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Magd für einen Tag: Mittendrin beim Pfingstspektakel in Rotenburg

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Von: Nina Baucke

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Musiker vor der Bühne
Die Musiker stellen für den Trommeleinsatz vor der Bühne ein gutes Zeugnis aus. © Heyne

Die Fogelvreien sind wieder in der Stadt: Nach zwei Jahren Pause erobert der Tross aus Händlern, Handwerkern, Gauklern, Musikern und fantasievollen Gestalten für drei Tage einschließlich bis Pfingstmontag mit seinem mittelalterlich-mystischem Pfingstspektakel das Gelände rund um das Rotenburger Heimathaus. 

Rotenburg – Überall könnten sie mir auflauern, und mich endgültig um mein rechtmäßiges Erbe bringen. Aber nicht mit mir. Wer würde mich, eine angesehene Bürgersfrau schon beim fahrenden Volk vermuten? Und dann auch noch als Magd? Dennoch gehe ich auf Nummer sicher: Um mich nahtlos in das Bild der Fogelvreien einzufügen, aber auch, um mein Auskommen zu verdienen, muss ich mir ein Handwerk suchen. Also klopfe ich den Staub von meinem Rock und ziehe los, durch das bunte Markttreiben, vorbei an Tavernen und Waffelrutschen, auf der Suche nach etwas, das für die einfache Magd Johanna über Leben und Tod entscheiden kann.

Die Sonne hat an diesem Tag noch längst nicht ihren Zenit erreicht, da ist von „Johanna“ noch keine Rede. Stattdessen wischt mein neuzeitliches Alltags-Ich, noch in Jeans und T-Shirt gekleidet, auf dem Smartphone herum, während ich vor dem Eingang zum Gelände des Rotenburger Heimathauses stehe. Ein Scherge bewacht den Durchgang, hinter ihm laufen kostümierte Menschen mit Schubkarren und Körbchen hin und her. Ich gebe mich als Redakteurin zu erkennen und darf passieren.

Zwischen Magie und HTML

In einem weißen Lastwagen, der offensichtlich schon einige Jahre auf dem Buckel hat, sitzt Johannes Faget, Kopf und Macher hinter den Fogelvreien, in Stoffhose und Tunika am Computer. „Gleich wird gezaubert, aber erst mal habe ich hier mit HTML zu tun“, sagt er und lacht. Es sind letzte Aktualisierungen für die Gäste am zweiten Tag des Pfingstspektakels auf der Website der Fogelvreien. Dann ist es soweit, er führt mich über das noch ruhig wirkende Gelände zur Schneiderei, wo dicht an dicht Kleider, Tuniken und Mieder hängen. Dort hat Schneiderin Silke für mich bereits im Fundus gewühlt. Drei Outfits stehen zur Wahl, zweimal für eine bürgerliche Dame, einmal für eine Magd. „Wie leidensfähig bist du?“, fragt sie mit einem Grinsen und führt mir ein helles Unterkleid mit einem bombastischen ärmellosen und mit Kunstpelz verbrämten grünen Obergewand aus Brokratstoff vor.

Schneiderin Silke verstaut die Haare unter einem kunstvoll gebundenen Kopftuch.
Schneiderin Silke verstaut die Haare unter einem kunstvoll gebundenen Kopftuch. © Heyne

Das Wetter nimmt mir die Entscheidung ab, das Thermometer hat bereits bequem die 20 Grad überschritten – und überhaupt bin ich zwar eine Bürgersfrau, aber inkognito. Also entscheide ich mich für die Kleidung einer Magd aus der Renaissance. In einem Verschlag schlüpfe ich in die olivgrüne Tunika und den langen schwarzen Rock aus dickem Leinenstoff, die Silke mir reicht. Draußen vor dem Zelt hilft sie mir in ein burgundrotes Schnürmieder, zieht alles zurecht und bindet geschickt ein Tuch um meinen Kopf. „Jetzt sieh in den Spiegel“, fordert sie mich auf.

