Kabarettist Henning Venske im Kantor-Helmke-Haus

Bitterböses Resümee über deutsche Nachkriegsgeschichte

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Von Altersmilde war beim streitbaren Satiriker Henning Venske bei seiner Abschiedstournee nichts zu spüren.

Rotenburg - Der Leiter der Volkshochschule Michael Burgwald hatte gut daran getan, den Hamburger Kabarettisten Henning Venske am Samstag für einen bitterbösen Geschichtsexkurs im ausverkauften Kantor-Helmke-Haus zu verpflichten. „Just in Time“ möchte man auf Neudeutsch sagen, zieht der Grandseigneur des politischen Kabaretts mit seiner Tour „Summa summarum“ doch nicht nur ein Fazit aus mehr als 70 Jahren deutscher Nachkriegsgeschichte, sondern auch einen Strich unter 57 Jahre Bühnenpräsenz.

Keine Schande, geht Venske doch auf die 80 zu – ein Alter, das man ihm allerdings höchstens an der profunden Kenntnis eines Menschen anmerkt, der das, worüber er spricht, zum großen Teil selbst erlebt hat und mit scharfem, analytischen und schonungslosen Blick gnadenlos seziert.

Gleich vorweg: Der streitbare Geist, der in den 70er Jahren ob seiner teils radikalen Analysen des politischen Geschehens bei mehreren Sendern Hausverbot hatte, lacht nicht gern. Hanseatisch, würdevoll, mit einer Präsenz zwischen grauer Eminenz und Oberlehrer verlässt sich der Aufklärer in dem dunklen Anzug ganz auf die Macht seiner Worte und der dahinter stehenden Gedanken.

Parforceritt durch die Fehltritte deutscher Geschichte

Die feuert er so schnell ab, dass das Publikum dankbar ist, während der Stücke seiner „Bigband“ in Gestalt des Akkordeonisten Frank Grischek einige Momente Zeit zum Glätten der Gehirnwindungen zu haben. Seinen Parforceritt durch die Fehltritte deutscher Geschichte, die er pauschal als „Kohl-Ära“ tituliert, macht er an den Bundespräsidenten fest. An keinem lässt er ein gutes Haar: Lübke: der sauerländische Turborhetoriker; „Bruder Johannes“ Rau: ein Phrasendrescher; Weizsäcker: Geschäftsführer des Chemiekonzerns Böhringer, der mit „Agent Orange“ reich wurde. In der Rückschau ist sowieso alles Kohl, irgendwie.

Vom Mieder über die Grünkohljunkies der 68er Jahre bis zur Wiedervereinigung mit der „BRD & Co.KG“ – Venske macht keinen Hehl daraus, dass sein Herz sehr links schlägt; was jedoch nicht heißt, dass nicht auch die SPD, „heute als einer der fünf Flügel der neo-liberalen Einheitspartei“ ihr Fett abbekommt. So viel Schwarzseherei, so viel Sarkasmus – nicht umsonst bedient der großartige Mann am Akkordeon mit seinen Musikstücken passenderweise eher das Moll-Genre, wenn es nicht gerade um Walter Scheel mit seinem „Hoch auf dem gelben Wagen“ geht – strengt an.

Ab mit dem Finger in die Wunde

Venske ist „Old School“: Keine unnötige Mimik oder Gestik, keine billigen Ausrutscher unter die Gürtellinie, dafür messerscharfes Beobachten, Kombinieren, kompetente Hintergrundinformationen – und dann ab mit dem Finger in die Wunde. Manchmal erlaubt sich das personifizierte schlechte Gewissen allerdings eine Rhetorik, deren Sarkasmus reichlich weit geht, etwa, wenn er meint, die RAF sei nie etwas für ihn gewesen: „Viel zu ineffizient – was ist das schon gegen die Wehrmacht?“

Nichtsdestoweniger: Das altersmäßig zum Großteil nicht weit entfernte Publikum weiß die wortgewaltige Kritik zu schätzen. Am Ende des bitteren Fazits „Meine Generation hat nichts zustande gebracht als das Rauchverbot“ wird’s im Nachgang des zweistündigen Programms doch noch positiv – aber das ganz privat. Mit dem Sendungsbewusstsein vergangener Zeiten ruft er zu Aktionismus auf: „Findet euch nicht mit den sozialen Verhältnissen ab!“ und klappt energisch das Lesepult zu – endgültig, leider. J hey

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