Angela Koberg und Doris Täschner lassen sich nicht einschüchtern

Multiple Sklerose: Die Krankheit mit den  1000 Gesichtern

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Seit 20 Jahren lebt Angela Koberg (l.) mit ihrer MS. „Die Diagnose katapultiert einen aus dem Leben“, erinnert sie sich. Doris Täschner behielt ihre MS-Diagnose zunächst für sich. „Ich war so geschockt und musste es erst selbst verarbeiten“, sagt sie.

Rotenburg - Von Dörthe Krause. Etwa 2,5 Millionen Menschen weltweit leben mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS), rund 200 000 davon in Deutschland. Am 30. Mai, am Welt-MS-Tag, macht die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) besonders auf diese Krankheit aufmerksam. Unter dem Motto „Unheilbar optimistisch“ versucht sie die Erkrankung und deren Betroffene in die Öffentlichkeit zu rücken.

MS-Patienten leiden an Entzündungen, die verstreut in Gehirn und Rückenmark auftreten. Diese sorgen für Lähmungen, Sehstörungen oder Gefühlsstörungen der Haut – wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl. Entzündungsherde mit entsprechenden Störungen werden Schub genannt. Seit Jahrzehnten hält sich das Vorurteil, MS-Patienten würden über kurz oder lang im Rollstuhl landen. Doch das ist so nicht richtig. Symptome, Beschwerden und Verlauf können von Patient zu Patient völlig unterschiedlich sein. Deswegen wird MS auch „die Krankheit mit den 1 000 Gesichtern“ genannt. Nach Angaben der DMSG erkranken Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Meist werde die Krankheit zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr diagnostiziert.

Angela Koberg lebt seit 20 Jahren mit ihrer MS. Alles begann mit einer Entzündung ihres Sehnervs und einem Taubheitsgefühl im Bein. Wenige Tage später dann der Schock: Eine Neurologin im Rotenburger Krankenhaus diagnostizierte Multiple Sklerose. Drei Monate vor der geplanten Hochzeit. „Die Diagnose katapultiert einen aus dem Leben“, erinnert sich die Elsdorferin. Auf die anfängliche Verwirrung folgten Hilflosigkeit und Angst. Fragen wie „Warum ich?“, „Wieso hat mein Körper das gemacht?“ dominierten die Gedanken. Gemeinsam mit ihrem Mann, ihren Eltern und Freunden setzte sich Angela Koberg mit der Krankheit auseinander. „Mein Umfeld hat sich damals neu sortiert“, erinnert sie sich.

Während sich die ersten Symptome wieder zurückbildeten, entwickelte sich im Verlauf der Krankheit bei Angela Koberg die sogenannte Fatigue. Durch MS-bedingte Schädigungen im Gehirn ist sie schneller erschöpft. „Mein Gehirn muss mehr arbeiten, um die normale Leistung zu bringen“, erklärt sie. Dank eines speziellen Medikamentes blickt sie jedoch auf eine lange schubfreie Zeit zurück. „Ich habe Glück, dass es mir so gut geht.“

Heute, 20 Jahre nach der Diagnose, erkennt Angela Koberg, dass sie aus ihrer Erkrankung auch Positives gezogen hat. „Ich habe meine Lebensplanung wegen der MS nicht geändert. Aber meine Wertung ist anders geworden“, sagt die Elsdorferin. „Ich nehme meine eigenen Bedürfnisse wichtiger. Die Frage nach dem Warum bleibt zwar, sie ist allerdings nicht mehr ständig präsent“, sagt sie.

