1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Sturmtief „Ylenia“: Distanzunterricht und Schulausfall im Landkreis Rotenburg

Erstellt:

Von: Nina Baucke

Kommentare

Lernen zu Hause oder kompletter Unterrichtsausfall: Die Schulen im Landkreis handhaben das im Fall des Sturmtiefs „Ylenia“ unterschiedlich.
Lernen zu Hause oder kompletter Unterrichtsausfall: Die Schulen im Landkreis handhaben das im Fall des Sturmtiefs „Ylenia“ unterschiedlich. © IMAGO-Images/Shotshop

Das Sturmtief „Ylenia“ sorgte nicht nur für Feuerwehr- und Polizeieinsätze, sondern auch für Unterrichtsausfall. Damit gingen die Schulen im Südkreis allerdings unterschiedlich um: Während die einen via Video lernten, hatten andere einen freien Tag.

Rotenburg – Für viele Eltern ist es am Mittwoch vermutlich eine Hängepartie: Was ist mit dem Schulunterricht am Donnerstag, wenn das Sturmtief „Ylenia“ tobt“? Die Handy-App des Landkreises bleibt lange stumm, auch auf der Website keine Nachricht. Gegen 23 Uhr kommt dann die Ansage via Push-Benachrichtigung: In den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen im Landkreis fällt am Donnerstag der Unterricht aus.

Und so bleiben auch in Sottrum die Klassenräume und Flure leer, der Unterricht findet allerdings trotzdem statt. Erst vor Kurzem hat die Schule ihren Ausbau der digitalen Infrastruktur abgeschlossen, gelernt wird nun – wie schon in Lockdown-Zeiten – auf Distanz und von Zuhause aus. Schon in der Nacht hat Schulleiter Ferdinand Pals Schüler und Lehrer entsprechend informiert.

Er lobt Landrat Marco Prietz (CDU) dafür, dass er die Möglichkeit des Distanzunterrichts bei der Verkündung des Schulausfalls berücksichtigt hat. „Wenn man die Möglichkeiten hat, dann soll man sie auch nutzen dürfen“, sagt Pals. Zudem müssten so auch nicht die Lehrer den unsicheren Weg in die Schule antreten.

Ansage kam zu spät

Anders handhaben es die Eichenschule in Scheeßel, das Rotenburger Ratsgymnasium und die Oberschule in Visselhövede. Einen Unterricht auf digitalem Weg via Videokonferenzen gibt es dort nicht: „Die Ansage mit dem Ausfall kam zu spät, da war es nicht mehr möglich, Onlineunterricht zu organisieren und die Schüler dazu zu verpflichten“, sagt Christian Birnbaum, Leiter der Eichenschule. Grundsätzlich sei die Schule ausgerüstet dafür – „aber nur bei entsprechender Vorlaufzeit“. Man müsse ja alle erreichen. Immerhin: Über ein Aufgabenmodul haben die Lehrer den Schülern etwas Arbeit nach Hause geschickt.

Nach Hause geschickt werden auch die drei Schüler, die trotz Warnung morgens in der Schule aufkreuzen: „Ein Schüler konnte zu Fuß wieder nach Hause gehen, da der Vater dort im Homeoffice arbeitet, die beiden anderen waren Oberstufenschüler und per Auto hier. Auch die sind wieder umgedreht“, so Birnbaum. Um für den Notfall eine Betreuung zu gewährleisten, seien Lehrer vor Ort. „Da haben wir eine Stammbelegschaft, die dann hier ist.“

Schule am Freitag? Vermutlich – Landkreis behält Wetterlage im Blick

Die Absage des Präsenzunterrichts an allen Schulen kam spät am Mittwochabend – erst gegen 23 Uhr und damit für viele Eltern zu spät, um noch eine notwendige Betreuung zu organisieren. Dieses Problem ist den Verantwortlichen im Kreishaus durchaus bewusst. Und deswegen meldeten sie sich am Donnerstagnachmittag frühzeitig zum Thema zu Wort. Allerdings: Mit definitiven Aussagen mussten sie sich noch zurückhalten, da die Prognosen zur Wetterlage schwankten. Die Tendenz ist zunächst: Der Unterricht kann wieder wie gewohnt stattfinden. Eine konkrete Gefahr für den Weg zur Schule war für den Freitagmorgen zunächst nicht absehbar.
Einen allgemeinen Schulausfall hat es sturmbedingt im Landkreis Rotenburg seit einigen Jahren nicht gegeben: Zuletzt Anfang Dezember 2013 war dieser wegen des Orkans „Xaver“ von der Kreisverwaltung angeordnet worden. Vor einem Jahr am 8. Februar war es dann der viele Schnee, der den Schulweg zu gefährlich machte und die Kreisverwaltung zum Handeln zwang. Die Sturmlage jetzt beobachte man weiterhin genau. Sollte sich die Lage entgegen der Unwetterprognose vom Donnerstag doch noch in der Art verschlechtern, werde kurzfristig über einen Unterrichtsausfall entschieden und direkt über die kostenlose Landkreis-App („Landkreis ROW“) und die Seite der Verkehrsmanagementzentrale Niedersachen (www.vmz-niedersachsen.de) informiert.   mk

„Tatsächlich entspannt“ ist laut Ronny Wieland, Schulleiter der Oberschule Visselhövede, die Situation dort. „Wir haben unmittelbar nach der Meldung Mittwochabend die Schüler über Iserv informiert.“ Wie in Scheeßel haben sich in Visselhövede lediglich drei Schüler den Weg zur Einrichtung gemacht. „Die Schule ist seit 7.30 Uhr besetzt, von daher wäre auch die Betreuung sichergestellt gewesen. Online-Unterricht gäbe es nicht, so Wieland. „Das bekommen wir auch so hin.“ Theoretisch sei der digitale Schulbetrieb möglich, „aber das war mit der Meldung gestern Abend ein wenig zu kurzfristig“.

