Alles andere als ein Schandfleck

Die Rotenburger Cohn-Scheune hat sich etabliert

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Ein individueller Rundgang durch die Rotenburger Cohn-Scheune mit einem Tablet-PC ist neuerdings auch möglich. 

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Viele Menschen aus der Region werden sich noch erinnern: Als sich eine kleine Gruppe von Rotenburgern als „Förderverein Cohn-Scheune Rotenburg“ zusammenschloss, um das letzte Gebäude Rotenburgs, das einstmals einer jüdischen Familie gehört hatte, wieder aufzubauen, gingen die Wellen hoch.

„Von einem „zukünftigen Schandfleck“ war da die Rede, in Leserbriefen hieß es, dass man „so einen Schuppen nicht brauche“. Es wurde das Scheitern des Gesamtprojekts prognostiziert und Stadt, Landkreis sowie Kirchen scharf angegriffen wegen ihres möglichen finanziellen Engagements.

Eine Selbstverständlichkeit im Stadtbild

Erstaunlicher- und wohl auch erfreulicherweise hat sich keine der Befürchtungen erfüllt. Die Cohn-Scheune steht seit ihrem Wiederaufbau an der Goethestraße / Ecke Kirchplatz, weithin sichtbar. Sie gehört geradezu selbstverständlich zum Stadtbild, fügt sich gut ein, und selbst manche ehemaligen Kritiker bescheinigen heute, dass hier, rein architektonisch gesehen, ein Schmuckstück entstanden ist.

Aber auch das hier entstandene kleine Museum für jüdische Geschichte unserer Region, hat sich längst etabliert: Es gibt eine Dauerausstellung zur Geschichte des Judentums hier bei uns; Informationen zu Ansiedlungen jüdischer Mitbürger in Visselhövede, Scheeßel, Rotenburg und Umgebung. Die meisten Spuren verlieren sich mit dem furchtbaren Holocaust unter den Nationalsozialisten, aber eine Tochter der vermutlich in Auschwitz ums Leben gekommenen Eltern Cohn, Hildegard, lebt – inzwischen weit über 90 Jahre alt – heute in Dresden, und es gibt Kontakte zu ihren Kindern, Neffen und Nichten. Federführend dabei war lange Jahre die unvergessene ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins, Hedda Braunsburger. Für die „Wiedererbauer“ der Cohn-Scheune – die vorher im Garten des ehemaligen Cohn´schen Hauses an der Großen Straße stand – war das der vielleicht ergreifendste Moment der ganzen Bauphase, als jene Hildegard, geb. Cohn, bei der Eröffnung am 19. September 2010 zum ersten Mal das Gebäude betrat und direkt ein lebensgroßes Bild ihrer Eltern gegenüber dem Eingang erblickte. Die alt gewordene Frau, die die Judenverfolgung mit mancherlei Glück in England überlebt hatte, blieb erst einmal tief bewegt stehen.

Besseres Verständnis für jüdische Geschichte

Die Cohn-Scheune wollte keinesfalls „Holocaust-Denkmal“ sein, sondern um ein besseres Verständnis für jüdische Geschichte und Religion werben, die so eng mit unserer Geschichte verbunden ist. Außerdem wollte man hier eine Kulturwerkstatt und Begegnungsstätte einrichten: Vorträge, Ausstellungen, Lesungen, Musik – angedacht war sogar mal die Einrichtung einer kleinen Schneiderwerkstatt, da die Familie Cohn Teile des Gebäudes exakt so genutzt hatte, gehörte ihnen doch im frühen 20. Jahrhundert das größte Bekleidungsgeschäft in Rotenburg. Das mit der Schneiderwerkstatt hat nur einmal geklappt: Als viele fleißige Hände Kleidung für ein Hilfsprojekt in Äthiopien nähten. Alle anderen Vorhaben jedoch laufen nach wie vor in beeindruckender Weise.

