Von Möglichkeiten und Versuchen, dem Fachkräftemangel zu begegnen

Alt und weise – aber ganz und gar nicht leise

+
Ist nicht nur stimmlich noch bestens dabei: Pastor Wilhelm Röhrs. Der Scheeßeler ist auch mit 81 Jahren noch durchaus häufig für die Kirche im Einsatz. 

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Wilhelm Röhrs aus Scheeßel ist Pastor im Ruhestand und in der Region ein Begriff. Auch zu Weihnachten war der mittlerweile 81-Jährige wieder als Prediger zu erleben. Man ruft und hört ihn gerne. Er hält außerdem Vorträge („Ich kenne alle Landfrauenvereine von Bremerhaven bis zur Marienburg“), gestaltet Seniorennachmittage und übernimmt auch mal eine Trauerfeier oder Taufe.

Deutlich über 30 evangelische Ruhestandspastoren gibt es in der Region. Fast die Hälfte von ihnen aber ist durchaus noch aktiv. Sie helfen ihrer hannoverschen Landeskirche, die ein echtes Nachwuchsproblem hat. Pastoren sind knapp. Allein im Kirchenkreis Rotenburg ist inzwischen etwa ein Viertel der Gemeindepfarrstellen nicht besetzt. Da sind die Ruheständler gefragt. Sie lassen sich, wie Wilhelm Röhrs, immer wieder mal als Vertretung einsetzen. Das kostet nicht viel und bringt eine Entlastung in einer Situation, wo entsprechend ausgebildete „Fachkräfte“ fehlen und voraussichtlich noch lange fehlen werden.

Ein ideales Modell auch für andere?

Könnte man nicht auf diesem Wege zum Beispiel auch dem immer offensichtlicher werdenden Lehrermangel begegnen? Iris Rehder, Leiterin des Rotenburger Ratsgymnasiums, ist skeptisch. Kollegen, die nach ihrem Eintritt in den Ruhestand noch weitermachen wollen, gäbe es kaum. „Das lohnt sich finanziell nicht“, vermutet Rehder. Außerdem träfe der Lehrermangel nicht so sehr die Gymnasien, sondern „vor allem die Förder- und Grundschulen“. Davon kann dann auch Susanne Enders, verantwortlich für die Rotenburger Stadtschule, ein Lied singen. Dorthin sind nämlich derzeit zwei Lehrer anderer Schulen abgeordnet, um dem größten Mangel abzuhelfen. Meistens keine beliebte Konstellation – für alle Beteiligten. Händeringend sucht sie eine Mathematiklehrerin für ihre Grundschule. Leider nichts in Sicht. Und ehemalige Kollegen aktivieren? Die wollen „eher nicht jeden Tag wieder in der Schule sein“. Und außerdem sei man in der Regel „mit 65 Jahren als Lehrer auch fertig“.

Nebenan in der Musikschule gibt’s ehemalige Lehrkräfte, die hier noch auf Honorarbasis unterrichten. Für diese und die Schule sei das „grundsätzlich auch ganz schön“, so Leiter Gert Lueken. Seine größere Schwierigkeit läge jedoch darin, dass er zwar jüngere Kollegen bekommen könnte, aber ebenfalls nur auf Honorarbasis. Gerade die aber bräuchten eine feste Anstellung. Das sei sein Problem. Nicht unbedingt der fehlende Nachwuchs auf dem Gebiet.

Dem Gesundheitswesen in Deutschland droht der Kollaps, heißt es allenthalben. Ärzte fehlen, Pflegekräfte, Pflegehelfer. Das ist im Diakonieklinikum nicht anders als in den Rotenburger Werken. Dort gibt es immerhin, so Geschäftsführerin Jutta Wendland-Park, noch etliche Rentner, die „auf 450-Euro-Basis weiterarbeiten, weil sie an den Menschen hier hängen“. Andere engagieren sich ehrenamtlich. Damit kann Olaf Abraham, Pflegedirektor im Krankenhaus nebenan, kaum dienen. Der Fachkräftemangel, der im Pflegebereich zunächst die Großstädte erwischt hat, wird nun auch auf dem Lande bedrohlich. Reaktivierte Rentner gäbe es im Diako aber so gut wie gar nicht. „Das wird mit über 65 bei den heutigen Anforderungen auch schwierig.“ Ehrenamtlich tauchen etliche zwar bei den „Grünen Damen“ auf, aber sonst scheint das schwierig zu sein, „obwohl wir die Leute inzwischen vermehrt ansprechen.“ Jetzt sei, so Abraham, vielmehr „stärkere Mitarbeiterbindung gefragt.“ Außerdem plane man, „mehr Menschen aus dem Ausland“ nach Rotenburg zu holen. Dafür gibt es auch bereits ganz konkrete Pläne: In Indonesien liefen bereits gezielt Deutschkurse für potenzielle Krankenpflegeschüler in Rotenburg. Die würden dann hier ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und anschließend für drei Jahre die Krankenpflegeausbildung. Im Februar 2019 wird das bereits konkret losgehen.

Eklatant ist der Fachkräftemangel auch im gesamten Handwerksbereich. Fleischer, Maurer, Friseure, Maler, Zimmerleute – die Liste lässt sich nahezu beliebig verlängern. Mit dem Nachwuchs ist es überall mau. Rentner wieder zu aktivieren, sei kaum möglich, so Eginhard Engelke von der Kreishandwerkerschaft. Das sei eben „meistens eine anspruchsvolle körperliche Tätigkeit. Manche können deswegen gar nicht bis 65 arbeiten.“ Deswegen müssen die Lücken, die sich auftun, anders gefüllt werden. Wünschen würde sich der Geschäftsführer aus Verden, dass es „zum Beispiel ein vernünftiges Einwanderungsgesetz“ gäbe, „dass Menschen aus Nicht-EU-Staaten, die hier – wie auch immer – um Aufnahme gebeten haben, bleiben können“. Zurzeit ist es so, dass diese zwar theoretisch eine dreijährige Ausbildung machen und auch noch zwei Jahr als Geselle arbeiten dürfen; dann aber geht es zurück in die Herkunftsländer. Da bräuchte das deutsche Handwerk bessere Perspektiven.

Pastor Wilhelm Röhrs aus Scheeßel ist dann wohl doch eher die Ausnahme. Er hat akribisch Buch geführt über seine mittlerweile 18 Jahre im Ruhestand: Mehr als 250 Gottesdienste und mehr als 300 Vorträge hat er seitdem gehalten. Außerdem zahlreiche Andachten im Krankenhaus, bei Beerdigungen und Hochzeiten. In einem Jahr aber soll endgültig Schluss sein. Dann dürfte es im Kirchenkreis eine erhebliche Lücke geben.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Nach Anschlägen: Islamisten aus Sri Lanka unter Verdacht

Nach Anschlägen: Islamisten aus Sri Lanka unter Verdacht

Feuer im Goldenstedter Moor

Feuer im Goldenstedter Moor

Osterräderlauf in Leeste

Osterräderlauf in Leeste

Streetfood-Festival in Bassum

Streetfood-Festival in Bassum

Meistgelesene Artikel

Ein Traum mit roten Blüten

Ein Traum mit roten Blüten

Brand in Visselhövede: Bewohner retten sich aus Mehrfamilienhaus

Brand in Visselhövede: Bewohner retten sich aus Mehrfamilienhaus

Verkehrsunfall auf der A1: Dreiköpfige Familie schwer verletzt 

Verkehrsunfall auf der A1: Dreiköpfige Familie schwer verletzt 

Nur noch wenige Restbestände

Nur noch wenige Restbestände

Kommentare