Ina Helwig freut sich auf neuen Co-Parteichef

„Lars Klingbeil steht für mehr Deutlichkeit“

Ina Helwig ist SPD-Unterbezirksvorsitzende und findet, Lars Klingbeil ist der richtige Partei-Chef.
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Ina Helwig ist SPD-Unterbezirksvorsitzende und findet, Lars Klingbeil ist der richtige Partei-Chef.

Rotenburg – Die SPD hat einen guten Lauf. Olaf Scholz grüßt seit Mitte der Woche als Bundeskanzler, weil es seine Partei geschafft hat, als stärkste Kraft aus der Bundestagswahl hervorzugehen. Die Zahl der Mitglieder steigt. Und an diesem Wochenende wird sie aller Voraussicht nach Lars Klingbeil, den Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Rotenburg I - Heidekreis sowie bisherigen Generalsekretär, zum neuen Co-Vorsitzenden neben Saskia Esken wählen.

Grund genug also, sich mit Ina Helwig, der neuen Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks Rotenburg, zu unterhalten.

Frau Helwig, im März haben Sie kurz nach Ihrer Wahl zu uns über die SPD gesagt: „Was ich mir wünsche, ist an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr Deutlichkeit bei dem, wofür wir stehen.“ Wofür steht die SPD jetzt?

Die SPD steht für soziale Gerechtigkeit für alle Menschen in unserem Land. Und ich denke, dass viele Themen, die auf Bundesebene erarbeitet werden, runtergebrochen werden müssen auf unsere kommunale Ebene.

Haben Sie den Koalitionsvertrag gelesen?

Ich habe ihn quergelesen und bin bei den Themen, die für mich wichtig waren, länger hängen geblieben.

Wo sind genau Sie denn hängen geblieben?

Das Thema Kinder-Grundsicherung ist natürlich eines, das mich sehr interessiert. Schließlich habe ich mit vielen Familien in meinem Berufsalltag zu tun.

An welcher Stelle hätte das „Ampel“-Programm deutlicher sein müssen?

Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt für mich gar nicht so sagen. Ich schaue mehr darauf, wie es jetzt umgesetzt wird. Das ist mir wichtig.

Wie profitiert unsere Region von der „Ampel“?

Was mir sofort einfällt, ist das Thema Breitbandausbau und Handynetzversorgung. Da können wir in unserer Region nur profitieren. Es wurden Themen im Koalitionsvertrag festgehalten, von denen nicht nur wir hier, aber eben auch unsere Region profitieren wird. Das sind zum Beispiel die Kinder-Grundsicherung und der Mindestlohn, der auf zwölf Euro steigen wird. Außerdem wird die Teilung des CO2-Preises zwischen Vermietern und Mietern vielen Menschen auch in unserer Region zugutekommen. Und nicht zuletzt auch die Aufhebung des Paragrafen 219a), wodurch zum Beispiel mehr Aufklärung für die Frauen gegeben ist, wenn sie in eine Konfliktsituation durch eine Schwangerschaft kommen.

Lars Klingbeil soll nun Parteichef werden. Warum hat er das verdient?

Lars Klingbeil hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er nah bei den Menschen ist. Obwohl er in Berlin stark eingebunden ist, ist er oft hier vor Ort unterwegs und will wissen, was die Menschen bewegt. Als Generalsekretär hat er einen Wahlkampf angeführt, der die Leute mitgenommen hat. Das hat sich letztendlich auch im Wahlergebnis widergespiegelt. Ich freue mich auch besonders darüber, dass er es voll und ganz unterstützt, dass die SPD jünger und auch weiblicher wird und Frauen damit eine Chance bekommen, politische Verantwortung zu übernehmen.

Was muss er als Vorsitzender denn anders machen als seine Vorgänger der vergangenen Jahre?

Er muss gar nicht unbedingt etwas anders machen als seine Vorgänger, sondern damit weitermachen, was er angefangen hat.

Steht er denn für die von Ihnen geforderte Deutlichkeit in der SPD?

