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Rotenburger Selbsthilfegruppe für Eltern mit psychischer Erkrankung

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Laden „Eltern mit Special Effects“ zum Austausch in die Selbsthilfegruppe ein: Verena Kimpel (v.l.), Tanja Dreifert und Veronika Czech.
Laden „Eltern mit Special Effects“ zum Austausch in die Selbsthilfegruppe ein: Verena Kimpel (v.l.), Tanja Dreifert und Veronika Czech. © Schultz

Eltern mit psychischen Problemen haben bald eine Anlaufstelle zum Austausch: In Rotenburg wird eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Rotenburg – Ein Kind großzuziehen ist eine Herausforderung; das geht bereits gesunden Eltern in vielen Fällen so. Eltern mit psychischer Erkrankung haben neben den üblichen Schwierigkeiten der Erziehung noch mit den eigenen Dämonen zu kämpfen. Von den Lösungen der anderen lernen, sehen, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist, Expertenwissen einholen:

All das wollen Tanja Dreifert und die Zentrale Informationsstelle Selbsthilfe Selbsthilfekontaktstelle im Landkreis Rotenburg Wümme (Ziss) interessierten und werdenden Eltern bieten.

Die Selbsthilfegruppe trägt den Titel „Eltern mit Special Effects“ und richtet sich speziell an Eltern mit psychischer Erkrankung. Inhaltlich geht es darum, was die jeweiligen Leiden für Auswirkungen auf die Eltern-Kind-Beziehung haben, wie sie sich auf den Alltag auswirken, was sich tun lässt, um Effekte abzufedern oder zu verhindern. „Sie soll nicht nur für mehr Stabilität bei den Eltern sorgen: Auch die Kinder haben mehr Ruhe, wenn Eltern durch den Erfahrungsaustausch handlungsfähiger werden“, sagt Ziss-Sprecherin Veronika Czech.

„Ich hätte viel dafür gegeben, wenn es so ein Angebot schon während meiner Schwangerschaft gegeben hätte“, sagt Tanja Dreifert. Die Mutter einer inzwischen zweijährigen Tochter hat mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen und leidet darüber hinaus an einer sogenannten Borderline-Störung. Betroffene hätten bei Letzterem oft mit einem emotionalen Ungleichgewicht zu kämpfen, erläutert Veronika Czech. „Das führt dazu, dass ich eher ungeduldig bin und auch schnell laut werde“, schildert Dreifert als Betroffene die Auswirkungen auf die Beziehung zu ihrer Tochter. Zudem könne die Mutter ihrer Tochter nicht immer auf Abruf die Liebe geben, die sie brauche. Und letztlich sorgt die emotionale Unausgewogenheit auch mal für Konflikte:. „Wir ecken oft an“, fasst die Mutter zusammen. Das alles koste viel Kraft – letztlich gehe es bei der Elternschaft mit psychischer Erkrankung auch viel um das Haushalten mit der eigenen Energie, damit diese nicht nur für die Bewältigung des Alltags reicht, sondern auch für den Nachwuchs: Der braucht Aufmerksamkeit, Interaktion, Zuneigung. „Und letztlich macht so eine Erkrankung ja auch etwas mit dem Kind“, sagt Czech. Das könne nicht nachfühlen, woher beispielsweise ein emotionaler Ausbruch kommt, spüre aber sehr wohl, dass etwas nicht in Ordnung sei. „Oft will das Kind dann auch helfen und verausgabt sich selbst dabei“, sagt die Ziss-Vertreterin. Daher sei auch die richtige Kommunikation der Problematik wichtig.

Treffen und Anmeldung

Wer bei den vierzehntägig anberaumten Treffen in den Räumen der evangelischen Lebensberatungsstelle in Rotenburg dabei sein möchte, meldet sich bei der ZISS in Rotenburg. Veronika Czech und Verena Kimpel sind erreichbar unter Telefon 04261/8518239 oder per E-Mail an ziss-rotenburg@t-online.de. Sprechzeiten sind montags, 11 bis 16 Uhr, sowie donnerstags 10 bis 15 Uhr. Die Gruppe richtet sich an Eltern mit regelmäßigem Kontakt zu ihrem Nachwuchs – also auch getrennt lebende Eltern sind willkommen, genauso werdende Eltern.

Gleichzeitig ist es so, dass das Spannungsfeld mit dem Alter des Kindes variiert: Während die Überforderung eines Elternteils mit Borderline gerade in der Zeit groß ist, in der das Kind seine Bedürfnisse noch nicht artikulieren kann, kommt es zu einer Entspannung, sobald es in der Lage ist, Probleme und Bedürfnisse anzusprechen. Mit der Pubertät könne es dann schon wieder schwieriger werden, sobald der Nachwuchs auch mal widerspricht oder sogar rebelliert. „Das ist dann ein anderer Stress, wenn sich die Kinder auch mal zu Wehr setzen“, sagt Czech.

Aus eigener Erfahrung weiß Dreifert, dass es auch vorher schon losgehen kann, dass auch werdende Eltern mit psychischer Erkrankung schon Ängste und Sorgen haben: Wie wirkt sich diese auf das kommende Kind aus? Kann es eventuell selbst erkranken? „Dazu gab es während meiner Schwangerschaft keine Ansprache. Natürlich gab es im Amt Menschen, die sich dazu belesen haben, mir fehlte aber jemand mit persönlicher Erfahrung zum Austausch“, schildert Dreifert.

Die neue Selbsthilfegruppe versteht die Ziss als Ergänzung zum Angebot „Kidstime“ – ein gemeinschaftlicher Workshop mit psychisch erkrankten Eltern und ihren Kindern. „Die Selbsthilfegruppe kann dazu dienen, dass die Eltern das Gelernte für sich noch einmal nacharbeiten“, sagt Veronika Czech. Das soll explizit ohne Kinder geschehen – daher auch die jeweiligen späten Treffen von 19 bis 21 Uhr. So haben die Eltern Gelegenheit, ihre Kinder zu versorgen, bevor es in die Gruppengespräche geht. Im Laufe des Dezembers soll es die erste Sitzung geben, weitere Treffen sind alle zwei Wochen ab Januar geplant.

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