Gruppen lassen die Nadeln zwischen den Fingern klappern

Rotenburg im Strickfieber für das „mittendabei“-Tipi

Silke Sackmann erklärt im MCH die Aktion.
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Silke Sackmann erklärt im MCH die Aktion.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Stimmung könnte kaum besser sein. Um einen großen Tisch herum sitzen zehn Frauen im Rotenburger Matthias-Claudius-Heim (MCH) zusammen. Die einen klönen unentwegt, die anderen lassen ihre Gedanken schweifen.

Nur eines haben alle gemeinsam: Sie beteiligen sich an der Strick-Aktion, die Silke Sackmann von der Werke-Stiftung „mittendabei“ initiiert hat. Bis zum Sommer soll ein großes, gestricktes Tipi entstehen, das sich aus 1 300 einzelnen, handgefertigten Teilen zusammensetzt. 700 Teile sind bereits fertig, noch bis Ende April sammelt Silke Sackmann die jeweils 15 mal 15 Zentimeter großen Strickstücke ein.

Margret Schwiebert ist 84 Jahre alt und lässt die Nadeln zwischen ihren Fingern klappern, ohne permanent darauf schauen zu müssen. Nebenbei erzählt sie viel lieber ein wenig. „Ich bin ein geselliger Mensch“, sagt sie. Sie stricke schon immer sehr viel, für die Kinder, für die Enkel, für die Urenkel. Und jetzt auch für die Stiftung der Rotenburger Werke. „Drei Teile habe ich bereits abgegeben“, erzählt sie stolz. Weitere sollen folgen, „aber jetzt muss ich erst noch etwas anderes fertigmachen“.

Tipi soll Wahrzeichen werden

Das Tipi soll Wahrzeichen der Stiftung werden. Und weil kein Teil davon wie das andere ist, werde es ein buntes Zelt – „so bunt wie unsere Gesellschaft“, freut sich Silke Sackmann schon jetzt auf das Ergebnis. Junge und alte Menschen beteiligen sich gleichermaßen an der Aktion, gestrickt wird also nicht nur im Seniorenheim, sondern auch in der Schule, in der Kirchengemeinde, bei Landfrauen-Treffen und in den Rotenburger Werken. 

„Wir fügen am Ende alles zu etwas Großem zusammen, und jeder Teilnehmer ist dann eben Teil dieses Gemeinschaftswerkes“, erklärt Sackmann den Frauen am Tisch im Matthias-Claudius-Heim.

Stricken ist nicht schwer, sagen die, die es können.

Fünf Meter soll das Zelt am Ende hoch werden. Ist es erst einmal fertig, wird aber es nicht in einem Karton verschwinden. „Wir werden viele verschiedene Gelegenheiten nutzen, um es aufzustellen“, erklärt die Initiatorin, während neben ihr fleißig gestrickt wird. Im Rathaus könnte es einmal stehen, im Kantor-Helmke-Haus, in der Kirche, bei den Rotenburger Werken oder bei gutem Wetter auch draußen bei größeren Veranstaltungen, wie dem Kartoffelmarkt, bei La Strada oder zu anderen Anlässen, bei denen Menschen zusammenkommen. Die Einweihung des Zeltes ist für September auf dem Hartmannshof geplant. Bis dahin ist aber noch sehr viel zu tun.

Natürlich müssen erst einmal alle Teile angefertigt werden, doch damit allein ist es eben nicht getan, erzählt Sackmann den Frauen, die natürlich wissen wollen, wie es mit dieser Aktion weitergeht. Eine Künstlerin wird sich der Teile annehmen und diese schließlich so anordnen, dass sich Julia Hahn – sie ist eine Übungsleiterin bei den Rotenburger Werken – und Angela Oerter-Will – eine Patchwork-Künstlerin aus Sottrum – an die Arbeit machen und alle Teile zusammennähen können. 

Das Geld dafür sowie für die Wolle und die Zeltstangen – es geht um 5.000 Euro – kommt aus dem Klingelbeutel und erreicht die Werke-Stiftung über eine entsprechende Verteiler-Stelle des Diakonischen Werkes. Silke Sackmann hatte mit einem entsprechenden Förderantrag Erfolg.

Stricken macht Freude. Das ist nicht zu übersehen.

Stricken macht Freude und beruhigt, sagen die älteren Damen, während sie ihre wöchentliche Strickstunde im MCH genießen. „Das ist doch besser, als alleine in der Wohnung zu sitzen“, erklärt Margret Schwiebert. Es gehe eben auch um eine gute Sache. „Was wir dafür tun können, machen wir doch gerne“, fügt eine Tischnachbarin hinzu. Manchmal sei auch ein Mann dabei. 

Silke Sackmann hat also das Strickfieber ausgelöst, und Heinz Gehnke, den viele aus dem Rotenburger Info-Büro kennen, hat die Damen im MCH angesteckt. „Wir können nicht nein sagen“, meint Martina Fröse-Kühling, die Leiterin des Sozialen Dienstes. Und auch die Pflegedienstleiterin Susanne Möller ist mit von der Partie, wenn es ihre Zeit erlaubt.

„Jeder so, wie er gestrickt ist“ – unter dieses Motto stellt Silke Sackmann die Aktion, von der sie anfangs selbst nicht wissen konnte, wie sie sich entwickeln würde. Doch es läuft prächtig. „Und es ist zum Teil mit wirklich rührenden Erlebnissen verbunden.“ Schließlich falle es vielen gerade älteren Menschen nicht immer leicht, mit den Nadeln aus einem dünnen Faden die kleinen Kunstwerke entstehen zu lassen. „Aber sie machen es trotzdem – und wenn es noch so lange dauert.“

Einmal in der Woche treffen sich die Strickerinnen im MCH.

Bunt und ganz unterschiedlich gemustert liegen die ersten weiteren Exemplare auf dem Tisch, die Sackmann an diesem Nachmittag wieder mitnehmen kann. Einige davon sind gehäkelt, aber auch das ist völlig in Ordnung. So sieht es auch Heinz Gehnke, der die neuerliche Strickbegeisterung im MCH ausgelöst hat – und er berichtet von ähnlich fieberhaften Kolleginnen im Rotenburger Rathaus. Wenn das alles so weitergeht, sollte es keine Probleme geben, auch noch die letzten 800 benötigten Teile zusammenzutragen. Schließlich sind so viele Rotenburger, Sottrumer und Ahauser „mittendabei“.

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