Umgekehrter Trend im Landkreis: Weniger unversorgte junge Menschen

Zahl der Lehrstellen steigt, die der Bewerber sinkt

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Die Ausbildung zum Industriemechaniker gehört zu den Berufen, für die es immer noch viele Bewerbungen gibt. 

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Im Landkreis Rotenburg haben in diesem Jahr mehr Jugendliche eine Lehrstelle bekommen als im vergangenen Jahr. Bis Ende Juni waren nach Auskunft von Susanne Serbest, Sprecherin der für den Landkreis zuständigen Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit in Stade, 458 junge Leute ohne Ausbildungsvertrag – zehn Prozentpunkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Somit habe sich der Trend im Landkreis entgegengesetzt dem im Bund entwickelt. Danach ist die Zahl der unversorgten Bewerber von gut 11 300 zum Ausbildungsjahr 2010/2011 auf mehr als 23 700 bis 2016/2017 gestiegen.

Wie viele Jugendliche tatsächlich auf Jobsuche sind, zeigt sich erst Ende September oder Anfang Oktober. „Bis dahin ist noch viel Bewegung im Markt“, sagt Serbest. Längst seien die Zeiten vorbei, in denen zu Beginn des jeweiligen Ausbildungsjahres am 1. August für die kaufmännischen und 1. September für die gewerblichen Berufe ein Strich gezogen wird, um Bilanz zu ziehen. Bewerber haben zum Teil noch bis Dezember die Möglichkeit, eine Berufsausbildung anzufangen.

Hintergrund dieser Verschiebung nach hinten: Heute schauen sowohl die Ausbildungsbetriebe als auch die Jugendlichen beziehungsweise jungen Erwachsenen genauer hin, ob beide Seiten zueinander passen. Dies bestätigen sowohl Arbeitsagentur-Sprecherin Serbest als auch Eginhard Engelke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Elbe-Weser, und Dirk Immken, Bereichsleiter für Prüfungswesen in der Berufsaus- und Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade für den Elbe-Weser-Raum.

Insgesamt, so bringt es Serbest auf den Punkt, gebe es auf dem Ausbildungsmarkt mehr Stellen und weniger Bewerber. So waren laut der Zahlen der Arbeitsagentur bis Ende Juni 973 Bewerber gemeldet. Dies sei ein Rückgang um neun Prozentpunkten gegenüber 2017 und weiteren zehn Prozent im Vergleich zu 2016. Auf der anderen Seite ist die Anzahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um zehn Prozentpunkte gestiegen; in Zahlen waren es im Landkreis Rotenburg genau 1247. Auch die Anzahl der unbesetzten Ausbildungsstellen ist laut Statistik gestiegen. Davon gab es 544, was einem Plus von zehn Prozentpunkten entspricht.

Serbest und ihre Kollegen von der IHK und der Kreishandwerkerschaft sind der Auffassung, dass sich der Ausbildungsmarkt „komplett gewandelt“ habe, wie es die Sprecherin der Arbeitsagentur ausdrückt. Früher hätten sich die Betriebe ihre Bewerber aussuchen können, heute suchen sie oftmals händeringend nach Auszubildenden. Dafür gebe es gleich mehrere Gründe, sind sich die Fachleute einig. So hätten Jugendliche eine ausgeprägte Studierneigung.

Immken ist überdies der Überzeugung: „Wir haben ein Mobilitätsproblem, und wir haben ein Attraktivitätsproblem.“ Beides betreffe insbesondere den ländlichen Raum. Beispielsweise brauche ein junger Mensch, der oftmals im ersten Lehrjahr weder ein Auto noch einen Führerschein besitzt, vom Südkreis bis nach Stade mit öffentlichen Verkehrsmitteln mehr als vier Stunden. „Deshalb arbeiten wir daran, die Vielfalt hochzuhalten“, sagt Immken.

Zum Thema Attraktivität fällt ihm ein, dass einige Berufe noch aus dem Vollen schöpfen können. Unternehmen, die beispielsweise Industriemechaniker oder Kaufleute für Büromanagement ausbilden, bekommen immer noch ausreichend Bewerbungen, weil die Berufe unter Jugendlichen am bekanntesten sind. Sogenannte Splitterberufe hingegen „sind nicht so im Fokus“ der Bewerber. Dazu gehören unter anderem Lacklaborant, Gießereimechaniker und Flachglasmechaniker.

Speziell bei den Splitterberufen besteht laut Immken zudem das Problem, dass wenige Bewerber bedeuten, dass es nicht genug Leute gibt, um eine Berufsschulklasse zusammen zu bekommen. Der IHK-Mann hat dies gerade erst bei den angehenden Gießereimechanikern erlebt. Sie sollten laut einer Entscheidung der Landesschulbehörde in Bayern die Berufsschule besuchen. Erst die IHK habe darauf hingewiesen, dass es auch in Kiel eine Berufsschule mit Internat gebe. Dort werden die Gießereimechaniker jetzt im Block unterrichtet.

Um die duale Ausbildung auch bei jungen Menschen mit angestrebtem höheren Schulabschluss wieder mehr in den Fokus ihrer Zukunftsüberlegungen zu legen, gehen die Betriebe und die IHK wieder mehr an die Gymnasien. Dabei erfahren die Auszubildenden in spe unter anderem, dass der Weg zum Studienabschluss nicht nur über die Uni und Praktika führt. „Wer seinen Meister in der Tasche hat, dem steht der Weg zum Studium ebenso frei“, sagt Kreishandwerkerschaft-Hauptgeschäftsführer Engelke.

Er freut sich, dass laut der bislang vorliegenden vorläufigen Zahlen wieder mehr junge Menschen in eine klassische Berufsausbildung einsteigen. So gilt für den Altkreis Rotenburg: Bis Ende Juni 2017 lagen der Kreishandwerkerschaft 74 unterschriebene Ausbildungsverträge vor, in diesem Jahr sind es 104. Für den alten Regierungsbezirk Stade waren laut Engelke im vergangenen Jahr 891 Verträge unterschrieben. Für dieses Jahr zählt Engelke 1 019.

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