INTERVIEW: Torsten Oestmann grüßt ab Montag als Bürgermeister

Mit offenem Visier ins Rathaus

Torsten Oestmann startet am Montag ins Rotenburger Bürgermeisteramt.
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Torsten Oestmann startet am Montag ins Rotenburger Bürgermeisteramt.

Rotenburg – Der Wechsel steht bevor. Am Montag übernimmt Torsten Oestmann das Rotenburger Bürgermeisteramt von Andreas Weber. Im Interview betont er seine Unabhängigkeit und zugleich seine Vorfreude auf den neuen Job.

Herr Oestmann, wie geht es Ihrer Frau?

Meiner Frau geht’s gut.

Sie war ja ziemlich baff am Wahlabend, als sich Ihr klarer Sieg bei der Bürgermeisterwahl abzeichnete.

Also, ich glaube, baff waren wir alle, weil es doch ein sehr eindeutiges Ergebnis war – alle Wahllokale gewonnen. Das war schon sehr beeindruckend. Was meine Frau betrifft: Sie steht ungern in der Öffentlichkeit. Als Sie dann mit dem Block auf sie zugekommen sind, war das der Moment, der bei ihr Bluthochdruck ausgelöst hat.

Gut, dass Sie danach Urlaub hatten. Wie war’s?

Das ist die gleiche Frage, die Sie mir vor einem Jahr schon mal gestellt haben. Der Urlaub war total entspannend.

Wie wichtig war der Urlaub?

Sehr wichtig. Wir sind ein Jahr unter Volldampf gelaufen. Im Oktober vergangenen Jahres ging der Wahlkampf los. Und gerade das letzte halbe Jahr war sehr intensiv. Ich hatte vorher keinen Urlaub, bis auf ein paar freie Tage. Das heißt: Ich habe ganz normal meinen Dienst als Leiter der Polizeiinspektion gemacht und bin dann nach Feierabend oder an den Wochenenden los, um Wahlkampf zu machen. Viele Menschen in Rotenburg haben das mitbekommen. Auch Frank Holle (Anm. d. Red.: Oestmanns Gegenkandidat von der CDU), wir waren beide sehr intensiv unterwegs von Tür zu Tür. Wir haben uns auch zwei Mal dabei getroffen, sind uns also über den Weg gelaufen. Jetzt war es einfach schön, sich fallen lassen zu können und einfach nur überlegen zu müssen, wann wir aufstehen, was wir machen. Insofern war der Urlaub herrlich.

Jetzt rückt der Tag des beruflichen Wechsels näher. Was macht das gerade mit Ihnen?

Ich bin gespannt auf das, was da auf mich zukommt. Aber ich bin auch jetzt schon häufiger im Rathaus unterwegs, habe mich mit Andreas Weber unterhalten. Es geht so langsam die Übergabe los. Es werden jetzt auch schon Termine festgelegt für den November.

Im Rathaus ist bereits ordentlich renoviert worden – im Vorzimmer, aber auch in Ihrem künftigen Büro. Haben sie eine Wunschliste hingeschickt hinsichtlich Teppich und Anstrich?

Der Teppich stammte noch aus der Zeit von Andreas Webers Vorgänger Detlef Eichinger. Der war wirklich nicht mehr ansehnlich. Die Farbe habe ich Bernadette Nadermann und Kirsten Lohmann überlassen. Die haben das jetzt ausgesucht.

Dann kann es ja am Montag losgehen. Aber wie geht’s los?

Gleich für den ersten Tag um 10 Uhr habe ich um einen Termin im Ratssaal gebeten, denn ich möchte – und das ist mir zunächst sehr wichtig – die Kolleginnen und Kollegen aus dem Rathaus kennenlernen. Und sie sollen mich kennenlernen. Sie sollen mich als Menschen kennenlernen, denn ich möchte schnell eine Vertrauensbasis aufbauen. In den ersten Wochen sind daher die Vormittage weitgehend blockiert. So habe ich Zeit, in die Ämter zu gehen, um dort überall Gespräche zu führen.

Für den 4. November steht die konstituierende Ratssitzung auf dem Programm. Es laufen in der Politik viele Gespräche. Dabei geht es um die Frage, wie sich die Parteien formieren. Was erreicht Sie da zurzeit?

Klar, ich kriege verschiedene Informationen. Getreu meinem Motto, dass ich als unabhängiger Kandidat angetreten bin, bin ich auch in allen Bereichen unterwegs. Es gibt Gespräche mit den Parteien, durch den Wahlkampf gibt es aber die natürliche Nähe zu SPD, Grünen und Volt. Man kennt sich dort näher. Aber mir ist wichtig, mit allen in Kontakt zu sein. Ehrlich und offen, also mit offenem Visier.

Es geht um die Suche nach Mehrheiten. Eine Mehrheit zeichnet sich ab – mit der SPD, den Grünen, Volt, Linken und Telman Aliev ist sie rechnerisch möglich. Das müsste Ihnen gefallen.

Sie hätten mich im Wahlkampf nicht unterstützt, wenn wir nicht eine große Übereinstimmung ausgemacht hätten. Aber ich habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass es mir nach wie vor wichtig ist, dass ich überparteilich agiere. Es mag Themen geben, wo wir auseinander liegen. Dann werde ich meinem Gewissen folgen.

Ein Thema, das wahrscheinlich schon bald auf den Tisch kommt, ist der Wunsch der IGS nach einem erneuten Antrag auf Einrichtung einer Oberstufe. Wie stehen Sie dazu?

