Gymnasiallehrerin in politischer Lernphase

Anna Disterhof vertritt mehrere Minderheiten im Rotenburger Stadtrat

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Anna Disterhof mit Tochter Alissa vor einem ihrer eigenen Kunstwerke: Für Politik bleibt bei der jungen Mutter aktuell nicht viel Zeit. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Anna Disterhofs größte Aufgabe derzeit ist sieben Monate alt und krabbelt gerne quer durch die Wohnung. Es hat sich einiges verändert in der vergangenen Zeit im Leben der heute 33-Jährigen, im Mittelpunkt steht dabei natürlich Tochter Alissa. 

Sie ist auch der Grund, warum die Vorsitzende des Rotenburger Kulturausschusses ihr neues politisches Mandat aktuell nur gebremst ausüben kann. Ihre Überzeugung, sich engagieren zu wollen, ist aber ungebrochen.

286 Stimmen hat Disterhof am 11. September 2016 bei den Kommunalwahlen erhalten. Eine respektable Zahl für eine politische Neueinsteigerin, die zudem gar nicht aus der Kreisstadt kommt. „Mich haben vor allem die Russlanddeutschen gewählt“, ist sich Disterhof sicher. Sie ist mit ihren Stimmen als eine von zwölf CDU-Abgeordneten in den Stadtrat eingezogen, neun haben es wie sie direkt geschafft. Vielleicht macht es sich die junge Mutter mit dem Verweis auf ihre potenzielle Wählerschaft aber auch zu einfach. Denn Disterhof, als Achtjährige mit ihren Eltern aus Russland immigriert, vertritt nicht nur mit wenigen anderen Stadtratsabgeordneten die Rotenburger mit Migrationshintergrund, sondern sie ist auch jung und eine Frau. Besonderheiten: Nur zwei Kolleginnen im Stadtrat sind noch jünger, insgesamt sind nur elf von 35 Mandatsinhabern weiblich. Auch das für sie Gründe, sich zu engagieren. Im Vergleich zur Gesellschaft hinkten die Räte in ihrer Zusammensetzung hinterher, sagt sie.

Der CDU-Gemeindeverbandsvorsitzende Eike Holsten hatte Disterhof vor der Kommunalwahl 2016 angesprochen. Doch da war deren Entscheidung, sich zur Wahl zu stellen, eigentlich schon gefallen. „Galina Schüler hat ganze Arbeit geleistet“, sagt Disterhof mit einem Lächeln im Gesicht. Die Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in der Kreisstadt sei ein „herzensguter Mensch“, sagt die 33-Jährige, und überzeugend dazu. Als die CDU dann auf sie zugekommen sei, sei es ihr gar nicht so sehr um die Partei gegangen, sondern vor allem um die Menschen. „Da habe ich mich wohlgefühlt.“ Erst nach der Kommunalwahl tritt Disterhof selbst in die Partei ein.

Mit Politik hatte sie bis dahin nicht viel Berührungspunkte. Aufgewachsen in Delmenhorst, studiert sie in Vechta und Bremen Kunst und Mathematik auf Gymnasiallehramt, unterrichtet anschließend an der Oberschule in Thedinghausen. Ihre Passion ist die Kunst, sie malt, vornehmlich mit Acrylfarben, einige Ausstellungen zeigt sie in ihrer Heimatstadt. Der Liebe wegen verschlägt es sie schließlich vor sechs Jahren nach Rotenburg. „Ich war erstaunt, wie groß der Vertrauensvorschuss ist, den ich bekommen habe“, sagt sie über ihr neues „Hobby“ Politik.

Muss es „nicht jedem Recht machen“

Die CDU nominiert die Neueinsteigerin und ehemalige Kartoffelkönigin zur Kulturausschussvorsitzenden des Stadtrats. „Das Thema ist vielleicht nicht so präsent“, sagt die passionierte Malerin fast entschuldigend, außerdem könne man es im kulturellen Bereich „nicht jedem Recht machen“. Für Rotenburg insgesamt sieht sie trotz eines durchaus vorhandenen Angebots kultureller Angebote aller Art durchaus noch Steigerungspotenzial. „Es könnte mehr sein“, hält sie sich in der Beurteilung bereits politisch korrekt zurück.

Sich selbst bezeichnet sie noch in der Lernphase, was die Kommunalpolitik betrifft. Vielleicht sei es aber gar nicht so schlecht, den Blick von außen nicht zu verlieren. Manchmal, sagt sie, wenn man die Entscheidungsprozesse betrachtet, „schmunzelt man, manchmal freut man sich, manchmal schüttelt man aber auch den Kopf“. Die Einblicke in die Ratsarbeit seien aber immer wieder überraschend. Ein bisschen sei das, um im künstlerischen Bilde zu bleiben, wie der Blick hinter Theaterkulissen – erst mit diesem würden einem die Einzelheiten und Probleme klar, die zu Beschlüssen führten.

Wüsste sie die Lösung, wie man mehr junge Leute und auch Frauen in die Politik bringen könnte, „dann müssten wir nicht drüber reden“, sagt sie. Das Problem wäre gelöst. Vielleicht sei der Weg aber ganz einfach, wie bei ihr, über direkte Ansprache, auch über neue Medien und soziale Netzwerke. Denn dass die Jüngeren etwas zu sagen haben, da ist sich Disterhof sicher. Diese Perspektiven brauche man in der Politik.

Aktive Nachwuchsarbeit steht bei der 33-Jährigen, die derzeit in Elternzeit ist, natürlich in privater Hinsicht aktuell im Mittelpunkt. Aber auch in politischer Hinsicht: Tochter Alissa hat ihre erste Ratssitzung im Alter von einem Monat mitgemacht.

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