Ja, ich finde, Lars Klingbeil steht für mehr Deutlichkeit. Und er bekommt den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Menschen, die er hier vor Ort wahrnimmt, und seiner pragmatischen Herangehensweise ganz gut hin.

Lars Klingbeil ist anzumerken, dass er längst auf der großen Politik-Bühne angekommen ist. Was macht das aus Ihrer Sicht mit der Bindung zum eigenen Wahlkreis, zu den Menschen vor Ort und auch zu den Parteifreunden an der Basis, wie nehmen Sie dieses Verhältnis wahr?

Das Verhältnis nehme ich als sehr gut wahr. Ich kann für mich auch nicht sagen, das Gefühl zu haben, dass sich da etwas geändert hat. Lars hat in Berlin unheimlich viel zu tun. Er hat aber ein großes Netzwerk an Mitarbeitern, die sich sehr gut um unsere Belange hier vor Ort kümmern. Und auch Lars selbst ist eigentlich zu jeder Zeit ansprechbar für uns, wenn wir etwas auf dem Herzen haben.

Besteht trotzdem die Sorge, dass er künftig für seinen Wahlkreis keine Zeit mehr hat?

Nein, die Sorge besteht überhaupt nicht.

Warum nicht?

Seitdem ich Unterbezirksvorsitzende der SPD bin, kann ich nur betonen, dass stetig eine Erreichbarkeit da ist, wenn es drauf ankommt.

Wann wollen Sie selbst in den Bundestag?

Meine Ambitionen liegen zurzeit darin, mich weiter in die kommunalpolitischen Themen einzuarbeiten und in die Rolle der Unterbezirksvorsitzenden hineinzuwachsen. Dieses Ehrenamt macht mir viel Spaß. Weitere politische Aufgaben hätten derzeit keinen Platz in meinem Leben, weil ich zwei tolle Kinder habe, die meine Zeit brauchen. Hinzu kommt mein Job bei Simbav.

Wie waren denn die ersten Wochen und Monate in der Lokalpolitik für Sie?

Es war schon aufregend. Das ganze letzte Dreivierteljahr war aufregend. Nils Bassen und ich haben als junge Doppelspitze den Vorsitz im Unterbezirk übernommen und sind direkt in einen turbulenten Wahlkampf gestartet. Wir haben viele neue Leute kennengelernt und uns total über das Wahlergebnis auf Bundesebene, aber auch hier vor Ort gefreut. Danach tat es gut, dass die inhaltliche Arbeit in den Fraktionen losging.

Inzwischen haben Sie selbst Mandate im Kreistag und im Stadtrat. War das eigentlich so geplant?

Das war das, was eigentlich geplant war. Ich bin seit 2014 Mitglied in der SPD. Im vergangenen Jahr bin ich mehrfach gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, politische Verantwortung zu übernehmen. Das habe ich sacken lassen und dann entschieden, mich für die Kommunalwahl zur Verfügung zu stellen. Was aber eher spontan kam, war die Übernahme des Unterbezirksvorsitzes.

Aber das haben Sie nicht bereut, oder?

Nein. Das sind viele Erfahrungen, die ich machen durfte. Deshalb freue ich mich auch auf die kommende Zeit.

Was auffällt, ist die niedrige Frauenquote in den Räten und auch im Kreistag. Was läuft da falsch?

Zunächst kann ich feststellen, dass die Frauenquote der SPD auf Landesebene, aber auch auf kommunaler Ebene bei 40 Prozent liegt. Faktisch lässt sich das nicht immer und überall umsetzen, weil uns Frauen immer noch viel zu sehr fehlen. Daran müssen wir vor allem auf kommunaler Ebene arbeiten, indem wir uns genau anschauen, an welchen Stellen es hakt. Es wird immer wieder eingefordert, dass wir Frauen und junge Menschen in die Politik bekommen. Junge Frauen haben aber zumeist Kinder und können sich nicht nur auf die politische Rolle einstellen, sondern wollen auch für ihre Kinder sorgen. Da geht es dann also um die Vereinbarkeit von Familie und Politik. Da lässt sich viel verbessern.