Was ich dort sehe, überrascht mich – und ich stelle fest: Klamottentechnisch bin ich sonst defintiv im falschen Jahrhundert gelandet. Tatsächlich gefalle ich mir, der Rock ist trotz des dicken Stoffes luftig, das Mieder fixiert sicher alles dort, wo es hingehört – alles also wunderbar bequem. Andere müssen da auf Tricks zurückgreifen: „Manche Ritter haben Kühlpacks unter ihrer Rüstung“, verrät mir Johannes. Das habe ich absolut nicht nötig. Als Nina verstaue ich noch Jeans und T-Shirt in einer Ecke, als falsche Magd „Johanna“ geht es jetzt in das Getümmel, das mittlerweile deutlich zugenommen hat. Die akustische Kulisse ist perfekt, ständig höre ich von irgendwoher Musik von Flöte, Trommel, Harfe und Dudelsack, dazu wabert der Geruch von Knoblauchbrot durch die Luft.

Ein Magistrat, eine Magd und ein Zauber stoßen mit Holunderschorle auf einen gelungenen Markt an.
Ein Magistrat, eine Magd und ein Zauber stoßen mit Holunderschorle auf einen gelungenen Markt an. © Heyne

Mein Auftritt steht bevor, als Vertreterin der gutenbergschen Zunft präsentiert mich Johannes in seiner Rolle als Zauberer Merlin dem Volk, zusammen mit Uwe Lüttjohann, der als Magistrat die Stadt Rotenburg vertritt. Gemeinsam geht es mit musikalischer Begleitung auf die kleine Bühne, wo der Ersatz-Magistrat seine Rede hält. Mir bleibt der Gang ans Mikrofon erspart – zum Glück. Und überhaupt: Eigentlich will ich ja gar nicht weiter auffallen. Deshalb mache ich mich nach dem Umtrunk auf die Suche nach einem Handwerk, in dem ich eine Weile unterkommen kann.

Die Schmiede ist meine erste Station, dort haben zwei gehörnte Trolle das Sagen. Unter ihrer Anleitung geht es ans Werk, immer wieder schlage ich mit einem großen Hammer auf ein Stück glühendes Eisen auf dem Amboss. Weshalb danach für den Rest des Tages der Geruch von Eisen und Kohlefeuer an mir haftet. So ganz bin ich von diesem Gewerk nicht überzeugt, beim Töpfern läuft es ähnlich, dort versuche ich unter dem strengen Blick meiner Lehrmeisterin Marei einen Becher zu töpfern. Auch das Buchbinden läuft nicht ganz so gut, aber immerhin weiß ich jetzt, dass der Begriff des „Umgarnens“ in diesem Handwerk seinen Ursprung hat.

Unter wachsamem Blick geht es ans Töpfern.
Unter wachsamem Blick geht es ans Töpfern. © Heyne

Etwas mehr Erfolg habe ich beim Körbeflechten, allerdings lassen mich die beiden Korbflechter Anja und Jürgen nur zögerlich an ihr aktuelles Werk, einen halb fertigen Einkaufskorb. Stattdessen darf ich mich an einem Weidenkranz aus frischen Zweigen versuchen: Mit der linken Hand halte ich die bereits verwundenen Zweige fest, während die rechte von oben durch den Kranz greift und das Ende des Zweiges hindurch zieht.

Am Ende ist ein solider Kranz entstanden – aber weiter bringt mich das auch nicht: „Du bist zu alt“, bekomme ich auf meine Frage zu hören, ob ich mich bei ihnen als Lehrling verdingen darf. Besser läuft es bei Steffi: Unter ihrer Aufsicht gelingt aus mir, aus Wollfasern in Weiß und mehreren Grüntönen inklusive viel Wasser sowie Seife ein Armband zu filzen, das auch sofort am mein Handgelenk landet. Ein gutes Zeugnis bekomme ich auch bei einem Stand mit Musikinstrumenten, wo ich mich auf einem Dudelsack versuche und sogar mit einer Trommel unter dem Arm zusammen mit anderen Musikern vor der Bühne stehen und Musik machen darf.

