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Rotenburg macht Ökopunkte in altem Moor

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Von: Andreas Schultz

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Ein Nordpfade-Wegweiser hängt an einer jungen Birke. Im Hintergrund ist ein Wanderpfad zwischen Bäumen zu sehen.
„Man wandert in diesem Ökokonto“, sagt Stadtplaner Clemens Bumann. Wie Ausgleichsflächen aussehen können, beobachten Spaziergänger am Nordpfad Dör’t Moor. Dort hat die Stadt Rotenburg einen Flächenpool angelegt. © Schultz

Das Ökopunktekonto der Stadt Rotenburg ist so gut wie leer. Landschaftsplaner Oliver Klein und Stadtplaner Clemens Bumann erklären, was es mit dem Konto auf sich hat und wie die Bewertung von Ausgleichsflächen funktioniert.

Rotenburg – Ganz platt gesagt: Die Stadt Rotenburg ist so gut wie blank. Beim Blick auf das Ökopunktekonto der Kommune bleibt das wohlige Sicherheitsgefühl, das ein dickes Polster mitbringt, aus: Mit 15.000 Punkten steht Rotenburg noch im Haben. „Noch“ deshalb, weil die nächsten fünfstelligen Abbuchungen bereits in der Vorbereitung sind.

Die Warnung hören Beobachter der Rotenburger Ratspolitik in den vergangenen Wochen immer wieder: Clemens Bumann erinnert daran, dass es eng wird mit den Zahlen. So auch in der zurückliegenden Sitzung des Planungsausschusses, als es um das Baugebiet südwestlich des Kleekamps geht, in dem neben Wohn- und Reihenhäusern auch der Sitz der Firma Tiemann neu entstehen sollen. 55.000 Quadratmeter entzieht die Stadt dort der Nutzung als Acker und fällt ein kleines Waldstück, das ihr gehört. „Was den Ausgleich angeht, haben wir derzeit mehrere Optionen in Abstimmung mit dem Naturschutz“, sagt der Stadtplaner und Bauamtsleiter.

Und genau darum geht es bei dem Ökopunktekonto: um den Ausgleich, zu dem die Stadt per Bundesnaturschutzgesetz verpflichtet ist. Mit Bauen macht eine Kommune auf diesem Konto Schulden, mit dem Aufwerten bestehender oder zugekaufter Flächen erwirtschaftet sie Guthaben.

Das muss schon ökologisch sinnvoll sein.

Oliver Klein, Landschaftsplaner, zum Erwerb von Ökopunkten durch Aufwertungsmaßnahmen

Jeder Quadratmeter Fläche hat mit regionalen Unterschieden einen bestimmten ökologischen Punktewert: versiegelt „0“, Ackerland „1“, Grünflächen „2“ und so weiter. Wenn die Stadt beispielsweise am Kleekamp 55.000 Quadratmeter Wald und Ackerland zu Bauland umwidmet und aus ihrer vorherigen Nutzung entfernt, werden die Quadratmeter mit der jeweiligen Wertigkeit multipliziert und vom Ökopunktekonto abgezogen: In diesem Fall geht es um 70.000 Punkte, mutmaßt Bumann. „Für ein durchschnittliches Neubaugebiet wären 50.000 bis 80.000 Punkte fällig, wenn man dafür Ackerland verwendet“, erklärt er. Rein rechnerisch ließe sich schnell ein hoher Kontostand aufbauen, wenn man beispielsweise einen Acker (ein Punkt) in Fläche mit Gebüschen (drei Punkte) verwandelt. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht: „Das muss schon ökologisch sinnvoll sein“, sagt Oliver Klein, Landschaftsplaner der Stadt Rotenburg.