Das ist ein sehr kompliziertes Thema. Ich habe mit den drei Schulleitungen zwei sehr intensive Gespräche geführt, auch mit Befürwortern und Gegnern. Ich bin der Auffassung, dass wir uns etwas Zeit nehmen und versuchen sollten, das Thema sachlich zu ergründen. Mein Vorschlag wird sein, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen. Mit dabei wären dann Vertreter aus den drei Schulen unter externer Moderation, ohne Beteiligung der Politik und der Verwaltung, aber jederzeitigem Informationsrecht. Wir treffen eine Entscheidung, die nicht nur die jetzigen zehnten Klassen, sondern auf Jahre hinaus den Schulstandort Rotenburg in seiner Gänze betrifft. Aber letztendlich ist es so – die Mehrheit im Rat wird entscheiden.

Ist es aus Ihrer Sicht in den ersten beiden Anläufen nicht so sachlich gelaufen, wie Sie es sich vorstellen?

Die ersten beiden Versuche habe ich aus der Ferne betrachtet. In Vorbereitung auf Wahlkampf und Amt habe ich noch einmal recherchiert. Mein Eindruck ist, dass die Diskussion sehr stark von Emotionen und teilweise von Ideologien getragen war.

Lässt sich das bei so einem Thema heraushalten?

Man wird es nicht heraushalten können, aber ich sehe mich in meiner Rolle als Bürgermeister auch als Manager. Genau da setzt diese Rolle an. Ich habe zu vermitteln und das Thema zu managen.

Nicht weniger wichtig sind Themen wie Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit. Wird sich da in Zukunft etwas ändern?

Ich habe mehrfach meinen Wunsch betont, dass Verwaltung und Politik ihre Planungen, ihre Vorhaben und ihre Entscheidungen etwas transparenter machen. Amtliche Bekanntmachungen in der Kreiszeitung sind erforderlich, erfüllen aber nicht den Informationsanspruch der hier lebenden Menschen. Daran müssen wir arbeiten. Ich habe Ideen, wie man zu diesen Zielen kommen kann. Meine Meinung ist, dass wir uns deutlich mehr öffnen müssen. Da werde ich schauen, ob der Rat meinen Ideen folgen kann.

An welchen Stellen muss man sich mehr öffnen?

Sobald Planungen starten, sollte man die Öffentlichkeit informieren, um rechtzeitig auch Ängsten und Befürchtungen begegnen zu können.

Man könnte meinen, Sie sind schon mitten drin im neuen Job. Hat der Urlaub wirklich gereicht, um den Wahlkampf und den Wahlsieg ausreichend sacken zu lassen?

Ab und zu ist es immer noch irrational. Zuletzt ging es ja für mich noch einmal zurück in die Polizeiinspektion – für zwei Wochen. Ich musste mir immer wieder klarmachen, dass es tatsächlich die letzten beiden Wochen als Polizist waren. Manchmal schauen meine Frau und ich uns an und sagen: „Träumen wir?“.

Geht denn jetzt ein Traum für Sie in Erfüllung?

Ja, es geht ein Wunsch in Erfüllung.

Wie lautet dieser Wunsch?

An mich ist ja die Möglichkeit herangetragen worden, als Bürgermeister in meiner Heimatstadt aktiv zu werden. Als ich mich intensiv damit beschäftigt habe, ist der Wunsch erwachsen, dieses Amt ausführen zu wollen. Allein aufgrund der Gestaltungsmöglichkeiten. Dieser Wunsch ist jetzt in Erfüllung gegangen. Nun können wir gemeinsam etwas verändern und bewegen.

Veränderungen sind auch in der großen Politik ein Thema. Deutlich wird dabei, dass ein anderer Umgang miteinander erforderlich ist. Politik ist Teil Ihres künftigen Jobs. Inwieweit spielt das also auch für Sie eine Rolle?

Ja, natürlich, das ist ein wesentlicher Part. Was ich jetzt schon deutlich gemacht habe: Ich bin ein pragmatischer Typ. Mir schwebt vor, immer dann, wenn wir wesentliche Themen haben, müssen wir nicht erst bis zur Ausschusssitzung warten, um dort die Dinge zu erörtern. Was spricht dagegen, die Beteiligten und eben auch Fraktionen oftmals zu interfraktionellen Gesprächen zusammenzuholen? Das sorgt für mehr Vorbereitungszeit.

Braucht der Stadtrat einen neuen Stil?

Ich würde mich freuen. Wir haben einen interessant zusammengesetzten Stadtrat. Freuen würde es mich, wenn man wirklich auf diesen berühmten Reset-Knopf drücken könnte und wir tatsächlich eine sachliche Kommunikation haben, damit wir aufeinander zugehen – im Sinne des gemeinsamen Vorankommens. Ich bin gespannt.

Im Wahlkampf haben Sie auch von einer Beteiligungskultur gesprochen, die Ihnen wichtig ist. Wen haben Sie dabei im Auge?

Es wird sicherlich losgehen mit den jungen Menschen. Ich werde auf die weiterführenden Schulen zugehen und anbieten, ein entsprechendes Projekt einzurichten. Motto: Politik zum Anfassen. Ziel ist es, die jungen Menschen mehr zu beteiligen. Ich möchte sie fragen, was sie sich für Rotenburg wünschen und wie sich das umsetzen lässt. Und: Welcher Möglichkeit rechnen sie die größte Chance zu, dass sich Jugendliche Beteiligen. Das kann ein Jugendparlament, aber auch ein Jugendbürgermeister sein. Im zweiten Schritt wollen wir versuchen, das auch umzusetzen. Ich werde außerdem auf junge Menschen zugehen, was zum Beispiel die Mai-Tour zum Bullensee betrifft. Es geht darum, wie wir sie wieder so zum Laufen bekommen, dass alle – also Teilnehmende, Anlieger und beteiligte Behörden – einigermaßen zufrieden sind. Wichtig sind mir auch Beteiligungsforen bei der Stadtentwicklung.

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