Viele Gäste in der Cohn-Scheune interessieren sich für drei „lokale Schicksale“

Er unterschrieb nicht und starb am 26. März 1939 im KZ

+
Heinz Promann (v.l.) , Zahra Palmanak, Hanna Tamke, Almuth Quehl und Inge Hansen-Schaberg freuen sich über viele Besucher in der kleinen Cohn-Scheune am Kirchhof. 

Rotenburg - Die Schicksale von drei mutigen Männern aus dem Altkreis Rotenburg, die mit ihrem Leben für ihre Überzeugung während der NS-Gewaltherrschaft mit ihrem Leben bezahlen mussten, standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Cohn-Scheune am Kirchhof in Rotenburg: Willi Sommerfeld, Unterstedt, Bibelforscher und Zeuge Jehovas; Heinrich Porrath, Visselhövede, Gewerkschafter und SPD-Mitglied, sowie der jüdische Kaufmann Oskar Alexander, ebenfalls aus Visselhövede. Lokale Schicksale einer schlimmen Zeit, die auf ungewöhnliches Interesse stießen. Die kleine Cohn-Scheune war am Dienstag übervoll.

Die Besucher, unter ihnen befanden sich auch Nachfahren, kamen aus vielen Teilen des Landkreises, unter anderem aus Rotenburg, Unterstedt und Visselhövede. Sie wurden von Professorin Inge Hansen-Schaberg, der Vorsitzenden des Fördervereins Cohn-Scheune, begrüßt. Sie hieß die Referenten des Abends willkommen: die 19-jährige ehemalige Schülerin der Berufsbildenden Schulen Rotenburgs, Zahra Palmanak, ihren ehemaligen Geschichtslehrer Heinz Promann und die beiden Visselhöveder Gästeführerinnen Hanna Tamke und Almuth Quehl. Hinter allen liegen viele Monate intensiver Recherchen in Archiven und relativ wenigen Unterlagen, die sie nach umfangreichem Suchen und oft verbunden mit Zufall und Glück entdeckten.

Heinz Promann berichtete, wie er mehr oder weniger durch Zufall bei der jetzigen Bewohnerin des Sommerfeld-Hauses eine kleine Ledermappe mit wichtigen Dokumenten des Bibelforschers aus dem Jahre 1933 fand.

Das Leben von Willi Sommerfeld, 1886 in Berlin geboren und später mit seiner Familie nach Unterstedt gezogen, zeichnete die Absolventin der Rotenburger BBS, Zahra Palmanak, nach. Sie, die in Bremervörde als Tochter kurdischer Eltern geboren wurde und jetzt in der Kreisstadt lebt, stellte in ihrem Referat dar, wie Willi Sommerfeld, der 1919 als Bibelforscher in die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas eingetreten war, nach der Machtübernahme der Nazis im Jahre 1933 zunehmend die Repressalien der Nazis zu spüren bekam – angefangen mit seiner Kriegsdienstverweigerung als Zeuge Jehovas. 1937 kam Sommerfeld in U-Haft im Rotenburger Gerichtsgefängnis und wurde im April 1938 vom Sondergericht am Landgericht Verden in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingewiesen.

Sommerfeld, der nach einem Jahr eine „Verpflichtungserklärung“ unterschreiben und sich von den Inhalten seiner Religionsgemeinschaft lossagen sollte, blieb standhaft. Er unterschrieb nicht und starb am 26. März 1939 im KZ. Verhungert.

Heinrich Porrath, 1876 in Hamburg geboren und als 18-jähriger Zimmermann nach Visselhövede gekommen, wurde von Hanna Tamke vorgestellt. Der Gewerkschafter war SPD-Mitglied und von 1914 bis 1933 hauptamtlicher Geschäftsführer der Konsumgenossenschaft Visselhövede. Der stellvertretende Bürgermeister des damaligen Fleckens Visselhövede und Kreistagsabgeordnete war derjenige, der in der Inflation das spezielle Visselhöveder Notgeld „erfunden“ hatte. Der Sozialdemokrat organisierte 1930 in Visselhövede eine Demonstration gegen die Nazis. Rund 3 000 Teilnehmer aus dem Kreis Rotenburg, aus Bremen und Hamburg waren dabei. Am 27. Juni 1933 wurde der Kommunalpolitiker Heinrich Porrath, noch relativ kurz zuvor für seine Verdienste gewürdigt, vom Rotenburger Landrat entlassen und unter Hausarrest gestellt. Porrath wurde 1933 von der SA verhaftet, in Verden inhaftiert und sei, so Hanna Tamke, 1934 als gebrochener Mann gestorben. Ein Blutgerinnsel im Gehirn aufgrund von Schlägen in der Haft sei die Todesursache gewesen.

Almuth Quehl berichtete über das Leben des jüdischen Kaufmannssohnes Oskar Alexander, der 1881 in Visselhövede geboren wurde und sich schließlich mit viel kaufmännischem Geschick und Können in Bad Bramstedt eine Position als Kurdirektor aufbaute. Aber auch für ihn, der sich als Nationalist bezeichnete und sich, so Quehl, nicht als Jude gefühlt habe, sei die Situation zunehmend unerträglicher geworden.

Pachtverträge seien ab 1936 von den Nazis aufgelöst worden, Enteignungen hätten sich angeschlossen. Trotzdem habe Alexander eine Zeit im Kurbetrieb weiter wirken können. Dann, im September 1941, das letzte Lebenszeichen von Oskar Alexander: Aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen sei die Nachricht über den Tod von Alexander am 28. Januar 1942 gekommen. Gestorben an Lungenentzündung, wie es nach der Nazi-Sprachregelung hieß, sagte Almuth Quehl.

Die Vereins-Vorsitzende Inge Hansen-Schaberg zum Abschluss: „Es wäre gut und sehr wichtig, wenn die NS-Zeit in unserer Region weiter aufgearbeitet würde.“ 

bn

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Hamiltons Titelparty nach Räikkönen-Sieg vertagt

Hamiltons Titelparty nach Räikkönen-Sieg vertagt

Polens PiS-Partei punktet bei wegweisender Regionalwahl

Polens PiS-Partei punktet bei wegweisender Regionalwahl

Saudi-Arabien nach Erklärung zu Tod Khashoggis unter Druck

Saudi-Arabien nach Erklärung zu Tod Khashoggis unter Druck

Beatles-Ausstellung auf Ehmken Hoff eröffnet

Beatles-Ausstellung auf Ehmken Hoff eröffnet

Meistgelesene Artikel

Ministerpräsident Weil  informiert sich über Angebote im Rotenburger Diakonieklinikum

Ministerpräsident Weil  informiert sich über Angebote im Rotenburger Diakonieklinikum

Zwei Mädchen bei Unfall mit Moped schwer verletzt

Zwei Mädchen bei Unfall mit Moped schwer verletzt

Gemeinde feiert Richtfest für das neue Domizil der Ortswehren Bartelsdorf und Wohlsdorf

Gemeinde feiert Richtfest für das neue Domizil der Ortswehren Bartelsdorf und Wohlsdorf

Potenzial bei der zweiten „Nacht der Ausbildung“ erkennbar

Potenzial bei der zweiten „Nacht der Ausbildung“ erkennbar

Kommentare