Landschaftsplaner Oliver Klein  und Stadtplaner Clemens Bumann mit einer Karte vom Ausgleichsgebiet in Kirchwalsede, im Hintergrund das Rathaus.
Landschaftsplaner Oliver Klein (l.) und Stadtplaner Clemens Bumann mit einer Karte vom Ausgleichsgebiet in Kirchwalsede. © Schultz

1,2 Millionen Punkte hatte die Stadt zum Start. Der Landkreis und die Kreisstadt haben Instrument und Kontostand gemeinsam erarbeitet. Einer der größeren Posten im Flächenpool besteht aus Flächen zwischen Bullensee und Unterstedt: Dort hat die Stadt durch Aufwertung eine Vergrößerung des Naturschutzgebiets erreicht. Der Vorteil einer solchen Kontoführung liege darin, kleinteiliges Wirtschaften für jede einzelne Maßnahme zu vermeiden und stattdessen einen Vorrat aufzubauen.

Oliver Klein weiß um den Steuerungseffekt des Ökopunktekontos. „Man kann kontrollieren, wo man den Ausgleich ansiedelt. Es lohnt sich auch aus ökologischer Sicht“, sagt er. Und Bumann fügt hinzu: „Auch touristisch. Man wandert in diesem Ökokonto“. Beispielsweise auf dem Nordpfad Dör’t Moor, der den Flächenpool bei Unterstedt streift.

Sie können den Ausgleich auch mit einer Streuobstwiese in den Alpentälern erreichen. Wichtig ist, dass der Landschaftstyp ähnlich ist.

Clemens Bumann, Bauamtsleiter der Stadt Rotenburg

Für spätere Baugebiete wird die Stadt ihren nach Ausgleichsflächen suchenden Blick ausweiten müssen. Ein kleines Stück am Waldrand hat sie zwar noch vor Ort im Auge: Das kleine Feld am Luhner Forst – an der B75 in Höhe des Weichelsees, wo die Kulturinitiative Rotenburg Vorbeifahrenden Kunstwerke präsentiert hat. Das Stück ließe sich eventuell aufforsten und so aufwerten. Ansonsten wandern die Augen nach Kirchwalsede. Dort stehen rund 350.000 Quadratmeter ehemaliges Moor zur Diskussion, ehemals zur Brennholz- und Torfgewinnung verwendet. Die Stadt könnte die Fläche wiedervernässen, dadurch aufwerten und entsprechend Punkte aufbauen. Andere Kommunen suchen sich derartige Projekte direkt vor der Haustür, Sottrum zum Beispiel. In Rotenburg funktioniere das nicht, erklärt Bumann: Im Vergleich zu Rotenburg hat die Samtgemeinde beinahe die Hälfte der Einwohner und fast die doppelte Fläche, was es ihr einfacher mache. Außerdem sei die Stadt von Naturschutzgebieten nahezu umzingelt. Bei deutschen Großstädten sei es üblich, den Ausgleich in der Ferne vorzunehmen: „Sie können den auch mithilfe einer Streuobstwiese in den Alpentälern erreichen. Wichtig ist, dass der Landschaftstyp ähnlich ist“, so Bumann.

Bedeutsam ist aber auch, dass der Preis stimmt: Ein bis zwei Euro pro Punkt hält der Stadtplaner für wirtschaftlich, im Großen und Weißen Moor beliefen sich die Kosten auf 50 Cent bis ein Euro pro Quadratmeter. „Wir hatten auch schon vier Euro pro Quadratmeter, aber dann bleiben weniger Mittel für die Aufwertungsmaßnahmen übrig. Wir sind interessiert an guten Preisen“, sagt Klein. Anders laufe das zum Beispiel in München, wo die Grundstückspreise im Vergleich astronomisch sind. Da falle ein hoher zweistelliger Betrag für einen Punkt nicht mehr ins Gewicht, sagt Bumann. Auf diese Weise entstehen Geschäftsmodelle ums Erwirtschaften von Ökopunkten: Firmen erwerben geeignete Flächen und verkaufen das Punktepotenzial an Kommunen, die ein Baugebiet ausgleichen müssen. Oder an private Bauherren. Denn nicht überall ist es so wie in Rotenburg: „Als Stadt ist man attraktiver, wenn man so ein Konto vorhalten kann. Auch, weil Grundstückseigentümer in Neubaugebieten sich dann nicht mehr selbst um den Ausgleich kümmern müssen.“

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