Matthias Kuttler lebt gerne unstet

Ein Obdachloser erzählt: Erst kamen die Drogen, dann ging's auf die Platte

Er lebt auf Platte und hat inzwischen Freude am Herumreisen: Matthias „Kuddel“ Kuttler.
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Er lebt auf Platte und hat inzwischen Freude am Herumreisen: Matthias „Kuddel“ Kuttler.

Rotenburg – Ehrliche Worte eines 50-jährigen Mannes: „Ich bin durch meine Rauschgiftsucht mittellos auf der Straße gelandet“. Bis vor 20 Jahren hat der gebürtige Bremer Matthias Kuttler ein sorgloses Leben geführt.

Kuttler hatte einen einträglichen Beruf, der es ihm erlaubte, einiges Geld auf die hohe Kante zu legen. Er kaufte sich eine Eigentumswohnung in Bremen. Doch dann begann seine Drogensucht, die sein Leben entscheidend änderte. Kuttler ist seit 2004 mittellos und auf Platte, wie es im Obdachlosenjargon heißt. In einem Gespräch mit der Kreiszeitung spricht er in der Tagesaufenthalt-Einrichtung „Straßenfeger“ des Vereins Lebensraum Diakonie in Rotenburg über sein Leben auf der Straße.

„Meine Kumpel nennen mich Kuddel, und unter diesem Namen bin ich in der Szene bekannt“, sagt der 50-Jährige, der wieder einmal in Rotenburg Halt gemacht hat. Er sei 2000 „an die Nadel gekommen“. Als Industriemechaniker bei der Bundesbahn hatte er zuvor ein gutes Einkommen und sich einigen Luxus geleistet. In seinem Freundeskreis war damals allerdings Drogenkonsum „in“. So habe er zu Beginn schon mal „mitgeschnüffelt“.

Geld für Drogen benötigt - und weg war die Wohnung

„Aber dann kam irgendwann auch die Nadel ins Spiel.“ Von da an habe Kuddel viel Geld für die Drogen benötigt. „Ich habe die Wohnung durch Zwangsversteigerung verloren, das Ersparte für Heroin ausgegeben und hatte 2004 keinen Cent mehr in der Tasche“, erinnert er sich. So landete er schließlich mit seinem Fahrrad und zwei Plastiktüten – gefüllt mit seinem restlichen Hab und Gut – auf der Straße.

„Ich fasste damals diesen Vorsatz: ,Du suchst Dir eine fremde Stadt und machst einen neuen Anfang‘.“ Er sei an der Weser und Werra entlang bis nach Bad Hersfeld gefahren, schildert Kuddel. Dort habe er seinen späteren Kumpel Lou kennengelernt, der auch auf Platte war „Der hat mir Vieles beigebracht, wie man als Wohnungsloser auf der Straße überlebt.“

Die Kernfrage war: „Wie komme ich an Geld, um mir Essen und Trinken zu besorgen, ohne betteln zu müssen?“ Der Tipp seines Kumpel: Für Obdachlose gibt es Tagessätze für den Lebensunterhalt, die im Job-Center bar ausgezahlt werden. Aktuell sei das ein Betrag von 14,40 Euro am Tag, so Kuddel. Das Geld müsse täglich persönlich abgeholt werden. Da gebe es aber regionale Unterschiede vom Zeitraum für die Auszahlung der Sätze, weiß er aus Erfahrung.

Auf der Platte kommt die Drogen-Entwöhnung

Von der Droge sei er auf Platte zwangsläufig abgekommen. Die Entwöhnung sei ihm sehr schwergefallen, aber nach Rückfällen in der Anfangszeit, sei er seit mehr als zwölf Jahren nun endgültig „clean“.

Zwischenzeitlich hatte Kuddel einen Hund als ständigen Begleiter dabei. Durch ihn hat er 2009 seine jetzige Ehefrau Anja kennengelernt. Auch sie lebte auf der Straße und hatte einen Hund. Beim „Fachsimpeln“ über das Leben mit den tierischen Freunden hatten sie sich näher kennengelernt und schließlich ineinander verliebt.

„Wir haben noch im gleichen Jahr beim Standesamt in Tuttlingen in Baden-Württemberg geheiratet“, so Kuddel. Mitarbeiter des Amtes hätten sich als Trauzeugen zur Verfügung gestellt. Die Ehe hat heute noch Bestand. Gemeinsam mit „Gräte“, ihrem Mischlingshund, sind die beiden in Deutschland mit Fahrrad und Zug unterwegs.

Große Corona-Ansteckungsgefahr beim Leben auf der Straße

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie Mitte im März halten sich Kuddel und Anja in der Sozialunterkunft Birkenhaus in der Kreisstadt auf. Anja befand sich zwischenzeitlich in einer Klinik. „Beim Leben auf der Straße ist die Ansteckungsgefahr zu groß.“ Die Job-Center waren während des Lockdowns geschlossen. Corinna May und Alexandra Wurthmann vom Birkenhaus nahmen Verbindung mit dem Amt auf und sorgten bis zur Wiedereröffnung der Auszahlungsstelle dafür, dass Kuddel seine „Stütze“ bekam. Einmal wöchentlich kommt das Geld auf ein Konto der Sozialeinrichtung.

Lebensmittel holten die Birkenhaus-Mitarbeiter zu den bekannten Regelzeiten von der Tafel. „Wir haben viele Masken von Privatpersonen gespendet bekommen, um den temporären Birkenhausbewohnern die Möglichkeit zu geben, sich beim Verlassen der Unterkunft nach Maßgaben des Landkreises in der Öffentlichkeit zu bewegen“, erklärt May.

Kuddel möchte möglichst bald wieder losziehen. Das unstete Leben habe für ihn eine gewisse Faszination. „Ich sehe täglich eine andere Stadt, und das Leben in der freien Natur gefällt mir.“

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