Rotenburgs Klimaschutzmanagerin Meike Düspohl erzählt

„Wir haben eine Vorbildfunktion“

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Meike Düspohl: „Klimaschutz wird immer ein Thema bleiben.“ 

Rotenburg - Von Joris Ujen. Schmelzende Gletscher, ein ansteigender Meeresspiegel, zunehmende Wetterextreme und gefährdete Ökosysteme: Der Klimawandel ist kein Hirngespinst – wie es beispielsweise der amerikanische Präsident verkauft, sondern belegbar. Eine Kehrtwende muss her, auch in der Region. Dafür stellte der Landkreis Rotenburg vor genau drei Jahren eine Klimaschutzmanagerin ein. Seit ihrem Amtsantritt ist Meike Düspohl damit beauftragt, das Klimaschutzkonzept des Landkreises voranzubringen. Im Gespräch mit der Kreiszeitung schildert die 36-jährige gebürtige Bochumerin, was sie schon erreichen konnte und wo noch Handlungsbedarf besteht.

Frau Düspohl, Sie sind seit drei Jahren Klimaschutzmanagerin des Landkreises. Laut Gerd Hachmöller, Stabsstellenleiter Kreisentwicklung, ist geplant, eine Verlängerung der Förderung ihrer Stelle um zwei weitere Jahre zu beantragen. Was für ein Zwischenfazit ziehen Sie?

Meike Düspohl: Wenn man es genau nimmt, bin ich erst seit zwei Jahren Klimaschutzmanagerin, da ich zwischenzeitlich Mutter geworden bin. Als Fazit kann ich ziehen, dass es bisher eine erfolgreiche Zeit war, und wir schon viele tolle Projekte umgesetzt haben.

Was für Projekte sind das?

Düspohl: Ich habe beispielsweise Thermografie-Spaziergänge mit einer Wärmebildkamera gemacht. Dadurch kann ich sehen, welche Häuser ausreichend isoliert sind. Zudem habe ich eine Typologie von typischen Gebäuden im Landkreis durchgeführt, durch die Eigentümer erkennen können, wo eine Sanierung ratsam wäre.

Wie lässt sich der Erfolg Ihrer Arbeit messen?

Düspohl: Durch die Kampagne „clever heizen“ erhielt ich sehr viel positive Resonanz. Dafür haben vier qualifizierte Energieberater aus dem Landkreis 200 Personen beraten und ihnen Tipps zum Heizkostensparen gegeben. Einige Zeit später habe ich 20 von ihnen wieder angerufen. Insgesamt haben sie rund 30 000 Euro unter anderem für neue Heizkörper investiert. Auch wenn einige von ihnen gar nichts unternommen haben, zeigte mir die Evaluation, dass viele dir Beratung umgesetzt haben und es sich langfristig für sie auszahlen wird.

Ein messbarer Faktor sind ja auch die CO2-Emmissionen. Haben Sie dafür aktuelle Zahlen vorliegen?

Düspohl: Die letzte Erhebung dieses Messwertes ist rund sechs Jahre her, als auch das Klimaschutzkonzept an den Start ging. Wir haben gerade erst überlegt, eine aktuelle CO2-Bilanzierung durchzuführen, kamen aber zu dem Entschluss, dass dafür der Zeitraum noch zu kurz ist.

Und wie schlägt sich der Landkreis bezüglich der Nutzung von erneuerbaren Energien?

Düspohl: In dem Bereich stehen wir weiterhin sehr gut da. Aktuell werden hier etwa 150 Prozent Strom durch regenerative Energien produziert. Also anderthalb mal so viel wie der Landkreis verbraucht.

Auf welches Projekt sind Sie besonders stolz?

Düspohl: Die Erstellung einer kreisweiten Gebäudetypologie. Klingt überhaupt nicht spannend, da so etwas sehr technisch ist. Zumal es viele solche Erhebungen von Häusern gibt. Mit Herrn Hachmöller zusammen habe ich aber etwas Neues auf die Beine gestellt, was es so noch nicht gab.

Und zwar?

Düspohl: Wir haben uns Gebäude angeguckt, die typisch für den norddeutschen Raum sind. Und das sind landwirtschaftliche Gebäude, sprich Bauernhäuser. Dafür haben wir den Architekten Enno Precht aus Visselhövede beauftragt, Gutachten für diese Art von Häusern zu erstellen. Daran können die Bewohner sehen, wie viel Geld sie in die Hand nehmen müssen, um ihr Bauernhaus energetisch zu sanieren – zusammengefasst in einer Broschüre, die scheinbar guten Zuspruch gefunden hat, da sie ständig vergriffen ist. Toll ist dabei auch, dass dieser Ratgeber überregional Beachtung findet.

