Messung von Radioaktivität 

Arzt kritisiert Grenzwerte

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Von außen – so wie an der Bohrstelle Sottrum Z1 in Hassendorf –  ist die Anweisung für die Mitarbeiter von „ExxonMobil“ deutlich erkennbar. Im benachbarten Heidekreis hatte die Böhme-Zeitung ein offenes Tor vorgefunden.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Medialer Aufruhr im Nachbarkreis: Die Böhme-Zeitung hatte im Zuge einer Recherche das Bohrloch Friedrichs-eck Z1 bei Soltau besucht. Im Umfeld hatte die Zeitung einen appbasierten Geigerzähler testen wollen. Dabei fand sie ein offenes Tor zum vom Erdgasunternehmen „ExxonMobil“ betriebenen Werksgelände, nutzte die Gelegenheit und maß an den Bohrlochanlagen. Das hat den Umweltmediziner Dr. Paul-Matthias Bantz auf den Plan gerufen, der einen Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den erhöhten Krebszahlen in einigen Orten des Landkreises nicht ausschließt.

Gemessen hatte die Böhme-Zeitung keine auffälligen Werte: An einem gelben Markierungspfahl rund 80 Meter südwestlich der Anlage hatte der Geigerzähler, der über die Kopfhörerbuchse eines Smartphones angeschlossen wird und keine wissenschaftlich belastbaren Ergebnisse liefert, demnach einen Gamma-Strahlenwert von 1,63 Mikrosievert je Stunde gemessen. Am Zaun der Anlage seien es 4,56 Mikrosievert/Stunde und 8,89 Mikrosievert/Stunde an einem Behälter für Lagerstättenwasser auf dem Industriegelände gewesen.

„ExxonMobil“ spricht von „Skandalisierung“

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) arbeitet für seine Gefahrenhinweise mit der Größenordnung Millisievert pro Jahr. Umgerechnet entspricht der gemessene Wert außerhalb des Geländes etwa 14 Millisievert/Jahr, der Wert an dem Behälter etwa 78 Millisievert/Jahr. Das BfS gibt beispielsweise an, dass bei 100 Millisievert/pro Jahr in einer Bevölkerungsgruppe etwa ein Prozent zusätzliche Krebs- und Leukämiefälle auftreten, gesundheitsschädlich zum Beispiel für die Haut seien 50 Millisievert/Jahr. Voraussetzung: Man hält sich ein Jahr lang 24 Stunden täglich in direkter Nähe dieser Strahlung auf.

„ExxonMobil“ kritisierte die Berichterstattung der Böhme-Zeitung als „Skandalisierung“. Der an einem Anlagenbehälter, in dem sich Lagerstättenwasser befinde, auf dem Förderplatz Friedrichs-eck Z1 gemessene Wert ist laut Exxon-Sprecher Torp ein Messwert, „der an solchen Behältern üblich ist“. Am Boden des Behälters setzten sich schlammige Produktionsrückstände ab, die als sogenannte LSA-Stoffe (Low Specific Activity) eingestuft werden. Dabei würden die Richtwerte der Strahlenschutzverordnung zum Schutz von Umwelt und Mensch deutlich unterschritten, so der Sprecher weiter. Für Anwohner bestehe keine Gefahr, auch für die Sicherheit der Mitarbeiter werde Sorge getragen.

Ursache: natürliche radioaktive Stoffe

Auch das zuständige Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat die Strahlung bei Friedrichseck Z1 gemessen und bestätigt, dass die gesetzlichen Anforderungen zum Schutz der Bevölkerung vor Strahlenexposition eingehalten worden seien. Direkt an den mit Lagerstättenwasser „beaufschlagten Rohren und Behältern“ sei „erwartungsgemäß auch radioaktive Strahlung nachgewiesen“ worden. 

Am Zaun sei diese zusätzliche Strahlung nicht mehr nachweisbar und stelle keine Gefahr für Anwohner oder Passanten dar. Ursache solch radioaktiver Strahlung seien natürliche radioaktive Stoffe, die mit dem Erdgas und dem Lagerstättenwasser zu Tage gefördert würden. Das sei seit Langem bekannt, heißt es von LBEG-Pressesprecherin Heinke Traeger. In der Regel werde jeder Förderplatz mindestens einmal im Jahr von der Behörde befahren. Je nach Anlass gebe es auch unangekündigte Kontrollen. „Wenn unsere Fachleute bei ihren Kontrollen oder Befahrungen Mängel feststellen, werden die Mitarbeiter des Betreibers vor Ort unverzüglich dazu angehalten, diese Mängel abzustellen.“

Trotzdem bereitet das Ganze dem Umweltmediziner Bantz Sorge, der zu der Ärztegruppe aus 212 Medizinern gehört, die im Dezember 2015 einen offenen Brief der Regionalgruppe der IPPNW (Ärzte in sozialer Verantwortung) an Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) geschickt hatte. Darin hatte die Gruppe darum gebeten, die Ursachen für die erhöhten Krebszahlen der Samtgemeinde Bothel und der Stadt Rotenburg zu finden. Bantz schließt einen Zusammenhang mit der Erdgasförderung nicht aus.

Grenzwerte seien Schönrederei

Er kritisiert die Festlegung der Grenzwerte, die es nur gebe, „damit die Industrie mit diesen Werten arbeiten kann“, so Bantz. Es sei „Schönrederei“, denn diese Grenzwerte bedeuteten nicht, dass auch Strahlung, die darunter liegt, ungefährlich sei. Für den Umweltmediziner ist außerdem auffällig, dass die Initiative immer von Bürgern oder Journalisten ausgehe, wenn es darum gehe, Schwierigkeiten, egal welcher Art, „aufzudecken“. „Es sind nie die Aufsichtsbehörden“, bemängelt er, der in diesem Zusammenhang mehr Kontrollen fordert. Gleichzeitig sagt er: „Die Behörden sind nicht gut genug besetzt.“ Da bilde auch das LBEG keine Ausnahme. Man schiebe die Untersuchungen auf den „Verursacher“ ab, statt dass ein unabhängiger Gutachter kontrolliere.

Ein Nachspiel scheint im Übrigen das offenstehende Tor zu Friedrichseck Z1 zu haben. Der zuständige Betrieb habe das bei der Polizei angezeigt, so Torp. Der Zaun sei im Bereich des Fluchttores eingedrückt gewesen, „ein Indiz für ein möglicherweise unbefugtes Eindringen (per über den Zaun klettern) auf unseren Betriebsplatz“. Laut Torp sind Eingänge zu den Betriebsanlagen verschlossen und damit für Dritte nicht zugänglich. Aus Sicherheitsgründen sei es zwar möglich, Fluchttore von innen zu öffnen. Von außen seien diese aber verschlossen. Es habe in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle gegeben, bei denen „Unbefugte eindringen, Sachbeschädigungen erfolgen oder/und Vandalismus auftritt“, so Torp. Wie häufig das im Landkreis Rotenburg vorgekommen sei, könne er nicht sagen. Torp weist aber darauf hin, dass das Betreten der Anlagen ohne vorherige Zustimmung durch Exxon nicht zulässig sei.

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