Ähnlich sieht es Iris Rehder, Schulleiterin des Rotenburger Ratsgymnasiums: „Die Absage kam erfreulicherweise noch gestern Abend, aber eben gestern Abend spät. Ich habe heute Morgen um 6 Uhr auch schon einige Mails beantwortet. Aber jüngere Schüler bekommen das oft nicht so schnell mit, während es sich bei den Älteren zügig über Social Media herumspricht, dass der Unterricht ausfällt.“

Zwei Schüler sind es am Ende, die trotz Warnungen am Donnerstagmorgen beim Ratsgymnasium aufkreuzen, eine Schülerin bleibt vor Ort. „Viele Kollegen sind sicherheitshalber hergekommen – von daher haben wir heute einen sehr guten Betreuungsschlüssel“, sagt Rehder mit einem Lachen. Während das Mädchen ein paar Aufgaben macht und ansonsten liest, stehen für die gleich zu Hause gebliebenen Schüler Aufgaben in einem entsprechenden Iserv-Modul bereit. „Für Online-Unterricht war die Vorlaufzeit einfach zu kurz“, sagt – wie bereits Birnbaum und Wieland – auch Rehder. „Die Kollegen handeln da mit Augenmaß, das klären sie individuell, ob die Schüler diese Aufgaben machen.“

Wir haben immer wieder Unwetterwarnungen, die schnell wieder aufgehoben werden. Je länger wir warten, desto sicherer die Prognose.

Torsten Lühring

Zu spät sei die Meldung mit dem Schulausfall nicht gekommen, im Gegenteil, „wir waren noch recht früh“, sagt Torsten Lühring, Schuldezernent des Landkreises und Erster Kreisrat. „Normalerweise treffen wir so eine Entscheidung morgens um fünf Uhr. Denn – und das war auch dieser Tage so – wir haben immer wieder Unwetterwarnungen, die schnell wieder aufgehoben werden. Je länger wir warten, desto sicherer die Prognose.“ Im Augenblick der Entscheidung am Mittwochabend ist es noch ruhig: „Wir hatten nirgendwo einen Baum auf der Straße, keinen Unfall. Aber trotzdem war die Entscheidung im Nachgang gut so, es geht immerhin um die Sicherheit der Kinder“, so Lühring. „Die Eltern waren vorgewarnt, und wir haben die Informationen zeitnah verbreitet – unter anderem über Social-Media-Kanäle, das ging innerhalb von Sekunden.“ Distanzunterricht sei ja mittlerweile möglich – „und das haben einige Schulen im Landkreis heute auch gemacht“, sagt Lühring. Vorschreiben könne das der Landkreis allerdings nicht.

Künftig werde es vermutlich bei solchen Wetterlagen die Formulierung, dass der Unterricht ausfällt, so nicht mehr geben, macht Lühring deutlich. „Stattdessen wird nur noch der Präsenzunterricht ausfallen.“ Dadurch könne man künftiger etwas großzügiger mit den Warnungen umgehen. „Wir können zwar nicht bei jeder Unwetterlage warnen, aber von der Tendenz her abends früher entscheiden, denn natürlich brauchen die Eltern Planungssicherheit.“

Haben wir denn nichts gelernt?

Ein Kommentar von Michael Krüger

Erinnern Sie sich noch an die Pandemie? Richtig, da war ja was, und dann kommt jetzt auch noch plötzlich so ein Sturm daher. Hat erst einmal nichts miteinander zu tun, möchte man meinen. Ferdinand Pals beweist das Gegenteil: Der Schulleiter des Sottrumer Gymnasiums bleibt an diesem ersten sturmbedingten allgemeinen Schulausfall im Landkreis seit neun Jahren völlig entspannt, schreibt noch in der Nacht E-Mails an seine Lehrerkollegen und die Schülerschaft, am Donnerstagmorgen sitzen alle daheim vor ihren Bildschirmen und machen Schule. Das geht. Haben wir doch lange genug geübt! Das hat vor einem Jahr im langen Frühjahrslockdown sogar an vielen Schulen ganz wunderbar geklappt. In Sottrum weiß man: Es sind nur ein paar Klicks, es muss ein wenig improvisiert werden, vielleicht bleibt der ein oder andere so spontan technisch auf der Strecke. Aber: Es findet, Sturm hin oder her, Unterricht statt. Oder etwas in der Art. Und andere? Es gibt einige Schulen im Landkreis, da passiert an diesem Donnerstag gar nichts. Kein Kontakt über längst bewährte Module wie Iserv, keine Aufgaben, keine Angebote. Es passiert einfach nichts. Jugendliche freut das, und ein ausgefallener Schultag verbaut ehrlicherweise auch nicht den Lebensweg. Aber darf man denn nicht bitte kritisch fragen: Was machen die Schulen an einem solchen Tag eigentlich? Was machen die Lehrer? Hof fegen, Tee trinken, Olympia gucken? Man ist geneigt, immer viel auf nicht funktionierende Bildungspolitik zu schimpfen. Aber dass offenbar manche aus zwei Jahren Pandemie offenbar gar nichts gelernt haben, ist wirklich ein Armutszeugnis.

Auch interessant

Kommentare