trainer für Deeskalationstraining ausgebildet, zudem insbesondere für die Abend- und Nachtschichten ein Notrufsystem für die Bediensteten eingerichtet. Abraham: „Die Mitarbeiter fühlen sich so sicherer.“

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