Nervt es Sie, dass es jetzt nicht einmal eine Vizekanzlerin gibt?

Ich kann nicht sagen, dass es mich nervt. In erster Linie finde ich es richtig, dass die Ämter gut besetzt werden. Dennoch sehe ich es als notwendig an, dass wir genau hingucken und uns fragen, warum es nicht möglich geworden ist, einen Posten mit einer Frau zu besetzen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich daher ja auch die Frage, ob es der SPD nicht gut zu Gesicht stünde, für die Wahl des Bundespräsidenten im nächsten Jahr eine Frau zu nominieren. Ist das für Sie eine Überlegung, die ansteht?

Aus meiner Sicht ist es immer zu überlegen, ob man für die Besetzung hochrangiger Ämter eine Frau findet, die den Job genauso gut ausfüllen kann wie ein Mann. Man sollte also auf jeden Fall an dieser Stelle darüber nachdenken.

Ein ganz anderes Thema: Brauchen wir jetzt eine Impfpflicht?

Eine Antwort darauf zu finden, fällt mir so schwer wie vielen anderen Menschen auch. Über dieses Thema bin ich mit vielen Menschen im Gespräch und merke auf der einen Seite, dass die Leute sich Klarheit wünschen, um vielleicht auch ein Stück der gefühlten Verantwortung abgeben zu können. Andererseits macht das Impfen der einen oder anderen Person aus meiner Sicht auch berechtigte Sorgen. Das betrifft zum Beispiel schwangere Frauen trotz einer Impfempfehlung. Sie müssen nicht nur für sich, sondern eben auch für ihr ungeborenes Kind entscheiden. Ihnen fällt es schwer, und dann frage ich mich, wie eine Impfpflicht an der Stelle umgesetzt werden soll. Aber ich sehe auch die große Spaltung unserer Gesellschaft, die wir nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Wir wissen nicht, was das alles in den nächsten Jahren anrichtet. Da ist dann vielleicht ein bisschen mehr Klarheit auch wichtig. Unter dem Strich bin ich sehr froh, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen.

Wie erklären Sie Ihren Kindern dieses Hin und Her , das sich aus den Corona-Verordnungen ergibt?

Sie haben sich selten beschwert. Aber wenn es um ihre Hobbys ging, war es oft nicht leicht zu erklären, warum man an der frischen Luft sein geliebtes Hobby nicht ausführen kann. Da gibt es natürlich Frust, und dem begegnet man am besten mit viel Verständnis.

Sie sind auch beruflich nah dran an den Kindern. Welche Folgen hat die Pandemie aus Ihrer Sicht für die Mädchen und Jungen?

Ich bin überzeugt davon, dass wir die Auswirkungen der Pandemie auf Kinder bezogen in den nächsten Jahren merken werden. Das wird meiner Meinung nach zu sehr unterschätzt. Man versucht vom Bund und vom Land viel aufzufangen, in dem Fördertöpfe geöffnet werden, um ihnen einen Ausgleich zu bieten. Das Allerwichtigste in so einer Pandemie ist es aber, dass Eltern Sicherheit haben und damit ihre Kinder in dieser Zeit gut begleiten können. Zu viel Druck auf den Kindern in dieser Zeit ist nicht gut. Es ist ja auch in anderen Situationen so, dass die Großen auf die Kleinen aufpassen. Wir sollten dafür sorgen, das nicht umzukehren. Wir sollten den Kindern also nicht das Gefühl geben, dass sie dafür zuständig sind, durch ihr Verhalten auf die Gesellschaft aufzupassen. Kinder sind es in der ganzen Pandemiezeit, die besonders auf ihre Bedürfnisse verzichten mussten. Da müssen wir mit viel Verständnis reagieren – gelingt uns das, bin ich überzeugt davon, dass viele Kinder das schaffen. Besonders schauen muss man aber auf Kinder, die in ungünstigen häuslichen Situationen leben. Da müssen wir für genug Hilfestellung sorgen. Ich bin mir nicht sicher, dass wir das bislang ausreichend hinbekommen haben.

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