Ahauserin verlor Vertrauen in Mediziner

Bis Doris Täschner aus Ahausen ihre MS-Diagnose bekam, lagen zahlreiche Arztbesuche hinter ihr. Mit 13 Jahren spürte sie das erste Mal ein ungewöhnliches Kribbeln im rechten Bein, das dann auch das linke Bein betraf und sich bis zum Oberkörper ausbreitete. Die Symptome wiederholten sich im Laufe der Jahre. „Mein Arzt diagnostizierte damals sämtliches durch: von Vitamin-B- bis Eisenmangel.“ Im Laufe der Zeit verlor sie das Vertrauen in die Mediziner. Rückblickend sagt Doris Täschner heute: „Ich glaube, dass ich mit 13 Jahren meinen ersten Schub hatte. Dass die Beschwerden wieder verschwanden, lag vermutlich nicht an der Behandlung.“Zehn Jahre später kam das Kribbeln erneut, gepaart mit starker körperlicher Schwäche und Kreislaufproblemen. Zur genaueren Diagnose musste Doris Täschner ins Rotenburger Krankenhaus. In Gesprächen mit ihrer an MS-erkrankten Zimmernachbarin erfuhr die Ahauserin mehr über die Krankheit. Symptome und Beschwerden kamen ihr bekannt vor. Am Ende der Woche dann die Bestätigung: Auch Doris Täschner leidet an Multipler Sklerose. Es sei ein Schock gewesen. Und trotzdem: „Das Kind hatte endlich, endlich einen Namen, nach zehn Jahren Suche“, erinnert sie sich.

Neben dem Schock spürte sie damals auch Erleichterung. Jahrelang habe sie sich nicht ernst genommen gefühlt, musste sich gegen den Vorwurf wehren, sie sei einfach nur faul. Eine Woche lang behielt Doris Täschner ihre MS-Diagnose für sich. Auch ihren Eltern sagte sie zunächst nichts. „Ich war so geschockt und musste es erst selbst verarbeiten“, sagt sie. „Ich war nicht bereit, die Reaktionen der anderen auszuhalten.“ Kurz nach der Diagnose zeigte sich die MS von Doris Täschner von einer sehr aggressiven Seite. Etwa zwei Mal pro Jahr musste sie wegen Missempfindungen, starkem Schwindel und Erbrechen ins Krankenhaus. Nicht alle Beschwerden haben sich vollständig zurückgebildet. Im Laufe der Jahre hat Täschner zahlreiche Medikamente ausprobiert. Inzwischen lebt sie ohne Therapie – gezwungener Maßen. Denn im vergangenen Jahr diagnostizierte ihre Ärztin den chronischen Verlauf. Ihre MS zeige sich nun nicht mehr durch Schübe, sondern durch einen peu à peu schlechter werdenden Zustand. Medikamente zur Behandlung des chronischen Verlaufes gibt es bislang nicht.

Doris Täschner behielt ihre MS-Diagnose zunächst für sich. „Ich war so geschockt und musste es erst selbst verarbeiten“, sagt sie. 

Neben den Sorgen um die eigene Zukunft mussten Angela Koberg und Doris Täschner immer wieder gegen Vorurteile kämpfen. „Einen gebrochenen Arm im Gips erkennt und versteht man. Multiple Sklerose ist für die anderen schwer sichtbar“, erklärt Koberg. Und so hätten sich beide immer wieder für ihre Beschwerden rechtfertigen und um Anerkennung kämpfen müssen.

Doch trotz der großen Verunsicherung, die die Krankheit mit sich bringt, lassen sich die beiden Frauen nicht einschüchtern. Gemeinsam engagieren sie sich in der MS-Kontaktgruppe im Landkreis Rotenburg. Betroffene können sich dort austauschen. Die Krankheit verbindet und schafft eine vertraute Ebene, auf der wenig Erklärungen nötig sind. „Das Leben geht weiter. Es wird zwar anders, aber es geht weiter“, so Doris Täschner.

Kontaktgruppe

Die MS-Kontaktgruppe aus Rotenburg gibt es seit 2007, ein gemischtes Team mit Männern und Frauen jeden Alters sowie Angehörige und Begleitungen. Einige von ihnen haben nur leichte Einschränkungen, andere sind stärker betroffen. Im Fokus stehen Austausch und Begegnung, sagt Koberg: „Informationen bekommt jeder überall in Hülle und Fülle. Doch das Gespräch mit einem Gegenüber sind durch nichts zu ersetzen.“ Interessierte können Angela Koberg unter 04286  / 1587 und per E-Mail an info@ms-kontaktgruppe-row.de kontaktieren. Zudem lädt die Gruppe jeden zweiten Dienstag im Monat ab 19 Uhr in das Gemeindezentrum der Auferstehungsgemeinde zur Gesprächsrunde ein. 

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.ms-kontaktgruppe-row.de.

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