Sicherheitsdienst beauftragt

Quarantäne von Obdachlosem führt zu Kritik: „Hatten keine andere Option“

Mal kurz frische Luft schnappen: Der 18-jährige Obdachlose ist in Quarantäne.
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Mal kurz frische Luft schnappen: Der 18-jährige Obdachlose ist in Quarantäne.

Auf seiner Luftmatratze chillen, aus dem Fenster gucken oder am Handy daddeln – mehr kann der ansonsten obdachlose 18-Jährige derzeit nicht machen, weil er nach einem positiven Coronatest am Mittwochnachmittag vom Landkreis Rotenburg eine leere Drei-Zimmer-Wohnung zugewiesen bekommen hat und dort bis zum Abschluss seiner Quarantäne bleiben soll. Ein PCR-Test am 26. November soll klären, ob er weiterhin mit dem Coronavirus infiziert ist.

Rotenburg – Auf seiner Luftmatratze chillen, aus dem Fenster gucken oder am Handy daddeln – zumindest dann, wenn es das freie WLAN des Rotenburger Bahnhofs zulässt, das seine Quarantäne-Wohnung mal mehr, mal weniger erreicht. Jamiro Loukil hört dann am liebsten den Song „You & I“ des Rappers Bru-C – „We are on a wave“ heißt es darin, zu deutsch: Wir sind auf einer Welle.

Mehr kann der ansonsten obdachlose 18-Jährige derzeit nicht machen, weil er nach einem positiven Coronatest am Mittwochnachmittag vom Landkreis Rotenburg eine leere Drei-Zimmer-Wohnung zugewiesen bekommen hat und dort bis zum Abschluss seiner Quarantäne bleiben soll. Ein PCR-Test am 26. November soll klären, ob er weiterhin mit dem Coronavirus infiziert ist. „Bis dahin muss ich meine Zeit hier absitzen“, sagt der gebürtige Bremer, der zuvor eine Nacht im gläsernen Wartehäuschen des Bahnhofs verbringen musste – was für viel Kritik an den Behörden gesorgt hat.

Dass er nun die freie Wohnung in Bahnhofsnähe bezogen hat, hat sich schnell in der Nachbarschaft herumgesprochen – und passt nicht jedem. Anwohner monieren, dass die Stadt sie darüber nicht informiert hat. Diese Kritik weist Rotenburgs Bürgermeister Torsten Oestmann auf Nachfrage der Kreiszeitung zurück: „Wir dürfen das aus datenschutzrechtlichen Gründen gar nicht. Wir hatten also keine andere Option.“

Einige Anwohner beklagen zudem, dass sich der 18-Jährige nicht an seine Quarantäne gehalten und sogar Freunde eingeladen haben soll. Das bestätigt Oestmann: „Es soll direkt nach dem Einzug eine Party mit vier weiteren Jugendlichen gegeben haben, die dann durch das Fenster getürmt sind.“

Damit sich so etwas nicht wiederholt, habe der Landkreis Rotenburg in Abstimmung mit der Stadt einen Sicherheitsdienst beauftragt. „Dieser wurde eingesetzt, um bei der Sicherstellung der Quarantäne zu unterstützen“, bestätigt Landkreis-Sprecherin Christine Huchzermeier.

Es ist für uns alle eine herausfordernde Situation, die wir nun aber bestmöglich lösen müssen.

Katrin Junge, Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe 

Die Versorgung des 18-Jährigen hat derweil die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe in Rotenburg übernommen. Die Mitarbeiter haben die kahle Wohnung mit Stuhl, Luftbett und einer Stehlampe ausgestattet. Außerdem versorgen sie den jungen Mann mit Lebensmitteln, die aus Sicherheitsgründen vor dessen Tür abgestellt werden – Brot, Aufschnitt, Wasser und Saft auf Vorrat, jeden Tag gibt es zudem eine warme Mahlzeit.

Katrin Junge, Teamleitung einer Jungen-WG, versteht grundsätzlich, dass sich die Nachbarn Sorgen um ihre eigene Gesundheit machen: „Es ist für uns alle eine herausfordernde Situation, die wir nun aber bestmöglich lösen müssen.“

Sie hat den 18-Jährigen am Dienstag kennengelernt und viel mit ihm gesprochen, auch über seinen bislang schwierigen Lebensweg. Seit seinem dritten Lebensjahr war er in verschiedenen Kinderheimen und Wohngruppen untergebracht, hat unter anderem in Hannover, Köln und Berlin gelebt. „Ich war schon fast überall – das Leben auf der Straße gefällt mir aber nicht. Ich will zurück in eine Wohngruppe und einen Job als Lagerarbeiter suchen“, berichtet Jamiro Loukil.

Nachdem er bereits seit Samstag in Rotenburg war und eine Nacht im Schlafsack unter der Bahnhofsbrücke geschlafen hatte, wollte er seinen Bruder besuchen, der in einer Wohngruppe der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe untergebracht ist. „Weil er keinen Impfausweis bei sich trug, haben wir ihn nicht ins Haus gelassen“, berichtet Junge. Der 18-Jährige, der nach eigenen Angaben vollständig gegen das Coronavirus geimpft sein soll, machte einen Test in der Apotheke, und sei aus allen Wolken gefallen, als das Ergebnis positiv war. „Als er danach wieder zu uns kam, war er völlig aufgelöst“, erinnert sich Katrin Junge.

Ich kam mir vor wie ein Verbrecher in einem öffentlichen Knast.

 Jamiro Loukil

Die Mitarbeiter der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe telefonierten die Behörden ab und versuchten stundenlang, eine Lösung zu finden. „Uns wurde gesagt, dass diese bereits vorbereitet wird. Ich war deshalb umso erschrockener, als ich gehört habe, dass diese so aussah, dass er zurück in den Warteraum des Bahnhofs gebracht wurde und dort übernachten sollte“, ärgert sich Junge.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Rotenburg: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

„Ich war dann bis Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr dort – eine unangenehme Situation, weil alle mich angestarrt haben. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher in einem öffentlichen Knast“, berichtet der 18-Jährige. Er sei in dem Raum nicht durchgehend alleine gewesen: „Zwischendurch waren drei andere Obdachlose bei mir, obwohl ich sie darauf hingewiesen hatte, dass ich in Quarantäne bin. Aber sie haben mich nicht verstanden, weil sie nur Russisch sprachen.“

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