Wo gibt es diese Broschüre?

Düspohl: In Rathäusern und Bibliotheken beispielsweise. Aber auch bei Rohstoffhändlern im Landkreis, wo das benötigte Material für eine Sanierung direkt vor Ort ist.

Einige Bürger hatten die Möglichkeit, zehn Tage mit einem E-Auto zu fahren. Wie wurde das Projekt angenommen?

Düspohl: Unheimlich gut. 1 400 Interessenten haben an der Verlosung teilgenommen. Die 46 Gewinner waren überwiegend positiv überrascht von der neuen Erfahrung. Einige ärgerten sich jedoch, ständig nachdenken zu müssen, wo es eine nächste Ladestation gibt. Andere wiederum fanden genau das gut, weil sie dadurch ein bewussteres Fahrverhalten mit Blick auf die anzupeilenden Distanzen erfuhren.

Ladestellen für E-Autos gibt es im Landkreis ja nur ganz wenige. Ist das ein Problem?

Düspohl: Das finde ich nicht. Eine Studie befasste sich mit dem Ladebedarf, aus der hervorgeht, dass eine öffentliche Station im Alltag gar nicht nötig ist. Dort, wo das E-Auto länger steht, kann es auch oft aufgeladen werden. Sei es bei der Arbeit oder Zuhause über die Steckdose.

Beim Kreishaus steht sogar eine Schnellladestation. Wird diese genutzt?

Düspohl: Durchaus. Es steht fast immer jemand da. Nach 20 Minuten ist der Akku aufgeladen.

Welche Klimaschutz-Maßnahme muss noch mehr Aufmerksamkeit erhalten?

Düspohl: Wenn es windig und sonnig ist, wird im Landkreis und bundesweit mehr Strom produziert, als benötigt wird. Wenn es im Winter dunkel und windstill ist, produzieren wir hingegen fast nichts durch erneuerbare Energien. Deswegen müssen wir uns in Deutschland massiv Gedanken machen, wie wir diesen Strom speichern können. Erste Prototypen von Energiespeichern werden bereits getestet.

Es gibt viele Klimawandelskeptiker, ein ganz berühmter und mächtiger sitzt im Weißen Haus in Washington. Was halten Sie von dieser Sichtweise?

Düspohl: Das ist eine sehr schwierige Frage. Hier im Landkreis gibt es auch Skeptiker. Viele fragen sich, was ein Klimaschutzprogramm in unserer Region bringt. Der Einfluss des Klimaschutzes ist im Vergleich zu großen Schwellenländern ein ganz anderer. Ist dort ein gewisser Wohlstand erreicht, ist vielleicht auch das Interesse am Klimaschutz größer in den werdenden Industrienationen. Und dann schauen sie vielleicht nach Deutschland, wo sie sich unsere Maßnahmen abgucken. Wir haben sozusagen eine Vorbildfunktion. Selbst wenn es keinen Klimawandel geben würde, sind die fossilen Brennstoffe endlich.

Stoßen Sie eigentlich auf viele Hürden in Ihrem Beruf als Klimaschutzmanagerin?

Düspohl: Ich glaube, die größte Hürde, die es aktuell gibt, ist der niedrige Energiepreis. Prognosen vor nicht allzu langer Zeit hatten noch das Gegenteil behauptet. Für die Wirtschaftlichkeit vieler Klimaschutz-Projekte ist das der Tod und eine Kehrtwende nicht absehbar.

Höhere Anschaffungskosten für beispielsweise einen energieeffizienten Kühlschrank schrecken viele Menschen ab. Wie kann der Bürger überzeugt werden, aktiv am Klimaschutz teilzunehmen?

Düspohl: Die Stiftung Warentest hat dazu einen interessanten Vergleich aufgestellt. Ein effizienter Kühlschrank kostet demnach nach 15 Jahren Gebrauch etwa 600 Euro an Stromkosten. Ein normaler Kühlschrank hat in dieser Zeitspanne hingegen mehr als 2 000 Euro verbraucht. Eine simple Rechnung, die aufgeht, und auch an Verkäufern herangetragen werden sollte.

Ihr Vertrag würde inklusive einer Verlängerung im Jahr 2021 enden. Was haben Sie dann vor?

Düspohl: Ich arbeite und wohne total gerne in Rotenburg. Das Thema Klimaschutz finde ich sehr spannend, weil es so divers ist. Aber ich komme ja aus dem wissenschaftlichen Bereich. Dass Projekte im Schnitt drei bis fünf Jahre dauern, ist auch ganz gut so. Einfach aus dem Grund, dass man mit etwas fertig wird auf das man stolz sein kann – auch wenn der Klimaschutz immer ein Thema bleiben wird.

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