Kabarettist Sebastian Schnoy taucht in der Volkshochschule in die Zeit Luthers ein

Schlaglöcher fürs Sühnekonto

Revoluzzerisch gab der Kabarettist Sebastian Schnoy sich zuweilen in Thesen und Gesten. - Foto: Heyne

Rotenburg - Ein Kabarettprogramm über Martin Luther – klar, dass sich im voll besetzten Auditorium des Kantor-Helmke-Hauses jede Menge kirchenaffine Besucher eingefunden hatten. Sebastian Schnoy, der am Mittwoch auf Einladung der Volkshochschule (VHS) sein Programm „Luther war ein Blogger“ vorstellte, kondensierte das Leben des Reformators in pointierte Thesen wie: „Luther hätte Trumps Getwitter gestoppt!“

In seinen geschichtlichen Exkursen lieferte er einen kenntnisreichen, amüsanten Abriss über das Leben des „frühen Bloggers“, die „1 000 Jahren kulturellen Stromausfalls“ des Mittelalters oder die „germanischen Bescheidenheit“. Amüsant wurde es vor allem dann, wenn der Kabarettist Brücken zu aktuellen Bezügen schlug („das Bonussystem der Katholiken für das Himmelreich funktioniert wie bei Rewe“ oder „Mit Nordic Walkern wäre der Zweite Weltkrieg anders ausgegangen“).

Der Moderator, Buchautor und Mitbegründer des Hamburger Comedy-Pokals bezieht sein Publikum von Anfang an ein, etwa im „Monarchen-Test“, der die Zuschauer flugs zu Könige und Knechten macht oder mit seinem „Geflügelte Worte“-Quiz: „Sein Licht unter den Scheffel stellen“ oder „dem Volk aufs Maul schauen“ – sprachliche Bilder von Luther oder vielleicht doch Tucholsky, Simone de Beauvoir oder Karl Marx?

Trotz einiger Pointen, vieler Lacher und vieler durchaus unterhaltsamer Betrachtungen: So mancher Gag verpuffte. Lag es an den Temperaturen? Symptomatisch: Als Schnoy vom vorab gekauften Ablassbrief erzählt, den der Bösewicht Ablasshändler Tetzlaff vorhält, bevor er ihn ausraubt, lacht kaum jemand. „Der dauert etwas“, kommentiert Schnoy, in der ersten Reihe erwidert eine Dame halblaut: „Den kennt man doch schon.“ Besser kommt die Frage an, ob man für das Signieren der Hotelbibel in die Hölle kommt und die Frage des amerikanischen Besuchers angesichts von Schrebergärten, warum die Deutschen am Wochenende freiwillig in Slums verbringen.

Nach der Pause hat das Programm an Tiefgang gewonnen. Statt der Jagd nach Lachern wurde Schnoy wahrhaftig, ja – und auch sehr hintergründig. Unter wohltuendem Verzicht auf Schenkelklopfer blickte er fast leidenschaftlich in die Geschichte, zieht immer wieder Vergleiche, arbeitete sich im Plauderton durch Historisches und Aktuelles. Da merkte man, wie der studierte Historiker für seine Materie brennt. Es mag nicht jedem schmecken, wenn er Luther als Judenhasser und Wegbereiter des Nationalsozialismus sieht, oder das „Leiden im Christentum“ als „Schlaglöcher fürs Sühnekonto – eine geniale Marketingidee“ bezeichnet – bedenkenswert sind die Gedankenexperimente des mehrfachen Preisträgers allemal. Dabei forderte er die Geschichtskenntnisse seiner Zuschauer ein, „sonst geht das Ein oder Andere an einem vorbei“, wie Andrea aus der ersten Reihe bemerkt, die er als „Rotenburger Single“ outet. Dabei zeigte sich der Hamburger bestens über hiesige Verhältnisse informiert und sparte nicht mit Lokalkolorit. Seinem flammenden Plädoyer für Menschlichkeit und Optimismus konnten sich die meisten nach zwei Stunden bester Unterhaltung wieder anschließen: „Macht’s opulent!“ 

hey

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