Von Rotenburg nach Hauneck: Mit dem Truck unterwegs zur Mitte Deutschlands

Mit 450 PS zwölf Stunden durch die Nacht

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Rocco Hertwig an seinem Arbeitsplatz.

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Abends, 18 Uhr: In der Spedition Oetjen im Rotenburger Industriegebiet Hohenesch ist der Bär los. Im Büro wuseln dutzende von Mitarbeiterinnen herum, auf dem Firmengelände herrscht reger Lkw-Verkehr. Ein freundlicher Mitarbeiter führt mich durch eine der großen Abfertigungshallen. Auch dort: größte Geschäftigkeit.

Oetjen transportiert vornehmlich „Stückgut“: hier ein Heizkessel, dort ein Motorrad, Kellerrosten, Fässer, Waschmaschinen, Trimm-Räder, Kaffee-Säcke. Das alles wird eingescannt und verladen. „Meine“ Tour soll in die Nähe von Bad Hersfeld, nach Hauneck, gehen. Dort ist einer der größten Umschlagplätze für solches Stückgut. Ziemlich genau in der Mitte Deutschlands und von Rotenburg aus gut vier Lkw-Stunden entfernt. Das ist exakt die am Stück erlaubte Lenkzeit für einen Fernfahrer. Auf dem Rückweg sollen wir dann Stückgut aus dem Süden mitnehmen.

Es rollt

Alles abchecken vor der Fahrt.

Um 19.20 Uhr verlassen wir den Hof in Rotenburg. Ich sitze bequem auf dem Beifahrersitz und blicke aus 3,50 Metern Höhe auf die kleinen Autos neben uns. Auf dem Fahrersitz: Rocco Hertwig (51) aus Kirchwalsede, begeisterter Fußball-Fan von Dynamo Dresden, und seit über 20 Jahren Lkw-Fahrer. Hinter uns 13,6 Meter vollbepackte Ladefläche, unter uns ein 450 PS starker Diesel, der dem erst ein Jahr alten 40-Tonner den nötigen Schub gibt. Das Fahrzeug ist mit allen denkbaren Sicherheitsstandards ausgerüstet: Abstandswarner mit Bremsassistent, Geschwindigkeitsregler, Spurassistent. Es geht über die Bundesstraße Richtung Verden. Ein Geschwindigkeitsrausch kann nicht aufkommen: „Lkw dürfen auf Landstraßen nicht schneller als 60 fahren“, erklärt mir Rocco Hertwig. Aha?! Das habe ich tatsächlich nicht gewusst und auch noch nie so wahrgenommen. Die Trucks, die ich schon mal überholt habe, schienen mir alle deutlich schneller unterwegs… Dabei drängt die Zeit! Der Fahrer hat nur eine winzige Spanne von 15 Minuten für seine Ankunftszeit. Wer zu spät kommt, der muss Strafe zahlen. Nur so könne eine verlässliche und zügige Abfertigung am Knoten garantiert werden.

Auf der Autobahn geht‘s etwas zügiger. 80 Stundenkilometer sind erlaubt. Wir werden aber von anderen Trucks locker überholt. Die haben mit Sicherheit auch irgendwo ein Zeitlimit. Rocco stört das nicht. Nervig sind für ihn eher die lichthupenden Autos, die sich schnell noch in eine Lücke drängeln oder den bereits blinkenden Fernfahrer nicht überholen lassen. Hin und wieder kommt auch ein ärgerlicher Zwischenruf aus dem bordeigenen Funkgerät: „Ich würde noch einen Meter früher rüberziehen, dann erwischst du meinen Spiegel!“, flucht da einer hinter uns. Wir sind nicht gemeint, aber Hertwig stellt seinen Funk trotzdem erst mal ab. „Da wird fast nur noch gemeckert!“

Überall an den Autobahnen entstehen große Logistikzentren, von wo aus die Trucks ihre meistens nächtliche Dienstfahrt starten. Kurze Zeit darauf stehen wir im Stau. Sehr ungünstig! Die Strafe droht. Allerdings meldet sich Hertwig direkt beim Knotenpunkt, dass er feststeckt im Verkehr. Dann wird man gnädiger behandelt. Nach drei Stunden auf der Straße passieren wir schließlich Göttingen.

Der Fahrer

Rocco Hertwig kommt ursprünglich aus dem Osten, aus Ueckermünde. „Aus reiner Abenteuerlust“, hat er sich 1991 aufgemacht in den Westen und wurde hier Fernfahrer. „Zuerst auch viel Frankreich“, jetzt in der festen Tour nach Hauneck. Die macht er Nacht für Nacht. Seit zig Jahren. „Um 6 Uhr abends los, um 6 Uhr morgens zurück. Das sind 60 Wochenstunden – natürlich inklusive der vorgeschriebenen Pausen.“ Mein lieber Mann! 60 Stunden. Nachts! „Privatleben in der Woche ist gleich Null“, räumt er ein, will aber trotzdem dabei bleiben. Er kennt die Strecke, kennt die Leute beim Hauptumschlagsplatz. Und auf seinem Truck ist er sein eigener Herr. Wenn er morgens nach Hause kommt, ist erstmal ein Gang mit seinem Hund dran, dann Frühstück und danach schlafen. Am Wochenende ist er im Garten in Kirchwalsede oder beim Fußball mit seinem Lieblingsverein Dynamo Dresden.

