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Rotenburg: Raketenflüge für die Wissenschaft

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Von: Andreas Schultz

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Christina Nadolsky hält einen der dosenförmigen Satelliten in der Hand und erklärt währenddessen einem Kamera-Team Details.
Der „CanSat“-Wettbewerb interessiert auch das Fernsehen. Christina Nadolsky erklärt den Zuschauern, was es mit den Satelliten in Dosengröße auf sich hat. © Schultz

Das Deutsche Luft- und Raumfahrzentrum (DLR) richtet am Rotenburger Flugplatz den CanSat-Wettbewerb aus: Schülergruppen lassen ihre selbstgebauten Mini-Satelliten in den Himmel schießen.

Rotenburg – Ein lautes, lang gezogenes Zischen begleitet den Funkenflug, der aus dem unteren Ende der Rakete hervordringt. Als sich der Flugkörper geschwind in den grauen Himmel verabschiedet, bleiben am Boden des Rotenburger Flugplatzes eine Rauchwolke und ein Team des Deutschen Luft- und Raumfahrzentrums (DLR) zurück. Das richtet die achte Auflage des „CanSat“-Schülerwettbewerbs aus: Jugendliche schießen im Namen der Wissenschaft dosenförmige Satelliten in den Himmel.

Acht Teams, bestehend aus Schülern im Alter von 14 Jahren aufwärts, haben in den vergangenen sechs Monaten an Protypen für die Satelliten im Miniformat gearbeitet. Die rund 250 Gramm schweren Kleingeräte, die sich in etwa 600 Metern Höhe aus der Rakete lösen, sollen im Fall Luftdruck und Temperatur messen. Jedes Team kann sich außerdem eine Zusatzaufgabe ausdenken. So hat eine Gruppe ihren Satelliten mit drei Gasbeuteln ausgestattet, die in unterschiedlichen Höhen Luftproben nehmen. Diese sollen im Nachgang mithilfe eines Gaschromatografen ausgewertet werden.

Eine Modellbaurakete startet vom Flugplatz Rotenburg.
Wie eine Rakete vom Rotenburger Flugplatz startet, sehen Passanten doch eher selten. © Schultz

Es piept in unregelmäßigen Abständen. Die von Schülern in einen der Satelliten einprogrammierten Tonsignale helfen Christina Nadolsky, Hauptorganisatorin des Wettbewerbs, die per Fallschirm zu Boden geglittenen Stücke zu finden. So ist auch eine der Dosen direkt zu hören, als sie und Helfer hastig aus dem heranbrummenden alten VW Bus aussteigen, mit dem das Team bei der Suche über das Feld am Flugplatz brettert. Nicht alle Satelliten tauchen direkt wieder auf, schon beim ersten Start ging einer verloren. „Finden wir noch. Wir haben eine gute Erfolgsquote“, sagt die 24-jährige Studentin und präsentiert den gerade geborgenen CanSat mit einem zufriedenen Lächeln.

Zwischen den Starts ist es vergleichsweise ruhig – zu ruhig für einen Wettbewerb, der junge Physikinteressierte ansprechen soll. Das DLR hat den Wettbewerb in diesem Jahr aufgrund der Pandemie coronakonform geplant. Die acht teilnehmenden Teams aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg bleiben zu Hause, statt am Austragungsort in Rotenburg mitzufiebern. „Das ist schade“, findet Dirk Stiefs, der im Normalbetrieb das DLR-Schülerlabor in Bremen leitet. Die Stimmung, wie sie aufgeregte Schüler-Teams sonst mitbringen, bleibe leider aus. Und auch das Verfahren ist etwas anders: Normalerweise würden die Schüler ihre Projekte selbst für den Start fertigmachen. Nun übernehmen das zwei Helfer des DLR-Teams, die sich dabei auf Anleitungen stützen, die die Schüler zu ihren Geräten verfasst haben.

Raketenexperte Luis Schreyer beobachtet seinen Kollegen dabei, wie dieser die dosenförmigen Satelliten in die Rakete lädt.
Raketenexperte Luis Schreyer (r.) hat ein wachsames Auge auf den Ladeprozess. Die „CanSats“ müssen so platziert sein, dass sich die gefalteten Fallschirme beim Abwurf öffnen können. © Schultz

Das Funkgerät knackt. „Wir wollen gleich wieder starten“, sagt Stiefs in das kleine, orange Gerät. „Geht klar, ist nichts angemeldet“, gibt die Luftsicherheit zurück. Derweil bestücken Raketenstarter Luis Schreyer und ein Kollege die Rakete ein weiteres Mal. Dosen rein, prüfen, ob sie locker sitzen, damit sie im Flug auch aus dem Raketenmodell fallen können, Klappe drauf. „Die Elektronik in der Spitze sorgt dafür, dass die Klappe sich im richtigen Moment öffnet“, erklärt Schreyer. Dann schultert er das rot-weiße Gerät mit Feststoffmotor und spannt es in die Abschussvorrichtung ein. „Jetzt bitte alle vom Startpunkt entfernen“, sagt er, zieht sich zu seinem Knopf zurück, zählt runter, und drückt. Zischen.

Die Schüler bekommen nach den Flügen ihre Satelliten wieder zurück und sind für die kommenden Wochen mit der Auswertung der Flugdaten beschäftigt. Schlussstein des Wettbewerbs ist die Präsentation der Ergebnisse vor Expertinnen und Experten der Luft- und Raumfahrtbranche und den anderen Teams. Wer daraus als Sieger hervorgeht, wird Deutschland beim europäischen CanSat-Wettbewerb der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) vertreten.

Mit dieser Spannung will das DLR Jugendliche locken, die sich für Technik, Informatik, Mathe und Physik interessieren. Nachwuchsförderung sei das Stichwort, sagt Stiefs. „Ob diese dann bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder bei Airbus landen, kann man nicht sagen“, fügt er hinzu. „Aber wir machen das nicht nur für uns“. Der lebendige Beweis dafür, dass Menschen nach dem Wettbewerb Berührungspunkte mit dem DLR finden, beobachtet an diesem frühen Nachmittag die Starts der Raketen: Christina Nadolsky hat vor einigen Jahren selbst Satelliten in den Himmel geschossen. Dass ihrer damals in der nebenan stehenden Kaserne landete, hat offensichtlich nicht geschadet.

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