Viele Landwirte gehen bei der „Initiative Tierwohl“ leer aus

Es fehlt das Geld für mehr Engagement

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Schweinemäster Dietmar Haase gewährt seinen Tieren mehr Platz im Stall – bekommt dafür aber keine Förderung.

Rotenburg - Von Michael Krüger. „Die Tiere müssen sich wohl fühlen“, sagt Dietmar Haase, überlegt kurz, und ergänzt dann: „Der Landwirt aber auch.“ Der 47-Jährige führt den seit 1888 bestehenden „Haase‘s Hof“ in Waffensen. 1.600 Schweine in zwei Ställen, etwas Ackerbau, ein Familienunternehmen. 

Nicht öko, aber mit festem Glauben an ein Miteinander: „Nur Nutztiere, denen es gut geht, bringen Leistung“, sagt Haase. Er hat viel investiert für kleine Verbesserungen, wollte profitieren von den Millionen im Topf der „Initiative Tierwohl“ – doch geht bislang leer aus.  „Einen Tag habe ich mich schon geärgert, vielleicht sogar zwei“, erzählt der Landwirt aus Waffensen beim Gang durch seinen neuen Schweinestall. Im Februar zogen hier im Außenbereich des Dorfes die ersten Tiere ein, Platz für 1.000 Schweine, durchaus erweiterbar, sagt er – wenn sich der Sohn denn irgendwann mal dafür entscheide. Mehrere hunderttausend Euro hat der Hightech-Maststall gekostet, alles auf dem neuesten Stand, und eben sogar noch ein Stück mehr als vom Gesetzgeber gefordert.

Ein paar Quadratmeter größere Buchten, mehr Tageslicht, einfache Beschäftigungsmöglichkeiten – das ist keine Öko-Haltung, konventionell bleibt es, aber Haase ist jemand, der sich um sein Vieh sorgt. Die Ferkel kommen aus Hellwege, gefüttert wird vor allem mit Erzeugnissen der eigenen Äcker, geschlachtet wird nicht allzu weit weg. 3,80 Euro würde Haase von der „Initiative Tierwohl“ bekommen, dem Bündnis aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel, das seit Anfang des Jahres für bessere Haltungsbedingungen sorgen will.

Doch er geht vorerst leer aus. Kriterien erfüllt, Topf leer – die 85 Millionen Euro, die 2015 zur Verfügung stehen, reichen längst nicht aus. Dabei hätte das Geld bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von rund 150 Euro pro Mastschwein in Haases Familienkasse manches Loch stopfen können – und vielleicht Möglichkeiten eröffnet, noch mehr fürs Schweine-Wohl zu investieren. Wie dem Waffensener geht es vielen Landwirten in der Region. Rund 20 Betriebe im Landkreis haben das Erstaudit bestanden und erhalten damit eine Förderung. 30 weitere stehen wie Hase jedoch auf der Warteliste, heißt es aus der Pressestelle der Initiative. Bei den Schweinehaltern sei die Begutachtung weitgehend abgeschlossen, im Oktober beginnen die Audits für Geflügelhalter.

16 Hähnchen haltende und drei Puten haltende Betriebe aus dem gesamten Kreisgebiet hatten sich demnach angemeldet, acht Hähnchenhalter und ein Putenmäster sind zur Auditierung zugelassen. „Das große Engagement der Betriebe, die sich für die Initiative Tierwohl registriert haben, war auch für uns überraschend“, sagt Pressesprecher Patrick Klein. Das zeige, dass Landwirte sich viel stärker für mehr Tierwohl einsetzen wollen, als es manchmal in der Öffentlichkeit dargestellt werde. Betriebe auf der Warteliste können demnach nachrücken, wenn weitere Mittel zur Auszahlung zur Verfügung stehen.

Doch Schweinemäster Haase macht sich diesbezüglich vorerst wenig Illusionen: „Bevor nicht McDonald‘s oder andere Große einsteigen, wird es knapp.“ Auch Jörn Ehlers, Vorsitzender des Landvolk-Kreisverbands Rotenburg-Verden, bestätigt das Dilemma. Die Initiative sei eine sehr gute, ein Schritt in die richtige Richtung, vergleichbar mit der EEG-Umlage, um die Branche insgesamt besser aufzustellen. Aber: Die Finanzierung sei fehlerhaft angegangen worden. „Es gab zum Teil massive Verärgerung“, sagt er.

Für viele Betriebe, die in Aussicht auf die Zuschüsse investiert hätten, ergäben sich wirtschaftliche Verluste. Gerade weil über die Initiative eine „verlässliche Größe“ den Preis stützen würde. Insgesamt, sagt Ehlers, sei das Programm trotz aller Kritik an zu geringen Standards ein Aspekt der „ethischen Diskussion“. Die Qualität der Produkte ändere sich wenig, die Haltungsbedingungen schon. Entsprechend sei der Landvolk-Chef stolz darauf, wie viele Bauern sich engagieren. Das Lob nimmt Schweinebauer Haase in Waffensen gerne auf. Bei stark schwankenden Marktpreisen und knappen Kalkulationen seien Landwirte jedoch „wirtschaftlich gezwungen, effektiv zu arbeiten“. Jede Verbesserung für die Tiere koste Geld – und das müsse der Verbraucher zahlen. Haase: „Abgestimmt wird an der Ladentheke.“

Info: Branchen-Bündnis will Standards anheben

Die „Initiative Tierwohl“ ist ein Bündnis aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel. Gemeinsam wollen die Beteiligten die Haltungsbedingungen für Schweine und Geflügel verbessern. Große Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Edeka zahlen vier Cent je verkauftes Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch in einen Fonds. Bis 2017 sollen so 255 Millionen Euro zusammenkommen, 2015 sind es 85 Millionen Euro. Daraus bekommen Schweine- und Geflügelhalter Geld, wenn sie in ihren Ställen bessere Bedingungen schaffen als gesetzlich vorgeschrieben.

Die Zuschüsse staffeln sich nach einem Kriterienkatalog, den die Halter individuell erfüllen können. Bestimmte Mindeststandards wie mehr Auslauf sind Pflicht. Aktuell sind deutschlandweit 1 996 Schweinehalter in die Initiative aufgenommen. Davon können rund zwölf Millionen Schweine profitieren. Zudem wurden 897 Geflügelhalter zur Auditierung zugelassen. Die Initiative erwartet, dass 255 Millionen Hähnchen und Puten von den Maßnahmen profitieren können. Der Verbraucher selbst kann die Tierwohl-Produkte nicht erkennen. Die Branchen-Umlage wird nicht wie ein Öko-Siegel gesondert ausgezeichnet. Ab Herbst sollen die ersten Schweinefleischprodukte der Initiative im Handel erhältlich sein.

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