Zielort erreicht

23.30 Uhr: Hauneck. Hier sitzt einer der größten Internethändler der Welt mit seinem deutschen Zentrallager: Amazon. Allein das zieht schon etliche Lkw an. Aber dort haben auch diverse große Speditionen eine Niederlassung und verfahren fast alle nach dem gleichen Prinzip wie „24plus“, wo wir hinsteuern. Exakt drei Minuten später als unser Zeitfenster vorsah, aber wegen des Staus wird unser Zuspätkommen akzeptiert. Keine Strafzahlung.

Am Hauptumschlagplatz in Hauneck.

Der Fahrer gibt seine Papiere ab und fährt zur Entladerampe. Dann hat er Pause. Sein Beifahrer wird schon erwartet. Tatsächlich hat der Chef, Geschäftsführer Steffen Renner, sich im wahrsten Sinne des Wortes mitten in der Nacht bereit erklärt, mich herumzuführen. Großes Privileg, denn in die 6000 Quadratmeter große Abfertigungs- und Verladehalle dürfen nicht mal die Fahrer! Hier ist schwer was los! Auf mehreren im Boden verlegten Ketten fahren, wie von Geisterhand, Hubwagen durch die Halle. Irgendwann greift ein Packer zu und bewegt sie in die Richtung eines Lkw, die hier angedockt haben. 4100 Packstücke müssen in dieser Nacht – hier wird nur nachts gearbeitet – verstaut werden. 720 Tonnen. Das heißt, dass jeder Packer gut 200 Teile bewegt; knapp 20 Tonnen Gewicht pro Person. Aber es läuft! Viele Teile haben einen Aufkleber, der besagt, dass die Ware innerhalb von 24 Stunden dem Kunden zugestellt werden muss. Eine Art Sonderstellungsmerkmal für „24plus“, wie Renner bemerkt. So kommt also ein Kaminofen, der aus Salzburg nach Rotenburg soll, innerhalb von 24 Stunden dort an. Garantiert.

Alles retour

Garantiert am nächsten Tag am Ziel: Kaffee aus Indien.

Es ist kurz vor 2 Uhr nachts. Wir sind durch. Der neue Auflieger hängt beladen an der Zugmaschine; Papiere abholen, dann geht‘s wieder Richtung Heimat. Zeit für Pausen unterwegs ist nicht. Jetzt sind die Trucks auf der Autobahn nahezu unter sich. Der Verkehr rollt. Kein Stau, kein Unfall, kein Umweg. Gefragt ist um diese Zeit trotzdem die Konzentration des Fahrers. Um 5.30 Uhr verlassen wir die Autobahn an der Anschlussstelle Verden. Die installierte „Maut-Uhr“ zeigt an, dass für die Strecke Rotenburg-Hauneck und zurück auf der Autobahn etwa 90 Euro anfallen. Nur für diesen Lkw und nur für diesen Tag. Das wären, überschlägt Rocco Hertwig, 450 Euro in der Woche und etwa 23000 Euro im Jahr. Für ein Fahrzeug. Sein Chef hat 140 davon. Das rechnen wir lieber nicht nach. Punkt 6 Uhr morgens laufen wir im „Heimathafen“ ein. Dort wartet schon der Kollege, der den Lkw in der Tagschicht fährt. Abends ist dann Rocco Hertwig wieder dran, möglichst vollbeladen in Richtung Hauneck. Ein ganz normaler Alltag eines Truckers. Weit entfernt von aller Fernfahrerromantik – aber durchaus interessant. Jedenfalls für den Beifahrer! Und der wird ab sofort Platz machen für blinkende Brummis mit dem schmalen Zeitfenster.

Hintergrund: Die Kooperation „24plus“

„24plus“ ist eine Kooperation von insgesamt 66 Spediteuren mit Sitz in Hauneck/Hessen. Der Ort ist gewählt, weil er in der vorgeschriebenen Lenkzeit nahezu allen Ecken Deutschlands angefahren werden kann. Weil sich in manchen strukturschwachen oder bevölkerungsarmen Regionen ein Direktverkehr für Speditionen nicht lohnt (zu wenig Stückgut für eine lange Tour), haben vor 15 Jahren etliche kleine und mittelgroße Speditionsunternehmen beschlossen, zu kooperieren. Jetzt wird das Stückgut gesammelt (deswegen heißt es auch „Sammelgut“) und anschließend in die Zentrale nach Hauneck gebracht. Dort wird dann neu sortiert und verladen.

Hintergrund: Firma Oetjen

140 Lkw bewegt die Spedition Oetjen. Kein einfaches Geschäft, wie deren Chef, Gerhard Böse, berichtet: Zwar gibt‘s eigentlich genug Frachten, aber die Frachtpreise werden ständig runtergeschraubt. Die Konkurrenz durch die großen Ketten, die es auch hier gibt, ist enorm. Ein weiteres Problem ist der fehlende Fahrernachwuchs in der Branche. Bis zum Jahr 2020 scheiden etwa 250 000 der derzeit 700 000 beschäftigten Fahrer aus Altersgründen aus. Ausgebildet aber werden jährlich nur etwa 3 500 Fahrer und Fahrerinnen. Die hätten, so Böse, gute Berufsaussichten.

Firma Oetjen gehört zu der Kooperation „24plus Systemverkehre“, deren Hauptumschlagsplatz in Hauneck liegt. Man fährt aber auch täglich ins Ruhrgebiet, nach Hamburg – überhaupt in alle deutschen Handelszentren, sowie in die Schweiz, nach Österreich, Niederlande und Dänemark. Ein Problem für alle Spediteure: seit dem 1. Oktober gelten die Mautgebühren bereits für Lkw ab 7,5 Tonnen (bisher 12 Tonnen), die für die Direktverteilung des Stückguts benötigt werden.

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