Das Tjosten gegen Merlin entscheide ich für mich.
Das Tjosten gegen Merlin entscheide ich für mich. © Heyne

Aber mir ist auch klar: Alles Bemühen wird zu nichts nütze sein, wenn ich Merlin nicht überzeugen kann – und wenn ein Weidenkranz, ein Armband und Applaus fürs Trommeln nicht schon genug waren, müssen schlagkräftigere Argumente her: Beim Tjosten hauen wir uns die Strohsäcke nur so um die Ohren, am Ende fliegt Merlin vom Balken, und ich habe meinen Platz inmitten des Fogelvreien-Trosses sicher und damit gute Chancen, meinen Häschern zu entkommen.

Zeit genug also, um mich von Merlins Fähigkeiten als Zauberer zu überzeugen. Denn am heutigen Tag erwartet die mehrere Tausend Besucher vor dem Heimathaus eine große Portion Mystik zum Mittelalter: die Beschwörung der vier Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde. Dabei muss Merlin pyrotechnisch große Geschütze auffahren, um die Wesen, die die Elemente darstellen, zu lenken und zu bändigen.

Das Element „Luft“ sorgt mit seiner zauberhaften Darbietung beim Publikum für Staunen.
Das Element „Luft“ sorgt mit seiner zauberhaften Darbeitung beim Publkium für Staunen. © Heyne

Das gilt auch für die Technik, denn kaum ist die Beschwörung vorüber, mutiert Merlin wieder zum Organisator Johannes und kümmert sich um einen defekten Lautsprecher. „Ich bin als Merlin Wanderer zwischen den Welten“, sagt er, lacht und verstaut sein kleines Funkgerät wieder in seinem Kostüm. Er wendet sich zur Taverne und bahnt sich seinen Weg durch die Menschen – die Mehrzahl in moderner Kleidung, aber nicht wenige Besucher steigen auf das mittelalterliche-fantastische Setting auch kleidungstechnisch ein.

Die Welt ist durch Kriege und Seuchen in Unordnung, und das, was wir machen, ist jenseits von Globalisierung, jenseits von immer mehr. 

Johannes Faget

„Die Menschen möchten Teil dieser Geschichte sein, manche ergänzen bei jedem Besuch bei uns ihr Kostüm um ein weiteres Teil – und sind irgendwann komplett gewandet. Manche reisen uns schon hinterher. Das ist ein unglaubliches Pfund“, freut er sich. „Wir sind jetzt 32 Jahre am Markt – und Kinder, die damals klein waren, kommen jetzt mit ihren eigenen Kindern. Da merke ich: dass wir ein ganz tolles Publikum hier haben. Die Welt ist durch Kriege und Seuchen in Unordnung, und das, was wir machen, ist jenseits von Globalisierung, jenseits von immer mehr. Stattdessen ist es ein zurück zu den Wurzeln. Und das ist unsere Philosophie.“

Für mich kommt nun die Zeit, dieser mystischen Welt wieder den Rücken zu kehren und „Johanna“ ad acta zu legen. Leicht fällt mir das nicht. Natürlich weiß ich zwar, dass das Leben einer Magd in der realen Renaissance, genauso wie in allen anderen Epochen der Geschichte, eine ganz schöne Knüppelei war. Trotzdem, irgendwie ist einiges an Wehmut dabei, als ich Mieder, Tunika und Rock zur Seite packe, „Johanna“ wieder ins Reich der Geschichte schicke und zurück in Jeans und T-Shirt schlüpfe. Aber zum Glück hat „Johanna“ eine Sache vergessen: Das grüne Filzarmband ist immer noch da. Immerhin.

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