„Möge die Übung gelingen“

Stunt-Show-Katastrophe in Rotenburg: Schlechte Scherze, kaputtes Licht und unzufriedene Behörden

Der Veranstalter verspricht Europas größte „Stunt & Action Show“. Was die Zuschauer bekommen ist wohl so etwas wie das Gegenteil. Auf dem Rotenburger Flugplatz enttäuschte das Unternehmen Roselly auf ganzer Strecke.

Rotenburg – Zum Sonnenuntergang fegt ein empfindlich kalter Wind über den Rotenburger Flugplatz. Die Show beginnt am Mittwochabend später als angekündigt. „Die Behörden haben uns ganz schön auf Trab gehalten“, sagt Geschäftsführer Hendrik Kortekamp. Die Wartezeit verbringen die Gäste damit, über die beiden Monster-Trucks zu staunen – zwei mächtige Geschosse mit 720 und 800 PS unter der Haube. Die sind bestimmt laut.

Rotenburger Publikum wartet bis zum Schluss

Einige Eltern setzen ihrem Nachwuchs daher präventiv einen Gehörschutz auf – man kann ja nie wissen. Schließlich kündigt das Unternehmen Roselly Europas größte „Stunt & Action Show“ an. Mehr als 200 Besucher lassen sich auf dieses Versprechen ein – und die meisten von ihnen bleiben tatsächlich bis zum Schluss. Trotz der Kälte, trotz der langen Wartezeit.

Mit riesiger Kraft: Das 720-PS-Monster zermalmt vier Autos.

Das Programm ist schnell beschrieben: Die vier Fahrer lassen Reifen qualmen, fahren ihr Motorrad auf einem, das Quad und mehrere Autos auf zwei Rädern. Das kann nicht jeder. Und auch Feuer ist im Spiel. Mal lässt ein Biker seine Maschine fliegen oder rast durch einen brennenden Holzrahmen, ein Kollege nimmt das alte Auto, um eine in Flammen stehende Holzwand zu durchbrechen. Das muss man sich erst einmal trauen.

Monster-Trucks das Highlight des Abends

Die Kinder machen große Augen. Und ihre Eltern zeigen sich wacker, um den Nachwuchs nicht zu enttäuschen. Schließlich stehen da ja noch die beiden Monster-Trucks auf dem großen Anhänger. Solche, wie sie auch auf den Plakaten zu sehen waren und auf die für Erwachsene 21 Euro teuren Eintrittskarten gedruckt sind. Das Beste kommt allerdings zum Schluss. Also geht das Warten auf das „Main Event“ weiter.

Bis dahin gibt es eher schlechte Scherze vom Moderatoren-Platz. Und man verkneift es sich nicht, immer wieder den Applaus der Zuschauer herauszufordern und weist – in vorauseilendem Gehorsam an potenzielle Kritiker gerichtet – darauf hin, dass fürs Entzünden der Feuereinlagen nur Waschbenzin zum Einsatz komme. Der Umwelt zuliebe.

Lichtausfall vor dem Auftritt vom vierjährigen Simon

Mitten in der Show geht das ohnehin spärliche Licht aus. So langsam kann einem das Roselly-Team fast leidtun. Ausgerechnet jetzt, da der jüngste Fahrer – Sohn Simon ist gerade erst vier Jahre alt – mit seinem Mini-Motorrad über eine etwa 15 Zentimeter hohe Rampe springen will. Egal: Papa schmeißt einen 3er BMW an und schaltet das Abblendlicht ein. „Möge die Übung gelingen“, tönt es aus den Boxen. Applaus!

Er hat’s drauf: Quad-Fahren auf zwei Rädern.

Irgendwann, so kurz vor 21 Uhr, ist die Show beendet. Sagt der Moderator – und erntet ein vorsichtiges „Buuuhhh“ von den Zuschauern. Nein, Scherz! Gleich kommen ja noch die Monster-Trucks. Gleich ist aber relativ – denn erst einmal müssen die Fahrer alles dafür vorbereiten. Knapp eine halbe Stunde dauert das. Schlechte Musik dröhnt derweil aus den Boxen. Immerhin: Das schwache Licht ist wieder an.

Tja, und dann kommt das „Main Event“. Die beiden Boliden mit den dicken Reifen zermalmen vier Schrottautos. Dann ist aber wirklich Feierabend. Fast. Denn zu vorgerückter Stunde öffnen sich die Türen der Monster-Trucks für die Besucher. Wer mitfahren möchte, ist herzlich eingeladen. Viele gehen nun jedoch nach Hause.

Ordnungsamt Rotenburg: Roselly hat Auflagen teilweise nicht erfüllt

Ordnungsamtsleiter Frank Rütter ist da schon lange weg. Aber die Veranstalter werden von ihm noch hören. Denn: „Sie haben von uns vor der Veranstaltung eine Verfügung bekommen, die Auflagen aber teilweise nicht erfüllt.“ Jetzt wird eine Geldstrafe fällig, denn es gehe um die Sicherheit der Zuschauer. Rütter: „So etwas habe ich bislang noch nicht erlebt.“

Später als gedacht: Die rund 200 Zuschauer müssen lange warten.

Kommentar von Guido Menker: Alles andere als zeitgemäß

Wenn das, was die rund 200 Zuschauer am Mittwochabend auf dem Rotenburger Flugplatz erlebt haben, die größte „Stunt & Action Show“ Europas gewesen sein soll, muss an der Qualität dieser Unterhaltungssparte gezweifelt werden. Denn viel schlechter kann eine solche Veranstaltung kaum noch sein. Das war nichts. Nichts, was mit gut gemachter Unterhaltung zu tun hat, die vom Können der Akteure lebt.

Zudem wird völlig sinnlos Benzin verbrannt. Die Fahrer lassen Reifen durchdrehen, bis sie qualmen, Funken sprühen und platzen. Die Männer mit dem „Benzin im Blut“ glänzen damit, dass sie von guter Unterhaltung so wenig verstehen, wie der Tischler von einer Motorreparatur. In Zeiten, da der gesellschaftliche Fokus mehr und mehr auf die Fragen des Klimawandels gerichtet ist und jeder noch so kleine Beitrag helfen kann, der Umwelt Schutz zu geben, ist es absolut unangebracht, das Verlangen nach Unterhaltung mit verbranntem Benzin und übel riechendem Qualm durchdrehender Reifen zu stillen. Das ist alles andere als zeitgemäß.

Rubriklistenbild: © Menker

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