Manfred Göx, Vorstandsmitglied und „Schatz- und Hausmeister“, weiß, dass seit der Eröffnung jedes Jahr weit mehr als 1 000 Besucher gekommen sind. Nahezu alle äußern sich begeistert: „Unglaublich, was hier aufgebaut wurde“, heißt es im ausliegenden Gästebuch. Denn trotz aller damaligen Widerstände hat es der Verein geschafft, nahezu 400 000 Euro für den Aufbau der Scheune und deren Einrichtung aufzubringen: Kirchen, Stiftungen, Stadtwerke, Stadt und Landkreis, aber auch beeindruckend viele Einzelspender hatten dazu beigetragen. Die Zahl der Einzelbesucher ist, wie es die Vorsitzende des Vereins, Inge Hansen-Schaberg, ausdrückt, „überschaubar“. Aber viele Gruppen finden den Weg in das durch professionelle Museums-Designer ausgestattete Museum: Schulklassen, Konfirmandengruppen, Seniorenkreise, Rotarier, Lions, aber auch manche Geburtstagsrunde oder Familienfeiern finden sich hier ein. Neuste Errungenschaft: Eine stattliche Anzahl von Tablet-PCs, mit denen die Gäste selbst auf Erkundungstour gehen und per Quiz gleich testen können, was man behalten hat.

Letzte Möglichkeit die Mónica-Weiss-Ausstellung zu sehen

Am 21. Mai, dem Museumstag, wird neben dem Kunstturm und dem Rudolf-Schäfer-Haus auch die Cohn-Scheune geöffnet sein. Zu jeder vollen Stunde (15, 16 und 17 Uhr) erzählt Professor Michael Amthor etwas zum Thema „Hoffnung im Judentum“. Amthor war Chef der Pathologie im Rotenburger Diako und gilt als einer der profundesten Kenner des Judentums in unserer Region. Er beherrscht nicht nur alt-hebräisch, sondern spricht auch Ivrit (neu-hebräisch), die heute in Israel übliche Amtssprache. Er gilt als ausgesprochen packender und sachkundiger Redner, der gerade auch Laien in seinen Bann ziehen kann. Wie im Schäfer-Haus und im Kunstturm wird neben der „geistigen Kost“ auch in der Cohn-Scheune für alle Gäste am 21. Mai etwas zu essen und zu trinken angeboten. Zudem wird die derzeit gezeigte Ausstellung „Transit – Bilder aus dem Exil“ mit Werken der argentinischen Künstlerin Mónica Weiss zum letzten Mal zu sehen sein.

Manfred Göx ist im Übrigen stolz darauf, dass sich die Cohn-Scheune trägt: Alle Einnahmen reichen, um die laufenden Kosten zu decken; möglich ist das auch die Beiträge der mehr als 110 Mitglieder und etliche Spenden der Besucher. Erfreut hat der Verein auch festgestellt, dass es bisher keine Beschädigungen oder Beschmutzungen an der Cohn-Scheune gab.

Nachwuchsprobleme

Auch für den Förderverein Cohn-Scheune gilt: Alles ist nur machbar mit viel Engagement. Das Gebäude muss verwaltet und geputzt werden, die Außenanlagen gesäubert, bei allen Öffnungszeiten sind wenigstens zwei Aufsichtführende zugegen, ein umfangreiches Programm wird in jedem Jahr aufs Neue zusammengestellt, kleine Instandhaltungen werden erledigt – alles ehrenamtlich. Trotzdem ist das allgemeine Vereinsproblem auch hier gegenwärtig: Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden, Menschen, gerade auch junge, die bereit sind, sich einzubringen. Das ist nicht anders als im Rudolf-Schäfer-Verein oder dem Kunstverein.

Die Unkenrufe vergangener Tage haben sich nicht bewahrheitet. Die Rotenburger Cohn-Scheune ist inzwischen weithin bekanntes und anerkanntes Museum. Ein Besuch lohnt sich – denn trotz der weit über 8000 Besucher seit Eröffnung im September 2010 bleibt festzustellen: Mindestens 12.000 Menschen aus Rotenburg und noch weit mehr, wenn man unsere gesamte Region einbezieht, waren noch nicht da. Sie haben was verpasst. Aber das lässt sich alles nachholen. Der 21. Mai wäre eine gute Gelegenheit, drei Museen auf einen Streich zu erleben. Und das kostenlos. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der Cohn-Scheune.

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