Bürgermeister Weber über Regeln, Verbote und eine Stadt, die für alle Generationen attraktiv sein soll

„Rotenburg tut viel“

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Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber in seinem Büro. Die Diskussionen vor allem auf Facebook verfolgt er auch hier stets intensiv – und mischt sich auch ein, wenn es seiner Meinung nach angebracht ist. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Der Sündenbock ist gefunden: Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber. Der SPD-Politiker verbietet alles, wird vor allem in der regen Facebook-Gemeinde zu regionalen Themen gemault. Osterfeuer, Maitour zum Bullensee, jetzt Race Days: Immer mehr Auflagen und Verbote. Die Kreisstadt, nur noch lebenswert für Senioren? Weber stellt sich im Interview der Kritik der vergangenen Monate.

Herr Weber, sind Sie ein Spielverderber?

Andreas Weber: Überhaupt nicht. Das muss ich absolut zurückweisen. Es geht in Rotenburg darum, eine Kommune weiterzuentwickeln im positiven Sinne. Sodass eine Kommune gute Arbeitsplätze bietet, ein gutes Wohnumfeld bietet, Freizeitmöglichkeiten bietet. Auf der anderen Seite aber auch eine größtmögliche Sicherheit bietet. Zur Sicherheit gehört es, dass es Regeln geben muss. Es geht nicht um Spiele, sondern um ernsthafte Dinge. Wir müssen Dinge in umfeldverträgliche Bahnen lenken.

Warum gibt es die Verbote und Einschränkungen?

Weber: Es hat hier keine Verbote gegeben. Sondern es hat Fehlentwicklungen gegeben, beispielsweise beim 1. Mai oder anderen Großveranstaltungen. Ganz Deutschland hat sich nach katastrophalen Entwicklungen wie der Loveparade Gedanken gemacht, wie die Menschen, die dort in guter Absicht hingehen, sich sicher bewegen können. Insofern ist es richtig, Regeln und Standards zu schaffen, die eingehalten werden.

Ist früher in Rotenburg alles zu lax geregelt gewesen?

Weber: Das war nicht nur in Rotenburg so. Aus den negativen Erfahrungen hat man gelernt, bundesweit. Das setzen wir hier wie andere Kommunen um.

Zuletzt ist die Diskussion an den Race Days hochgekocht. Was ist dort so gefährlich, dass sie nicht mehr in Rotenburg stattfinden sollen?

Weber: Die Race Days haben in den vergangenen stattgefunden und sind jetzt auch nicht verboten worden. Der neue Veranstalter hat bei den Flugplatzbetreibern nachgefragt, ob er die Fläche mieten kann. Wir haben uns dann mit den Betreibern zusammengesetzt und beraten. Übereinstimmend haben sie dann entschieden, dass einem Nutzungsvertrag nicht zugestimmt wird.

Warum?

Weber: Weil unser Flugplatz dabei ist, ein sehr positives Image zu entwickeln. Dabei geht es um die Ansiedlung von Gewerbeflächen und um Flugsport. Veranstaltungen wie die Race Days sind auf die Startbahn angewiesen, sodass der Flugbetrieb ein Wochenende nicht stattfinden kann. Bei Ferdinands Feld ist das nicht der Fall. Hinzu kommt, dass auch die Einrichtungen des Flugplatzes stark in Mitleidenschaft gezogen werden, beispielsweise die Markierungen.

Und Sie wollen eine bestimmte Rocker-Klientel nicht in Rotenburg haben.

Weber: Ich bin der Überzeugung, dass auf solchen Veranstaltungen Bühnen geschaffen werden für bestimmte Randgruppen der Gesellschaft, das muss nicht unbedingt sein.

Auch aus Reihen der eigenen Partei gab es öffentlich Kritik. Erweisen Sie der SPD im Kommunahlwahlkampf einen Bärendienst?

Weber: Es geht nicht darum, solche Entscheidungen als Bürgermeister für den Wahlkampf abzuwägen, sondern es geht um Sicherheitsfragen. Diese müssen entschieden werden. Diesbezüglich war ich schon immer so aufgestellt, dass ich offen und ehrlich meine Meinung sage, unabhängig davon, ob jetzt eine Kommunalwahl ist oder nicht.

Auch in den sozialen Netzwerken wird schnell gemutmaßt, sie kommen noch nicht aus Ihrer alten Rolle raus: Sind Sie noch zu viel Polizist und zu wenig Bürgermeister?

Weber: Überhaupt nicht. Das sind die sozialen Netzwerke. Diejenigen, die solche Kommentare schreiben, stehen diesen besagten Randgruppen oft sehr nahe. Von daher muss man Verständnis haben, dass eine solche, teilweise auch beleidigende Hetze dort erfolgt. Da habe ich ein dickes Fell und kann es richtig einordnen.

Sie haben sogar so ein dickes Fell, dass Sie dort oft selbst unterwegs sind und sich zu allen möglichen Themen oder Vorwürfen äußern. Warum tun Sie sich das an?

Weber: Es ist erstens wichtig, zu wissen, was abseits der Öffentlichkeit diskutiert wird, auch in diesen Randgruppen. Dort kommt es ungefiltert, das tut auch manchmal weh. Andererseits ist dort oft auch großes Unwissen vorhanden, eine Debatte kann dann mit sachlichen Argumenten beendet werden.

Feuert man dadurch die Debatte nicht erst richtig an?

Weber: Diese Erfahrung habe ich bislang nicht gemacht.

Das Argument, auf das Sie auch am Montag während der Bürgerversammlung zum Baugebiet Stockforthsweg II allergisch reagiert haben: Rotenburg ist nur noch für Senioren attraktiv. Mal ehrlich: Was wird denn für junge Leute gemacht?

Weber: Das, was dort dargestellt wurde, ist eine falsche Wahrnehmung. Wenn man bedenkt, was wir allein in den vergangenen Monaten hier in Rotenburg hatten, sucht das im Umkreis seinesgleichen: La Strada, Ferdinands Feld, Summer Sensation, Weichelsee Open Air, Reggae Night, jeden Monat im Bürgersaal eine Disco-Nacht, Jazz on a summer’s night, wir haben den Kulturbahnhof mit Live-Konzerten am Heimathaus, Laut & Draußen am Kalandshof, wir haben ganz in der Nähe das Hurricane-Festival und in Rotenburg beste Verkehrsanbindungen nach Bremen, wo man in 25 Minuten vor Ort ist und eine Discomeile besuchen kann. Rotenburg tut unheimlich viel. Das trifft nicht immer den Geschmack des einzelnen, aber es gibt eine unheimliche Vielfalt. Ich glaube, wir haben nicht zu wenig Veranstaltungen, sondern Wochenenden, um alles unter zu bringen. Dazu gibt es mehr als 50 Vereine und hervorragende Freizeitangebote wie das Ronolulu, den Weichelsee oder den Bullensee.

Immer wieder kommen die Stichworte Disko und Kino auf. Aber ist es überhaupt die Aufgabe einer Stadt, solche Projekte anzuschieben? Da beides früher vorhanden war, gab es offensichtlich nicht genügend Gäste, sonst hätten sich die Einrichtungen gehalten.

Weber: Das ist richtig. Mit einer Disco ist es ganz problematisch. Auch die Discos in der Umgebung leiden darunter, dass zu wenig konsumiert wird und die Einnahmemöglichkeiten beschränkt sind. Viele fahren nach auswärts, nach Bremen, um die Möglichkeiten der Auswahl zu haben. So ein Angebot wird es in Rotenburg wohl kaum geben – auch wenn es wünschenswert ist.

Besser sieht es mit einem Kino aus. Wie weit sind dort die Gespräche?

Weber: Ich habe mich mit den Rotenburger Werken und dem Stadtkino zusammengesetzt, um die Dinge zu erörtern. Wie hätten eine Perspektive, so etwas auf Kultur- oder Landkino-Ebene bei den Werke auf dem Kalandshof zu realisieren. Auch private Betreiber sind in ihrer Standortanalyse auf Rotenburg gekommen und sehen hier Potenzial für ein Kino mit mehreren Sälen.

Geht es um den Standort am Rönnebrocksweg, der auch am Montag im Planungsausschuss Thema ist?

Weber: Da geht es eher um eine Kletterhalle, die in ähnlicher Weise wie das Kito gegenüber umgesetzt werden soll. Inklusive einer kleinen Verkaufseinheit für Kletterutensilien und Outdoor-Kleidung. Wir sind mit dem Interessenten mehrere Standorte durchgegangen, die er jetzt bewertet. Mitte September kommen wir wieder zusammen, um zu sehen, ob er einen Standort favorisiert, damit wir uns unterhalten können, ob dort ein Kino realisiert werden kann.

Wir reden immer über mangelnde Bauplätze. Hat Rotenburg denn noch genug freie Flächen für ein Kino?

Weber: Es sind genügend vorhanden. Für die müssen im Kernbereich Veränderungen durchgeführt werden, das sehen wir beispielsweise mit dem Sparkassen-Projekt bei der Post. Das Kino soll in die Kernstadt kommen, nicht auf die grüne Wiese, damit es leicht erreichbar ist.

Ist Rotenburg eine lebenswerte Stadt – für alle Generationen?

Weber: Ja. Für junge natürlich ganz besonders. Ich bin in Rotenburg geboren und nie weggezogen, obwohl ich in meinen 38 Jahren in Bremen viele Angebote von dort hatte. Die Struktur, die wir in Rotenburg haben, ist lebenswert und muss erhalten bleiben. An dem einen oder anderen Punkt kann sie aber ausgebaut werden.

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